[LiSe 01/20] Literarische Archive (Folge 11)

„Wir haben alles Leben in der Hand …“ 

Aus dem Vorlass von Dagmar Nick in der Monacensia

Von Katrin Diehl

Das lässt sich doch vielleicht herausfinden. Heute jedenfalls eher als noch vor 30 Jahren. Im März 1988 nämlich bekam Dagmar Nick, die man mit Fug und Recht als eine der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen (Lyriker eingeschlossen) nach 1945 bezeichnen kann, da bekam die Dame also einen Anruf aus dem „Deutschen Museum“. Ein Ralf Bülow war dran, Mathematiker, Informatiker, im Forschungsinstitut des Museums mit dem Thema „Datenverarbeitung“ beschäftigt. Und der wollte wissen – besser gesagt – meinte bereits zu wissen, dass Nicks Gedicht „Wir“, das aus den 50er Jahren stammte, dass dieses „Wir“ das erste deutsche Gedicht sei, in dem das Wort „Roboter“ vorkomme („Wir haben Mut. Wir glauben an die Macht/des Robotergehirns./Wir gehen blindlings in die letzte Nacht/des sterbenden Gestirns./Wir haben alles Leben in der Hand“). Dagmar Nick weiß nicht so recht. Könnte das Wort nicht vielleicht schon früher, vielleicht in einem Gedicht von Benn gefallen sein? Bülow verspricht das zu prüfen, möchte aber trotzdem von ihr wissen, ob sie „ein sehr technisch interessierter Mensch sei“. „Nein, um Gotteswillen“, sagt Nick, und erzählt von ihrem Schock, als der erste Sputnik mit Hund „auf den Mond … oder in eine Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde“. (mehr …)

[LiSe 01/20] Buchtipps aus erster Hand

Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für Januar diese beiden Neuerscheinungen:

Gabriel Katz: Der Klavierspieler vom Gare du Nord
Fischer

Am öffentlichen Klavier in Paris kreuzen sich die Wege von Mathieu, der mit Mutter und kleinem Bruder in der Banlieue wohnt, und Pierre, dem Direktor des Konservatoriums. Später wird Mathieu bei einem Einbruch erwischt, und Pierre setzt sich dafür ein, dass er die Sozialstunden als Putzkraft im Konservatorium ableistet. Mathieu ist zunächst wenig begeistert, als Pierre ihn dann noch zur besten Lehrerin des Konservatoriums schickt … Der Protagonist muss viele Hindernisse überwinden, ehe es zu einem guten Ende kommt. Klar ist das Kitsch, aber den braucht man auch ab und zu. Für alle, die „Ziemlich beste Freunde“ liebten. (mehr …)

[LiSe 01/20] Kurzgeschichte: Hose aus Gold

Von Wolf Amberg

Die Prothetik, Herr Kollege, die Prothetik bringt Ihnen natürlich ein Vielfaches. Dieser Zahn zum Beispiel, hier auf dem Foto, wenn Sie den nur füllen, rechnen Sie nette 70 oder 80 Euro ab beim Kassenpatienten und sind nach einem halben Jahr praktisch ruiniert. Wenn Sie weiter so kleckern! Mit Füllungen wie vor 20 Jahren werden Sie es niemals zu einem guten, und das heißt auch finanziell erfolgreichen Zahnarzt bringen, niemals. Denken Sie daran. Gerade hier auf dem Land, im Bayerwald. Und Sie haben sich ja nicht zufällig bei mir hier draußen beworben – hier wollen die Menschen keine Füllungen mehr, grundsätzlich keine billigen Füllungen mehr, verstanden? (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Schreib jetzt gleich los!

Von Katrin Diehl

Wer kommt bei Doris Dörries neuestem Buch „Leben, schreiben, atmen“ auf seine Kosten? Auf jeden Fall die – und davon gibt es ja nicht wenige –, die sich für eben diese Doris Dörrie, eloquente wie präsente Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin, interessieren, die deren Filme mögen, deren Auftritte im öffentlichen Leben lieben, die sich daran erfreuen, dass München diese Frau hat. Denn Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen“ ist auch eine Autobiografie, eine, bei der sich die Autorin beim Erinnern über die Schulter blicken lässt. In über 50 Kurzkapiteln werden da Stories (mit einigen Redundanzen) zutage gefördert, die „Fans“ aus der neugierigen Presse bereits kennen mögen, die man sich aber auch gerne noch einmal persönlich von der Schreiberin schildern lässt. In „Leben, schreiben, atmen“ geht Doris Dörrie hinein in ihre schmerzlichsten wie glücklichsten Lebensmomente. Erzählte Episoden aus ihren USA-Aufenthalten nehmen einen breiten Raum ein. Dörrie beschreibt Szenen ihrer Freundschaften, deren Aufs und Abs, Katastrophen, Schicksalsschläge, die das Leben liefert, Neuanfänge, die es bereit hält für den, der es schafft, wieder aufzustehen. Denn auch das ist Doris Dörries Buch, eine Mutmachlektüre, die demonstriert, dass es offensichtlich dazugehört, ab und zu ganz schön vom Leben gebeutelt zu werden. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Herab zum Ursprung

Von Bernd Zabel

Eine vielzitierte Nahtoderfahrung besagt, dass im Moment des Hinscheidens noch einmal das gesamte Leben vorbeizieht. Lavinia, die Protagonistin in Dagmar Leupolds gleichnamigem Buch, erfährt so etwas. Ein Fall, ein Sturz aus dem 25. Stock eines Hochhauses am Hudson in New York dauert nur Sekunden, die erzählte Zeit dehnt sich aber auf fast 200 Seiten aus. Ungewöhnlich ist nur der Richtungswechsel. Es geht nicht hinab, es geht herab zum Anfang, zum Ursprung. Das Wortfeld „fallen“ wird durchdekliniert, eine Biografie aus Zu-, Zwischen- und Unfällen. In der Hauptrolle die Geschichte der Liebe, überhöht als Minne, denunziert als Übergriffigkeit und Gewalterfahrung. Bei Eins ist die Autorin, Jahrgang 1955, definitiv bei der aktuellen #me too – Bewegung angekommen. Da lässt sie Lavinia zum Rundumschlag ausholen. (mehr …)

Stadtbibliothek Fürstenried wieder eröffnet

Die Stadtbibliothek Fürstenried wurde am Freitag den 13. Dezember nach dreimonatiger Umzugspause neu eröffnet. Sie ist von ihrem altenStandort in der Forstenrieder Allee in das neue Gebäude in der Berner Straße 4 gezogen.
Damit haben die Bürgerinnen und Bürger im Quartier nicht nur „ihre“ Bibliothek mit einem eingespielten Bibliotheksteam wieder zu Verfügung. Sie haben zusätzlich eine Bibliothek, die neue Wege Richtung Zukunft beschreitet:

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Verleihung des Tukan-Preises an Herbert Kapfer

Herbert Kapfer, langjähriger Hörspielleiter des Bayerischen Rundfunks, wird am Dienstag, 17. Dezember, für sein Buch „1919. Fiktion“ mit dem Tukan-Preis 2019 ausgezeichnet. Mit dem mit 6.000 Euro dotierten Preis würdigt die Stadt München jährlich eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung einer Münchner Autorin oder eines Münchner Autoren. (mehr …)

[LiSe 12/19] Das Lyrik Kabinett feiert 30. Geburtstag

–  und sich selbst mit einer Gedichtanthologie

Von Slávka Rude-Porubská

Einer voll und ganz der Lyrik gewidmeten Institution nähert man sich am besten metaphorisch an: Die slowakische Poetin Mila Haugová vergleicht das lyrische Schaffen mit der Arbeit an einem Garten. Wie im Garten nämlich die Natur einem zähmenden Prinzip zu gehorchen hat und sich ihm gleichzeitig ständig zu entziehen versucht, so oszilliert die Lyrik zwischen dem ordnenden Prinzip der formalen Geschlossenheit und der Mehrdeutigkeit von Sinn- und Bildebenen, offener Bezüglichkeit – zu anderen dichterischen „Gärten“, Poetiken, Sprachregistern. In diesem Spannungsfeld von Beständigkeit und Wandel(barkeit) agiert äußerst erfolgreich auch das Münchner Lyrik Kabinett. 1989 als ein von Ursula Haeusgen auf Lyrik spezialisierter Buchladen gegründet, nach fünf Jahren zu einem Verein und 2003 zu einer gemeinnützigen Stiftung umgewandelt, verfolgt es konstant das Ziel, die Kenntnis und das Verständnis von Lyrik in der Gesellschaft zu fördern. Der 2005 in der Amalienstraße errichtete Glasbau, das Ergebnis des Gestaltungswillens, des mäzenatischen Muts und Netzwerktalents der Stiftungsgründerin, ist zum international anerkannten, „festen Ort für Poesie aller Sprachen und Zeiten“ geworden. Haeusgen hat LyrikliebhaberInnen in einem Freundeskreis mit mehr als 320 Mitgliedern organisiert und aktive MitstreiterInnen unter Verlags- und Medienleuten, WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen gewonnen, darunter Michael Krüger, Frieder von Ammon, Tobias Döring, Àxel Sanjosé, Kristina Maidt-Zinke, Verena Nolte oder Antonio Pellegrini. (mehr …)