[LiSe 07-08/26] Kurzgeschichte: Dieser Mann beobachtet uns

Von Emil Hinterstoisser

Dieser Mann beobachtet uns, sagte Josefine. Dieser Mann mit den dunklen, langen Haaren und dem dunklen, langen, vollen Bart hatte eine Kurve um uns gemacht, dabei grüßend genickt und sich nahe von uns ins Gras gesetzt, zu nahe, wie Josefine fand, und nicht nur Josefine fand das, auch ich fand, dass er sich zu nahe zu uns ins Gras gesetzt hatte. Er saß nicht frontal zu uns, nein, ich würde sagen, er saß in einem Winkel von etwa fünfunddreißig Grad zu uns, doch wenn er seinen Kopf um fünfunddreißig Grad drehte, blickte er frontal zu uns, was er gerade tat, als ich zu ihm hinüberblickte, und so blickten wir uns kurz in die Augen, ehe er seinen Kopf drehte, in welche Richtung und um wieviel Grad weiß ich nicht mehr, jedenfalls drehte er ihn, um nicht mehr frontal zu uns zu blicken. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen diese Neuerscheinungen:

Andréa Ager-Hanssen: Chaos

Hedda hat eine Lebenskrise. Ihre Masterarbeit raubt ihr den letzten Nerv, während sie von ihrem Freund, der ihr eigentlich zu Füßen liegt, schwanger ist. Und dann taucht auch noch ihr Vater wieder auf – Ex-Dotcom-Milliardär, charismatisch, ambitioniert, na ja: größenwahnsinnig und immer gerade so am Rande der Legalität balancierend. In der Folge trifft Hedda eine Reihe semiguter Entscheidungen, denn semigute Entscheidungen liegen nun mal in der Familie, und diese Tradition schreibt sie mustergültig fort. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Empfehlungen der Redaktion – Bücher für den Sommerurlaub

Im Rückspiegel
Die Idee, dass sich zwei alternde „Jungs“ (Ü 60) auf eine Reise zu ihren Wurzeln begeben, ist zugegebenermaßen nicht neu. Aber eine Roadnovel hat immer etwas Verführerisches. Martin Fuchs schickt in seinem Roman „Das endlose Blau“ nicht nur zwei alte Medien-Macker auf den Weg, sondern gesellt ihnen noch eine junge queere Person, die als Anhalter mitreist, und eine Exfreundin dazu, die erfreulich den Blickwinkel der Babyboomer um junge und weibliche bzw. diverse Themen erweitern. Ein geschasster Fernsehredakteur lässt sich spontan von seinem ehemaligen Kollegen, genannt „Chief“, zu einer Rundreise durch die Alpen bis an die ligurische Küste überreden. Beide haben Zeit, genügend Geld und einen protzigen Dienstwagen aus der Abfindung. Der Trip in die Vergangenheit nimmt interessante, manchmal pittoreske Wendungen. Es entsteht dabei das Abbild der westdeutschen Gesellschaft der 1970er Jahre. Dabei ist Fuchs’ Roman kein larmoyanter Abgesang. Eher lässt er uns über eigene Ansichten, Vorlieben und (Fehl-)Entscheidungen nachdenken. Ein sommerliches Lesevergnügen mit Tiefgang.
Michael Berwanger (mehr …)

[LiSe 06/26] Kolumne: Ein echter Wumms

„ich wär’ so gerne Millionär. Dann wär’ mein Konto niemals leer …“,

… haben schon 1991 Die Prinzen gesungen. Da gab es Günther Jauch noch nicht, der in schöner Regelmäßigkeit Otto Normalwisser dazu einlädt, in seiner Show genau diese Million einzuspielen. Spezielles Allgemeinwissen wäre neben einem kompetenten Telefonjoker und etwas Glück eine notwendige Voraussetzung. Eine andere Option, mit deutlich mehr Wartezeit verbunden, ist der Gewinn des Literaturnobelpreises. Denn die 11 Millionen Schwedischer  Kronen, die das noble Komitee spendiert, entsprechen rund 1 Million Euro. (mehr …)