[LiSe 04/21] Kolumne: Wandrers NachtApp

Damals auf dem Kickelhahn in Thüringen, vor gut 240 Jahren, wir haben das Jubiläum leider knapp verschlafen, im September 1780, hat die müde Hand des Weimarer Legationsrats, Chef der Bergbau- und Kriegskommission, ein paar unsterbliche Zeilen mit Bleistift ins Holz geritzt, etwa „in allen Wipfeln spürest du“ und „die Vögelein schweigen im Walde“. Ins Holz einer alten Schutzhütte, die später abgebrannt ist, man weiß nicht mehr ganz genau, wie der Originaltext eigentlich hieß. Und das mit dem „Bleistift“ wird einfach auch immer weitererzählt, obwohl es den damals noch gar nicht so gab. Ein Stück Graphit vielleicht, zugespitzt, ja, an dem er sich die Hände schmutzig machte, der Dichter J. W. Goethe, noch ohne „von“, und wer noch dabei war, ist auch nicht sicher. (mehr …)

[LiSe 04/21] Lyrische Kostprobe … und außer.dem

Der 1965 geborene Autor Armin Steigenberger war von 1998 bis 2000 Vorsitzender des Münchner Literaturbüros. Seit 2001 ist er Schriftsteller und Lektor, organisiert Lesungen sowie Schreibseminare. Er arbeitet als Moderator für das poesie[magazin] des Radiosenders LORA München, schreibt Lyrik, aber auch Romane, Theaterstücke und Rezensionen und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift außer.dem.

windmühle, -hose

die arme rudern wild, als krähten bretter.
da dreht sich was, mahlt schatten, kreist im wind.
was kreißt da nur? wächst aus dem schrot ein kind?
aus weizenslust ein innres brausen? wetter- (mehr …)

[LiSe 04/21] Literarische Archive (Folge 22): Nur da sein

Der Nachlass Grete Weils in der Monacensia

Von Katrin Diehl

Eines der „Objekte“, das zu dem in der Monacensia aufbewahrten Nachlass der Schriftstellerin Grete Weil (1906-1999) gehört, schiebt die wunderbaren Jahre, die sie hatte, weit, weit weg, die „unglaublich glückliche“ Kinderzeit, das viele Spielzeug, die lieben Menschen, die Tage in Egern am Tegernsee… „Ein Ort, in dem man zu Hause ist, wirklich zu Hause, auch dann noch, als über dem Ortsschild ein Transparent mit der Aufschrift hängt: ‚Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr‘ “, schrieb Grete Weil 1998 in ihrer Autobiografie „Leb ich denn, wenn andere leben“. Wolken zogen da auf, aber schön war es immer noch. Auch in der Stadt, in München, in der herzeigbaren Stadtvilla. Der Herr Vater, Siegfried Dispeker, ein angesehener „Geheimer Justizrat“, und seine Frau Bella empfingen gerne Gäste und auch der elf Jahre ältere Bruder Fritz war durchaus präsentabel, ein Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs mit Verdiensten. Der Grete geht es so richtig gut. „Ich war wahnsinnig verwöhnt. Ich brauchte nichts zu tun, brauchte nur da zu sein, wurde geliebt“, sollte sie später einmal sagen. (mehr …)

[LiSe 04/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat April diese Neuerscheinungen:

Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
dtv

In diesem Debütroman geht es um vier Generationen von Müttern und Töchtern, es geht um mütterliche Liebe, die nie genug ist, um Verletzungen und Kränkungen und es geht ums Überleben – das alles verpackt in 100 Jahre Familiengeschichte und Zeitgeschichte. Alena Schröder schafft es, darüber wunderbar frisch und mitreißend zu schreiben, und angenehm witzig wird es sogar streckenweise, wenn die 27-jahrige Hannah auf der Suche nach einem verschollenen Bild ihre Familiengeschichte begreifen will, während sie ihre eigene verkorkste Beziehung zu Männern durchlebt. (mehr …)

[LiSe 04/21] Kurzgeschichte: Brief an die Friseurin

Von Philipp Stoll

Sehr geehrte Frau Schulze,

ich schreibe Ihnen, weil der Anrufbeantworter ihres Geschäftstelefons keinen Speicherplatz mehr hat und mir nach dem Signalton nicht einmal Zeit blieb, Luft zu holen. Vermutlich rufen ständig Kunden an, um einen Termin zu vereinbaren, jetzt, da es wieder erlaubt ist. Auch ich gehöre zu denen, die dringend Ihrer Dienste bedürfen. Die Blicke meiner Frau werden von Tag zu Tag entnervter. Du schaust unmöglich aus, hat sie heute Morgen in ihrer Ehrlichkeit gesagt. Wie ein Schimpanse mit silbrig-brauner Mähne, greisenhaft verblödet und am Abend zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich finde Ehrlichkeit bei anderen Menschen nicht immer eine gute Eigenschaft. Die Details aus unserem Intimleben erspare ich Ihnen. Aber Sie sehen, meine Würde droht gänzlich zu verstrubbeln, und ich bitte Sie dringend um Wiederherstellung derselben. (mehr …)

[LiSe 04/21] Rezension: „Euphancholisches“ Erwachsenwerden

Benedict Wells’ Coming-of-Age-Roman „Hard Land“

Von Slávka Rude-Porubská

Altwerden ist nichts für Feiglinge – und Erwachsenwerden erst recht nicht. Daher hat es der 15-jährige Sam Turner aus Grady im US-Bundesstaat Missouri denkbar schwer: Der Ich-Erzähler im neuen Roman des aus München stammenden Autors Benedict Wells hält sich selbst für einen „unreifen Schisser“, einen Feigling und Loser. Wells gewinnt der fast stereotypen Figur des nerdigen Außenseiters, der in der Schulcafeteria stets allein am Tisch sitzt, überzeugende Konturen ab und schenkt ihm einen unvergesslichen Sommer, über den Sam im Rückblick resümiert: „Ich fühlte mich so, wie ich mich schon mein ganzes Leben fühlen wollte: übermütig und wach und mittendrin und unsterblich.“ (mehr …)