by LiSe | 27. Apr. 2015 | Blog, Kolumne
Die Operette spaltet bekanntlich die besten Familien. Der Onkel, ansonsten ein fabelhaft-ernsthafter Mensch, aber musikalisch ausschließlich auf Operette fixiert, von dem weiß man einfach, wes Geistes Kind, um hier mal den schweren Degen des Genetivs zu ziehen. Aber, aber, man darf ihre Hauptdarsteller nicht unterschätzen! Der verstorbene Oberst Muammar al-Gaddafi, Tyrann mit Sonnenbrille und blinkenden Orden, blutbesudelt und im Nebenberuf libyscher Lyriker (wir nähern uns buchstäblich unserem Hauptthema) schien bei manchen Foto-Auftritten so operettenaffin, als wollte er sogleich „Martha, Martha“ machen, und er hütete inmitten seines Landes jenes Y, um das es seit einigen Monaten (eigentlich) jenen beiden Buffogestalten geht, die durch unser TV-Wohnzimmer tänzeln, Yanis V und Alexis T.
Denn nicht um griechische Milliarden geht es. Die sind längst verloren, und Volkswirte warnen sogar vor den Folgen
erzwungener Rückzahlung – es geht um Y, den Exoten, der sich als 25ster von 26 Buchstaben entschädigungslos vom griechischen ins deutsche Alphabet eingeschlichen hat und den Anker bildet so wichtiger Begriffe wie „Lyrik“, „Mythos“ und – ja, warum es verschweigen – „Bayern“. Als Yanis Varoufakis, griechischer Finanzminister, den Deutschen angeblich den Mittelfinger zeigte, war das natürlich ein verunglücktes Y, nichts anderes, und es war als Drohung gemeint: Wir holen unseren griechischen Buchstaben zurück! Eine Katastrophe: Müthen, Lürik, ja auch Baiern, das seit 1825 durch königlich-philhellenisches Edikt eine griechische Wurzel bekam, wären ohne den Ur-Griechen nicht mehr denkbar. Man müsste dann schon ganz auf diese Begriffe verzichten. Und erst das Y-Chromosom! Als Geschlechtschromosom bewirkt es die „Ausbildung des männlichen Phänotyps“ – na schön, für manche Leserin wäre dieser Verlust noch am leichtesten zu verschmerzen, versteht sich. Eventuell verzichtbar auch die „Generation Y“, wie die Teenager-Generation zwischen 1990 und 2010 genannt wird, denn sie gilt als anspruchsvoll und sorglos in Geldfragen – aber in den Verhandlungen um TTIP würde Y von kulturlosen Ökonomen glatt wegrasiert. Und das, genau das kann der Buffo Yanis nicht wollen! Das Y den urkapitalistischen Amerikanern opfern!
Und so wird am Ende des Tages, da alles Operette, und Operette immer die Ausdehnung und Zuspitzung des Möglichen betreibt, ein Duett stehen und Yanis V. schließlich um die Hand von Angela Myrkel anhalten und sie wird „ya“ sagen und alles bleibt wunderbar Y.
WH.
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Kolumne
Nicht immer gibt es etwas zu lachen.
Vielleicht sitzen Sie gerade auf der Terrasse, fasziniert von der Aktienseite der FAZ, hören das Summen von oben gar nicht, das immer näher kommt. Die Rotbuche, noch etwas kahl, wirft ihren flirrenden Frühlingsschatten auf den Garten, als die Tochter plötzlich ruft:
„Papa, schau mal, da fliegt dein neuer Walser.“
Tatsächlich blinkt etwas über dem Baum, etwa 30 cm lang, hat zwei oder drei Propeller, versucht sich herabzusenken, kämpft sich durchs Geäst und setzt sich schließlich auf das alte Baumhaus, das Sie vor Jahren mit den Jungs gebaut haben. Ach, diese Buch-Drohne endlich, denken Sie, na das wurde aber auch Zeit. Kommt aber nicht bis zu Ihnen herunter, klinkt am Baumhaus den bestellten Roman aus und hebt ab, fiept.
Das alles ist nicht Sci-Fi, das ist technisch ausgereift, rechtlich weitgehend abgeklärt, Luftverkehrsverordnung, Lärmschutz-Abstandsregelung, Nachbarrechte usw., für ein paar Euro bekommt man ja so ein Flugteil im Fachhandel. Jetzt liegt das Buch aber auf dem Baumhaus. Guter Rat ist billig.
Sie rufen einfach Robbie zu sich. Den Roboter vom letzten Weihnachtsbaumpaket. Geschenk der erwachsenen Söhne. Ihre Tochter legt ihm frische Akkus ein. Die Leiter zum Baumhaus ist längst morsch. Kein Mensch kommt da mehr hoch.
Sie flüstern in seinen Mini-Membrantrichter die Worte „Baum, klettern, Buch holen“, und schon wackelt er los und krallt sich mit seinen spitzen Greiffingerchen und Zehen in den glatten Stamm der Buche, verschwindet affenartig zwischen Ästen und Baumhaus, greift sich das Buch, mehr können Sie nicht erkennen, dann passiert nichts mehr. Es wird Abend. Amadrohn ist inzwischen über der Buche aufgestiegen, Ihr Handy hat gepiepst und gemeldet „Der neue Walser ist geliefert.“ – Sie hatten zwar Stephen King bestellt, „Joyland“, aber Buch ist Buch, und so genau muss man‘s schließlich auch nicht immer nehmen.
Robbie kommt aber nicht mehr herunter. Die Drohne kreist noch einmal über dem Haus und dreht dann ab, Sie werden unruhig. Der Hausroboter sollte das Buch längst …
Wahrscheinlich werden Sie Ihren Kollegen beim nächsten Meeting erzählen, was passiert ist, und jeder kann eine andere kleine Geschichte von seinem Robbie oder der Drohne beisteuern. Ihren haben Sie vom Balkon aus mit dem Fernglas gesehen, wie er in den Roman vertieft auf dem Baumhaus saß und las und eingeschlafen ist über (dann doch) S. King und erst am nächsten Tag das Buch auf den Gartenstuhl gelegt hat – das ist doch ganz normal, er ist eben Walser-Fan. Die Kollegen werden Ihnen noch ganz andere Stories erzählen. In Bälde.
WH.
by LiSe | 1. März 2015 | Blog, Kolumne
Lyrik, ach, wo bleibt dein Frühling! Der Frost krallt sich in die Erde bis tief hinein in den März, und auch das zarte Pflänzchen Lyrik wagt sich zwischen den Eisplatten von Krimis und Thrillern, der Lava dröger, dickleibiger Prosa kaum ans Licht. Poesie spreizt sich aber auch, ist pubertär, abweisend, streitlustig und will nicht immer verstanden werden. Aber: Lyrik ist auch, was im Ohr hängen bleibt, gesungen, geschmalzt, geträllert. Wer wusste das besser, als der Großlyriker Udo Bockelmann alias Jürgens, de mortuis nil nisi: „Siebzehn Jahr, blondes Haar…“, ist das nicht eigentlich ein verkapptes Frühlingspoem? Kaum ein anderer oder wagen wir zu sagen: Kein anderer hat es geschafft, derart viele lyrische Ohrwürmer in unsere Gehirne zu pflanzen, wie der ewige große Junge, der nach Konzerten im weißen Bademantel vom Podium herunter Jung und Alt die Hände reichte und reichen wollte bis in alle Ewigkeit – 60 Jahre Erfolg auf Erfolg . Über 100 Millionen Tonträger verkauft. Und doch, der Zweifel nagt: Musste er seine Tournee mit 80 Jahren „Mitten im Leben“ nennen? War das nicht klassische Lyriker-Hybris, wie sie seit eh und jäh bestraft wird?
Hölderlin, null Tonträger, hatte übermütig 1798, weh mir wo nehm ich, wenn es Winter ist, die „Hälfte des Lebens“ besungen, wohl in der Annahme, die zweite läge noch vor ihm und erlitt damit Schiffbruch, weil er schon wenige Jahre danach (manche sagen, schon während) in geistige Umnachtung geholt wurde – von den Göttern, ganz offenbar, wo er mit ihnen im Dunklen diese zweite Halbzeit spielen musste. Hängen wir den weißen Bademantel von Udo J. nur einmal probeweise um die Schultern des Nürtingers Friedrich H., so wird schnell deutlich, dass dieser wohl noch nicht einmal in der nächtlichen Hälfte seines Lebens derart albernweiß ummäntelt auf den Gedanken verfallen wäre, seine Fans zu verabschieden, wobei andererseits er eben nie in die Verlegenheit des Händeschüttelns – Schiffbruch? Wenn das nicht das eigentliche Thema des Dichters ist, was dann?
Er darf, er soll sein Schiff verlieren. Am besten in jedem Gedicht. Aufbrechen, Risiko, das Gewohnte verlassen usw. Michael Krüger hat Recht, wenn er, wie jetzt auf der Poetica 1 in Köln sich zur Poesie bekennt: Sie kann spannend sein, existentiell, geheimnisvoll, umwerfend. Aber eben auch siebzehn Jahr blondes Haar; oder um es mit Enzensberger auf den Punkt zu bringen: „Lyrik nervt“.
WH.
by LiSe | 1. Feb. 2015 | Blog, Kolumne
Schneeziegen, korrekt oreanus americanus, leiden, und das stimmt nachdenklich, seit fünf Jahren unter einem Geburtenrückgang von 75 Prozent.
Kanadische Forscher, die den Ziegen seit vielen Jahren in aufreibenden Feldstudien nachsteigen, schwanken, ob dies am räuberischen Puma liegt oder an anderen Stressfaktoren. Die Weibchen, und das soll jetzt kein Vorwurf sein, gebären eben auch erst sehr spät, nämlich mit fünf Jahren und dann auch nur jeweils ein einziges Zicklein!
„Ein weites Feld“ hätte Theodor Fontane dazu vermutlich bemerkt. Der Autor (1819–1898), der sich in einem gut erhaltenen Brief an seine Frau als „Sonntagsschriftsteller“ bezeichnete, bei dem es „nur dröppelt“ und keineswegs „strömt“, hätte derlei Forschungsergebnis im Berlin der 1860er Jahre, wenn es denn zu ihm vorgedrungen wäre, sicher mit Bedauern kommentiert.
Das Faktum, dass sich eine Forschergruppe jahrelang in den Bergen herumtreibt, um aus dem Kot der weiblichen Ziegen prüfend und wertend Stresshormone zu gewinnen und Rückschlüsse auf deren Gebährlust zu ziehen, ist bemerkenswert, zeigt es doch wieder einmal den engen Zusammenhang von Interesse und Erkenntnis. Auch weisen die Forscher es als „Mythos“ zurück, wonach Adler mit ihren Schwingen die kleinen Kitze von den Klippen in die tödliche Tiefe stürzen. Möglicherweise entdecken wir hier sogar gerade eine wunderbare „Wandersage“ ähnlich der, die den Yeti umkreist oder die Spinne in der Yuccapalme. Wenn es diese Erzählungen und den schönen Begriff dazu in Zeiten des Dichters nur schon gegeben hätte! Doch das überlassen wir jetzt mal bis auf weiteres der Sprachforschung.
Manches, wenn schon nicht alles ist eben eine Frage des Angebots. Bedeutende deutsche Dichter aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben wir nicht allzu viele, weshalb die Forschung ihren Blick konzentriert auf das Vorhandene lenkt. Und da haben wir eben den Text-Auswurf des durchaus schreibfreudigen Dichters T. Fontane – von wegen „dröppelt“: Mehr als 10.000 seiner Original-Handschriften und 12.000 Blatt Kopien verschollener Original-Texte will das Potsdamer Fontane-Archiv nach jüngsten Meldungen für das Internet „aufbereiten“ und ins Netz stellen. Die Fontane-Forschung wird befruchtet und beflügelt werden! Man kann sich vorstellen, wie der künftige, junge Fontane-Forscher sich behände und gämsengleich zwischen den Texten bewegt, ihnen – pardon – Proben entnimmt, diese prüft und bewertet.
Wer die Schneeziege in den eisigen Höhen der Rocky Mountains erforschen will, so heißt es, muss eben schwindelfrei sein. Nicht nur der und nicht nur das.
WH.
by LiSe | 1. Dez. 2014 | Blog, Kolumne
Sie haben auch dieses Jahr nicht den Anruf aus Stockholm bekommen am 9. Oktober vormittags? – Ein Mann, meist heißt er Engholm, Ekström oder ähnlich, der sehr gebrochen Deutsch spricht und Ihre IBAN, BIC und SWIFT verlangt zwecks Überweisung eines Betrags von, sagen wir mal, 870.000 Euro, und lockt mit der Übergabe des Literatur-Nobelpreises? Meist klingelt es ja schon um 10 Uhr MEZ, was auch erklärt, dass amerikanische Preisträger erzählen, was sie nach Mitternacht an Spannung und Überraschung Tolles erlebt haben, während „unser“ (das dürfen wir doch sagen, Günter, oder?) GG dem Vernehmen nach gerade beim Zahnarzt unter dem Bohrer gelegen haben soll, einer Krone wegen, und, typisch wieder, Samuel Beckett ganz lässig auf Safari war. „Dem Vernehmen nach“ – während es bis 1999 noch hieß, „aus gewöhnlich gut unterrichteter Quelle“, müsste es seither wohl „Internet-Quelle“ heißen, denn daraus sprudelt all das, was Journalisten so verbreiten.
Aber zurück zu Nobel. Am 10. Dezember um 19 Uhr kulminiert das Ganze in einem Stockholmer Bankett, in der kältesten und finstersten Zeit des Jahres, und man munkelt ja, dass diese finstere „Verleihung“ für den Geehrten den künstlerischen Todeskuss bedeutet, weil nur sehr selten einer von ihnen danach noch wirklich produktiv war – „unser“ Thomas Mann ausgenommen, der ja als einziger sogar nach der Verleihung noch ein zweites Mal für den NP nominiert wurde, womit wir endlich beim Nobel-Tratsch angelangt wären. Dieser wird durch „Protokolle“ gefüttert, die jeweils 50 Jahre nach der entscheidenden Sitzung des Nobel-Komitees veröffentlicht werden, weshalb wir dann auch erfahren, wer haarscharf an der Ehrung vorbei geschrammt ist – Graham Greene etwa, die Blixen oder, jaja, Hans Carossa, unser Mann aus Niederbayern.
Der Nobel-Tratsch lässt sich grob einteilen in den externen und den internen. Dieser ist der Interessantere, weil er jene Blähungen aus dem Magen-Darm-Trakt der zuständigen Akademie bündelt, nach denen wir uns sehnen: Wer wurde warum abgelehnt, wieso wurde der „Zauberberg“ verworfen und weshalb konnten die Franzosen mit Patrick Modiano jetzt die Deutschsprachler übertreffen, und: Wann geht denen da oben eigentlich das Geld aus? Hinter der Hand geflüstert: Es sollen über zwei Milliarden Kronen auf dem Konto liegen – nicht Zahn-, sondern Schweden-, na also, es bleibt noch Hoffnung, bis nächsten Oktober!
WH.
by LiSe | 1. Nov. 2014 | Blog, Kolumne
Die großen Preise sind vergeben, die aus Stockholm und aus Frankfurt, und der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis 2015 schon jetzt an Christoph Süß. Wieder ein Kabarettist, kann man wohlig seufzen, alles bleibt doch beim Alten in dieser hektischen Zeit, und sich beruhigt zurücklehnen, dem Nieselregen durch das Fenster zusehen, den Laubbläsern lauschen, die auf den städtischen Fußwegen toben wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Gräber sind bestellt, und du bist froh, wenn du noch nicht auf Mephistos Shortlist stehst. Da lässt sich gut eintauchen in die wirkliche, eigentliche Lesesaison des Jahres, die dunkle nasse Jahreszeit. Doch womit bitte, ohne bitter enttäuscht zu werden?
Mindestens elf Fernsehsendungen von Heinz Sichrovsky (ORF 3) bis Denis Scheck (ARD und SWR), buhlen um uns Leser – aber wollen wir wirklich über 29,95 Euro zahlen für den neuen (Bleeding Edge) Thomas Pinchon oder gar den Wälzer (Breaking News) von Frank Schätzing, der angeblich spannend sein soll und doch nur nach second hand schmeckt?
Die Süddeutsche Zeitung hat sich vor einigen Wochen den Spaß erlaubt, fünf hochgelobten, „wunderbaren“ Reisezielen auf den Zahn zu fühlen. Eine Mückeninsel vor Irland war dabei und altgriechisches Gemäuer an der Costa Brava. Man kennt das ja: Den „großartigen, einmaligen“ Naturpark, für den du mit Kindern 35 Euro Eintritt zahlst und bei sengender Hitze gerade mal einem müde wiederkäuenden Hirschen und anderthalb Wildsäuen begegnest – so ähnlich fühlen wir uns oft nach verlockenden Buchbesprechungen, Preisverleihungsspektakel oder Bestsellergegaukel. Vor allem mit heißer Nadel genähte Zweit-Werke und Drittlinge drohen abzustürzen. Konnte man etwa den ersten Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, gerade noch als Schelm ertragen, ringt die schnell nachgelegte „Analphabetin“ mühsam um Gags. Oder Schirach, der Berliner Erfolgsanwalt: Konnte er uns in seinem ersten „Verbrechen“ noch verblüffen, fallen Zweit-und Drittling leider deutlich ab, ähnlich bei Schlink, falls uns sein reichlich konstruierter „Vorleser“ je überzeugt hat.
Auch Ildyko von Kürthy steckt mit „flotter Schreibe“ schon länger im Hamsterrad. Nachdem wir bei ihrem ersten Roman vor Jahren unter dem Radar der Geschmackswärter noch durchgetaucht waren und die Paarungsrituale genießen konnten, kam danach immer das Gleiche. Positive Überraschungen gibt es natürlich auch. Wir erinnern uns – jaja – an manche vergnüglich-tiefgründige erste 80 Seiten des guten alten Martin Walser, oder an Donna Tartt, die sich sehr entschleunigt an die Arbeit macht und uns alle zehn Jahre mit gewitzten Dialogen, Einfällen, Spannung belohnt. Auch ein Streifzug durch die Longlist-Leseproben des Deutschen Buchpreises kann spannend sein – man muss ja nicht unbedingt beim Gewinner hängen bleiben .
WH.