by LiSe | 1. Dez. 2014 | Blog, Kolumne
Sie haben auch dieses Jahr nicht den Anruf aus Stockholm bekommen am 9. Oktober vormittags? – Ein Mann, meist heißt er Engholm, Ekström oder ähnlich, der sehr gebrochen Deutsch spricht und Ihre IBAN, BIC und SWIFT verlangt zwecks Überweisung eines Betrags von, sagen wir mal, 870.000 Euro, und lockt mit der Übergabe des Literatur-Nobelpreises? Meist klingelt es ja schon um 10 Uhr MEZ, was auch erklärt, dass amerikanische Preisträger erzählen, was sie nach Mitternacht an Spannung und Überraschung Tolles erlebt haben, während „unser“ (das dürfen wir doch sagen, Günter, oder?) GG dem Vernehmen nach gerade beim Zahnarzt unter dem Bohrer gelegen haben soll, einer Krone wegen, und, typisch wieder, Samuel Beckett ganz lässig auf Safari war. „Dem Vernehmen nach“ – während es bis 1999 noch hieß, „aus gewöhnlich gut unterrichteter Quelle“, müsste es seither wohl „Internet-Quelle“ heißen, denn daraus sprudelt all das, was Journalisten so verbreiten.
Aber zurück zu Nobel. Am 10. Dezember um 19 Uhr kulminiert das Ganze in einem Stockholmer Bankett, in der kältesten und finstersten Zeit des Jahres, und man munkelt ja, dass diese finstere „Verleihung“ für den Geehrten den künstlerischen Todeskuss bedeutet, weil nur sehr selten einer von ihnen danach noch wirklich produktiv war – „unser“ Thomas Mann ausgenommen, der ja als einziger sogar nach der Verleihung noch ein zweites Mal für den NP nominiert wurde, womit wir endlich beim Nobel-Tratsch angelangt wären. Dieser wird durch „Protokolle“ gefüttert, die jeweils 50 Jahre nach der entscheidenden Sitzung des Nobel-Komitees veröffentlicht werden, weshalb wir dann auch erfahren, wer haarscharf an der Ehrung vorbei geschrammt ist – Graham Greene etwa, die Blixen oder, jaja, Hans Carossa, unser Mann aus Niederbayern.
Der Nobel-Tratsch lässt sich grob einteilen in den externen und den internen. Dieser ist der Interessantere, weil er jene Blähungen aus dem Magen-Darm-Trakt der zuständigen Akademie bündelt, nach denen wir uns sehnen: Wer wurde warum abgelehnt, wieso wurde der „Zauberberg“ verworfen und weshalb konnten die Franzosen mit Patrick Modiano jetzt die Deutschsprachler übertreffen, und: Wann geht denen da oben eigentlich das Geld aus? Hinter der Hand geflüstert: Es sollen über zwei Milliarden Kronen auf dem Konto liegen – nicht Zahn-, sondern Schweden-, na also, es bleibt noch Hoffnung, bis nächsten Oktober!
WH.
by LiSe | 1. Nov. 2014 | Blog, Kolumne
Die großen Preise sind vergeben, die aus Stockholm und aus Frankfurt, und der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis 2015 schon jetzt an Christoph Süß. Wieder ein Kabarettist, kann man wohlig seufzen, alles bleibt doch beim Alten in dieser hektischen Zeit, und sich beruhigt zurücklehnen, dem Nieselregen durch das Fenster zusehen, den Laubbläsern lauschen, die auf den städtischen Fußwegen toben wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Gräber sind bestellt, und du bist froh, wenn du noch nicht auf Mephistos Shortlist stehst. Da lässt sich gut eintauchen in die wirkliche, eigentliche Lesesaison des Jahres, die dunkle nasse Jahreszeit. Doch womit bitte, ohne bitter enttäuscht zu werden?
Mindestens elf Fernsehsendungen von Heinz Sichrovsky (ORF 3) bis Denis Scheck (ARD und SWR), buhlen um uns Leser – aber wollen wir wirklich über 29,95 Euro zahlen für den neuen (Bleeding Edge) Thomas Pinchon oder gar den Wälzer (Breaking News) von Frank Schätzing, der angeblich spannend sein soll und doch nur nach second hand schmeckt?
Die Süddeutsche Zeitung hat sich vor einigen Wochen den Spaß erlaubt, fünf hochgelobten, „wunderbaren“ Reisezielen auf den Zahn zu fühlen. Eine Mückeninsel vor Irland war dabei und altgriechisches Gemäuer an der Costa Brava. Man kennt das ja: Den „großartigen, einmaligen“ Naturpark, für den du mit Kindern 35 Euro Eintritt zahlst und bei sengender Hitze gerade mal einem müde wiederkäuenden Hirschen und anderthalb Wildsäuen begegnest – so ähnlich fühlen wir uns oft nach verlockenden Buchbesprechungen, Preisverleihungsspektakel oder Bestsellergegaukel. Vor allem mit heißer Nadel genähte Zweit-Werke und Drittlinge drohen abzustürzen. Konnte man etwa den ersten Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, gerade noch als Schelm ertragen, ringt die schnell nachgelegte „Analphabetin“ mühsam um Gags. Oder Schirach, der Berliner Erfolgsanwalt: Konnte er uns in seinem ersten „Verbrechen“ noch verblüffen, fallen Zweit-und Drittling leider deutlich ab, ähnlich bei Schlink, falls uns sein reichlich konstruierter „Vorleser“ je überzeugt hat.
Auch Ildyko von Kürthy steckt mit „flotter Schreibe“ schon länger im Hamsterrad. Nachdem wir bei ihrem ersten Roman vor Jahren unter dem Radar der Geschmackswärter noch durchgetaucht waren und die Paarungsrituale genießen konnten, kam danach immer das Gleiche. Positive Überraschungen gibt es natürlich auch. Wir erinnern uns – jaja – an manche vergnüglich-tiefgründige erste 80 Seiten des guten alten Martin Walser, oder an Donna Tartt, die sich sehr entschleunigt an die Arbeit macht und uns alle zehn Jahre mit gewitzten Dialogen, Einfällen, Spannung belohnt. Auch ein Streifzug durch die Longlist-Leseproben des Deutschen Buchpreises kann spannend sein – man muss ja nicht unbedingt beim Gewinner hängen bleiben .
WH.
by LiSe | 1. Juni 2014 | Blog, Kolumne
Der hoch gebildete literarische Mensch, wenn er von Zeit zu Zeit aus seinen Büchern aufblickt, aufhorcht, muss sich eingestehen, dass – sofern er nicht dreifachverglast und schalldicht energetisch saniert lebt – es ein Draußen gibt. Und dass von dort draußen um diese Jahreszeit ein unglaubliches Zwitschern, Keckern und Tirrillieren zu ihm hereindringt, das ihn kaum noch konzentriert seinen Homer oder Sloterdijk im Original studieren lässt. Hauptakteur ist nicht etwa der Grünspecht, der nach Art der Literaturkritiker gern ein schrilles Hohnlachen ausstößt, das er in 4-5 Terzen abwärts vorträgt. Was ihm für 2014 verdientermaßen den Titel „Vogel des Jahres“ eingebracht hat. Er ist stark bedroht und lebt von kleinsten Vergnügungen, von Ameisen zum Beispiel. Hauptdarsteller vielmehr ist die Amsel, die schon von Shakespeare (450) in jenem 3. Akt von „Romeo und Julia“ mit der Lerche verwechselt wird, denn was sollte schon eine Lerche im städtischen Verona zu suchen haben – vor dem Morgengrauen singen nur die Amseln.
Sie haben in ihrer großen Mehrheit auf ihren winterlichen Ausflug nach Marokko verzichtet, sich den feuchtkalten Winter Münchens um die Schnäbel geschlagen und ihre Energie ganz der Kunst geweiht anstatt dem sinnlosen Hin- und Hergefliege. Lyriker wie Paul McCartney („Blackbird in the dead of night“) und Sarah Kirsch („…Darling flüstert die Amsel“) haben sie dafür in ihren Werken verewigt. Der kriegsverwirrte Robert Musil hat ihr (post gerrum) eine Erzählung („Die Amsel“) gewidmet, in der er Jugend, Kriegsgrauen und Muttersehnsucht verbindet mit einem mystischen Amselerlebnis, als könnte diese unscheinbare Künstlerin mit ihrer dunklen Herkunft und Kraft seine Wunden heilen. Als würde sie als geheimnisvolle Botin einer anderen Welt Grenzen mühelos durchfliegen – eine sehr wahrscheinlich von Selbstzweifeln durchdrungene Thomas Mannsche Künstlerexistenz, die, inzwischen dickbauchig und schwer, irgendwann in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts beschlossen hat, den winterlichen Fernflug zugunsten ihrer ökologischen und künstlerischen Ideale aufzugeben und sich ganz und gar der Musik hinzugeben. Wobei die fliegenden Troubadoure den schönen Nebenzweck verfolgen, das fruchtbarste Weibchen anzulocken. Auch hier dem schon erwähnten Thomas Mann ganz ähnlich.
Dass die Amsel gelegentlich auch andere plagiiert, ohne die Quelle anzugeben, muss als der kleine modische Makel gelten, den man Großen gern vergibt. So könnten wir uns alle an den Händen nehmen und das Glück durch Tirrillütirrütirrü mit gespitzten Mündern für uns ganz erfassen, gäbe es nicht diesen Schönheitsfleck der Vogelforschung: dass angeblich nur die Männchen schön singen. Doch Schluss jetzt. Dieser Genderdiskurs ist denn doch ein weites, allzu weites Feld zwischen München und, nun ja, dem Amselfeld.
WH.
by LiSe | 1. Mai 2014 | Blog, Kolumne
Literaturpreise, so möchte man sich irren, gibt es in München genug, auch wenn die meisten von ihnen in kleinem Kreis mit kleinem Preisgeld ihre Helden finden. Die wurden bis vor kurzem an grauhaarige, verdiente Dichterinnen und Dichter vergeben, sodass die Chancen für jüngere Lyriker von vornherein schlecht standen, wenn sie nicht schon bei Suhrkamp – und wer hatte das schon … Wie aber wirft man einen neuen Preis, einen Preis mit neuem Ansatz, mit frischen Ideen auf den satten Markt?
Du brauchst schon mindestens drei Zutaten: Raum, Zeit und Eitelkeit – kein Geld? Nicht sofort, also das können wir gleich mal festhalten, Geld ist nicht das Wichtigste – es ist die Zeit, die man hineinstecken muss, und eine gute Messerspitze Eitelkeit, die sich nicht in Selbstverliebtheit verliert. Zum Beispiel: Der „Lyrikpreis München“ – so wurde eine neue Prämie anno 2010 genannt, die seitdem viermal verliehen wurde. Sein „Alleinstellungsmerkmal“: Er ist der einzige Wettbewerb in Deutschland, der in mehreren (2-3) öffentlichen Veranstaltungen die Kandidaten aussiebt und die „Vorrundensieger“ dann in einem Finale antreten lässt. Die Qualität der Texte verblüfft. Teilnehmer finden sich in anerkannten Internet- und Lyrik-Zeitschriften, so etwa der Finalist von 2011, Sascha Kokot, 31, in der jüngsten Ausgabe der „Akzente“, einige kamen in die engere Auswahl beim Leonce-und-Lena-Preis, dem deutschen Lyrik-Ritterschlag.
Das Münchner Literaturbüro (MLB) mit Stein Vaaler, Kristian Kühn und Hans-Karl Fischer suchte 2008 zunächst Mitstreiter und Sponsoren etwa bei der Stadt München, aber die winkte ab. Schon der Name „Münchner Lyrikpreis“ gefiel nicht, weil der Preis ja nicht von der Stadt gestiftet wurde, gilt allerdings auch für die Weißwurst, die sich dennoch „Münchner“ nennen darf, aber das ist ja eben: etablierte Wurst. Ein frischer Lyrikpreis dagegen darf „München“ nur hinten tragen. Also „Lyrikpreis München“. Der bat erstmals im Frühjahr 2010 Autoren ohne Alters- und Themengrenzen per Internet-Ausschreibung in die Milchstraße 4 zu Vortrag und Diskussion. Zunächst hatte eine „Vorjury“ aus etwa 100 Einsendungen die sechs besten Texte herauszupicken. Dann kamen die Vorrunden. Dann das Finale. Alljährlich. Eine fachlich versierte Jury aus Sprach-Professoren und Medienprofis zu finden, deren Mitglieder belastbar und diskursfreudig sind – das allerdings ist, neben dem „Aussieben“, noch immer die härteste Arbeit.
Und das liebe Geld? Sponsoren kommen und gehen, mal eine Bank, mal ein Anonymus – ein „Gschmackerl“ hat der Beitrag von 10,- Euro pro Teilnehmer, der aber gerade mal ausreicht für Anreise- und notfalls Übernachtungskosten von Juroren und Dichtern. Deshalb: Es ist nicht wichtig, aber der erste Preis mit 1.000,- Euro sucht nach einem Scheich, der ihn verdreifacht, mindestens, denn Dichter fliegen gerne hoch und weit – das kostet!
W.H.
by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Kolumne
Sie sitzen in der U-Bahn, breiten gemütlich Ihre AZ aus und merken, der Stoffel gegenüber liest mit. Sie blättern schnell um, um ihn zu ärgern. Frage an den Moraltheologen: Darf der das, obwohl er nichts bezahlt hat, einfach mitlesen, und ist es fair, schnell umzu-blättern, und warum wird das beides in Zukunft nicht mehr vorkommen? a. weil es die AZ nicht mehr gibt oder b. weil man sie im Smartphone liest? – So oder so, auf jeden Fall stirbt der stille Mitleser aus und mit ihm so manche charmante Gesprächseröffnung.
Absterben; aussterben, das sind wir gewohnt, Wörter sterben, Gewohnheiten, selbst das „Waldsterben“, ein Wort, das Nachbarländer von uns übernommen haben, ist fast ausgestorben. Unsere Väter zogen noch den Hut, wenn sie einem Bekannten begegneten, und setzten ihren Stetson schnell wieder auf ein ständiges ab – und auf: ausgestorben. Pflanzen und Tiere sowieso. Indiens 14000 freie Leoparden, bedroht, aber auch Zugvögel.100 Millionen ziehen jedes Jahr über uns hinweg, zweimal. Extrem bedroht, diese Leute. Rilke war auch so einer. Ständig in Bewegung gewesen, bedroht, der Mann. Er hat es aber auch übertrieben. Schreibt im März 1917 an eine seiner Damen (darf man das überhaupt?): „München wird immer mehr ein Gräuel für mich“ – und verlässt unsere herzliche Weltstadt Ende 1918 für immer. (Jetzt ist er in einem trostlosen Nest im Wallis begraben.) Wörter, Wendungen sterben aus. „Aber Hallo“ – vor wenigen Jahren noch der Hit, wurde ständig eingestreut, wie Zucker „Ich komm grad aus dem Bad, aber hallo“ –„Aber hallo, sie hat mich glatt vergessen“ – schon gestorben – abgelöst von „okay“ „Gestern ist mein Vater gestorben“ „Okay und was jetzt?“ Man kann sich also trösten. Es kommen Neuwörter. Neusachen. Der Papst dankt ab – also „Altpapst“ wie Altkanzler. Wäre schön gewesen, hat sich aber nicht durchgesetzt. „Nullerjahre“ – mein Gott, dieses Scheusal hat sich durchgeboxt, was haben wir dagegen gekämpft, sinnlos, Schnullerjahre. Nicht immer setzt sich das Bessere durch.
Und: Das Buch, na klar. Das muss ja jetzt kommen. Jetzt P-Buch genannt im Gegensatz zum prosperierenden jungen, dynamischen E-Book. Oder auch, sagen wir mal, das P-Journal, die Zeitung. Schon auf Saurierkurs. Die gute alte Gutenberg- welt. Oder wie Bitkom das ausdrückt, die IT Branchen-Lobby: Bedrucktes Papier verschwindet aus dem „öffentlichen Raum“, also aus U-und S-Bahn, Schwimmbädern und Flughäfen. Schon jeder Fünfte liest elektronische Bücher, nur 19,4 Prozent der Bürger sind papiertreu und lehnen das grundsätzlich ab. 60 Prozent lesen ihre E-Books auf Smartphones. Der Zuwachs soll rasant sein, auch wenn man sich mit dem neuen Medium weder Luft zufächeln noch wärmen kann, und schon gar nicht kannst du etwas anstreichen oder ausschneiden und den Artikel deinem Sohn oder Partner rot unterstrichen auf den Frühstücksplatz legen. Vor allem aber: Das Rascheln fehlt, das uns meldet, aber hallo, der andere ist da.
W.H.
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Kolumne
1814 war doch jenes Jahr, als Bayern tatsächlich Tirol an Österreich abgab und Napoleon zum Nachdenken nach Elba geschickt wurde. Scrawlen wir weitere 100 Jahre rückwärts und richten unser durch 69 Friedensjahre empfindsam geschliffenes Fernglas auf das Jahr 1714, so sehen wir Österreich in einen seiner Türkenkriege ziehen, und dazwischen, in Frankfurt (a. M.) anno 1759, entdecken wir – Goethe! Den neunjährigen Knaben, wie er verletzte, verwundete und verstümmelte Männer sieht, die durch die Straßen der Stadt am Karfreitag, dem 13. April, zurückgeschleppt werden vom Schlachtfeld in Bergen, dem heutigen Bergen-Enkheim, einen Steinwurf von Frankfurt entfernt. Das elterliche Haus, am Hirschgraben, gerade frisch renoviert, war schon im Januar 1759 von französischen Soldaten besetzt worden. Graf Thoranc, 40, lebte monatelang dort mit seinen Leuten. Der Vater des Dichters entging (als Anhänger Preußens) wegen einer unbeherrschten Äußerung nur knapp französischer Militär-Gefangenschaft und Tod. Dennoch schildert Goethe das alles in leicht amüsiertem Ton, als er es 1810 in „Dichtung und Wahrheit“ zu Papier bringt, und das bleibt auch so.
Die Kanonade von Valmy, die „Campagne“ in Frankreich sollte nicht sehr viel anders bebildert werden, und über die Ereignisse 13 Jahre später – Goethes Weimarer Haus am Frauenplan wurde während der Schlacht Napoleons bei Jena ebenfalls von Soldaten besetzt – schwieg der Dichter sich aus. Die Verwundeten, so wird in Dokumenten berichtet, verbluteten schreiend vor Schmerzen auf dem Schlachtfeld von Jena – die „schöne Literatur“ dagegen wandte sich den strahlenden Siegern zu oder schwieg. Die Qualen der Soldaten, die Schreie von Mann und Pferd wurden wenig beschrieben, wenig gelesen. Der Krieg hatte meist eine gute Presse, seine Schrecken vergaß man schnell, und so mag es schon sein, dass vor 100 Jahren, wie wir jetzt allenthalben lesen, die deutschen Soldaten anfangs von einer Woge der Begeisterung nach Verdun und Allenstein (alias Tannenberg) getragen wurden.
Die deutschen Dichter dagegen teilten im Juli/August 1914 keineswegs, wie heute viele Journale melden, in ihrer Mehrheit Ernst Jüngers Kriegshurra, auch nicht die Münchner wie Heinrich Mann, Feuchtwanger, Brecht, Wedekind; nicht zu vergessen die Österreicher Kafka und Georg Trakl oder weiter im Norden Tucholsky oder Remarque. Rilke fabulierte schmerzergriffen von „Kriegsgöttern“.
„Although it was a clear French victory…Ferdinand was able to slip away…“, so schmerzfrei schildert dagegen English Wikipedia das Gemetzel vor Goethes Haustür anno 1759, in dem Ferdinand von Braunschweig und die Preußen besiegt wurden. Auf Deutsch heißt es zackig : „Verluste: Frankreich 4000; Preußen 2373“.
W.H.