[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: Gekrümmter Raum

Der unwahrscheinliche Fall
eines Geschehens,

in dem so viel Nichts ist
wie Welt, deren Volumen

und Tiefe ich bin,
deren Oberfläche ich habe,

vor einem Hintergrund, den
ich mir weine.

Dort, wo das Gefundene
mich sucht, nimmt mich das Wahr-

Genommene wahr und das An-
Geschaute schaut sich in mir

und vergisst mich nicht.
Es redet mich in den Dingen.

Klaus Konjetzky

Vera Botterbusch hat uns zum Gedenken an ihren Mann einige Gedichte zukommen lassen, von denen wir hier gerne eines abdrucken.
Vera Botterbusch war, bis zu dessen Tod, 43 Jahre lang mit Klaus Konjetzky verheiratet. Sie ist Autorin, Filmemacherin und Fotografin sowie Mitglied des VS und des PEN.

[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: Sprachraum

Die Bochumer Lyrikerin Maria Wargin war im März zu Gast im Münchner Literaturbüro. Der Sprachraum, in dem sie sich vorantastet, lässt durch Verkürzung variable Deutungen zu, was aber Teil des Konzepts ist.

Das folgende Gedicht hat sie den LiteraturSeiten München zur Verfügung gestellt. (mehr …)

[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: In Sachen Sprache

Uwe-Michael Gutzschhahn ist – was Sprache anbelangt – breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist und in Bochum Germanistik und Anglistik studiert hat, ist als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … vielseitig beschäftigt.

Den LiteraturSeiten hat er u. a. folgendes Gedicht zum Abdruck überlassen. (mehr …)

[LiSe 09/20] Lyrische Kostprobe

DAS WARTEN

der Harfenistin auf ihren Einsatz im Adagio,
der Dorfbewohner auf den Tsunami,
der Elfjährigen auf den ersten Kuß,
des flüchtigen Diktators auf die allerletzte Maschine,
des Hungerkünstlers auf sein Frühstück,
der Lottospieler auf das Fallen der weißen Kugel,
des Vielbeschäftigten auf die erlösende Langeweile,
des Häftlings auf den Genickschuß,
des frommen Juden auf den Messias …

Hans Magnus Enzensberger

Textauszug aus Hans Magnus Enzensberger: Wirrwarr – Gedichte. © Suhrkamp Verlag Berlin 2020.

[LiSe 06/20] Lyrische Kostprobe 

Der Kreis in der Krise
oder das exzentrische Trägheitsmoment

In der Vergangenheit angekommen,
hab ich eine Flamme gesehn;
zwischen ihr und dem Meer
trag ich mit der Hand aufm Herz
Gefahrenwerte aus:

Ich hab die Zeit gestört;
in verschiednen Löchern bilden sich
Almkräuter oder Amokläufer. Jeoaoue,
der Elefant, der auf dem Rücken
liegt, gibt mir die Schuld dafür.

Im Unglück falschen Strömungsverhaltens
ists mir kalt um die Knochen
und ich zerbrösle am Schaltgriff:
was sich regnet
soll mich treffen.

Wolfgang Berends

[LiSe 05/20] Lyrische Kostproben

oder

etwas als solches oder sozusagen geschenkt
ein wort mit vier buchstaben zum beispiel
oder eine spontanfrequenz, schmerzfrei sogar
oder ausrangiert als ganzes wenn nicht
in effigie dann extra commercium vielleicht
ein krokodilschluß oder eine krankheit der natur
– eine disjunktionsschaltung im volksmund nur

etwas als solches oder doch vielmehr nichts
als dasselbe noch einmal zur abwechslung ein er
ohne oder eine sie mit, vielleicht eine neue
gattung auf abruf oder ein böses erwachen im netz
als Kuckucksei zum beispiel oder als funke
für den kalten rest – was macht den unterschied,
die sache selbst?

Daniele Dell’Agli

 

umtausch ausgeschlossen

wenn es den konjunktiv nicht gäbe,
wäre alles wie immer: die erste liebe
ein drama, blutgruppe unbekannt,
gerechtigkeit selten.

das problem mit dem konjunktiv: man weiß nie
ob er hält, was er verspricht: kühlaggregat,
abstandssensor, schwingungsfilter, was
hat man ihm nicht schon angedichtet.

dabei kann man im konjunktiv nicht mal
durchschlafen, geschweige denn zimmer
verdunkeln. und wozu auch? ohne ihn
geht es alles schneller. das erwachsenwerden,

die beziehungsflucht, der katzenjammer.
dafür muß man im konjunktiv alles
alleine machen. schwimmen lernen,
bilanzen fälschen, geburtstag vergessen.

früher, ja, da gab es noch kurschatten
für heiße wangen, schaltsignale
für gute ratschläge, schwingtüren
für beifall von der falschen seite.

heute heißt es wunden lecken, rückwärts
vor dem einschlafen die telomeren zählen.
hinter lichten vorhängen, mit gereizten
konjunktiven, das steht fest, wächst es

sich nicht mehr raus, sondern rein
ins Gedächtnis: erste liebe kein drama,
blutgruppe selten, gerechtigkeit unbekannt.

Daniele Dell’Agli

 

Erleuchtung des instrumentalisierten Himmels

Ein Baum das Land, und die Rosen
blühn aus alter Kraft.
Das facettenreiche Auge
wandelt im Abglanz: Der Baum
beschattet seine Kinder, hat
mit schwankender lastender Frau
einen langen Weg beschritten.

Der spöttische Untergang
wird immer ein Zimmer finden.
Wir werden beim Rauch stehn,
mit Zeit und Ziel und Zahl.

Wolfgang Berends

 

M e t a p h y s i s c h e s

Vermutlich der Oberteufel mit
seinen zielgenauen Augen und
dem großkalibrigen Gewehr
hat unsere Welt in Stücke geschossen.
Wälder, weggerissene Berge, Teile
von Städten fliegen umher,
durcheinander grün, grau, gelb, rot,
Gewissheiten, Wahrheiten, Schönheiten,
Freundschaften, Feindschaften, Hiobsbotschaften,
Verantwortungsgefühl, Mitgefühl, überhaupt Gefühl,
kopfüber, kopfunter und Querschläger.
Sogar den Teufelskindern wird es bang:
Vater, dauert das noch lang?
Wenn so ein Trumm die Hölle trifft,
da nehmen wir doch lieber Gift!
Beruhigt euch, Kinder, in kurzer Zeit,
so etwa in hundert Jahren,
zeigen die Menschen ein bessres Gebaren,
fügen die Stücke zu neuer Einheit,
ordnen die Welt, wie’s allen gefällt.
Dann habt ihr gelernt, wie man’s ihnen
wieder vergällt.

Hans Buchner

 

R ä t s e l h a f t  ?

Wir halten eine kleine Qualle
in der Hand. Ihre Fäden treiben
weit über die Welt und
saugen ein, was sie erreichen können,
Nebensächliches, Nützliches, Wichtiges
und Unsinn. Auf seinem Schirm
zeigt das Glibbertier alles,
was wir bestellen und schießt
als Zugabe das klebrige Nesselgift
in das Gehirn des Betrachters. Wer
kleben bleibt, zappelt wie die
Maus im Rachen der Katze.

Hans Buchner