[LiSe 11/17] Lyrische Kostprobe

Das Gedicht ist ein anderes

Du bist der, der du nicht bist
ich ist ein anderer, sagte er
bin also ich, was ich nicht
bin zwischen dir und mir
und beide sind wir
begrenzt durch das, was nicht
du bist ein Teil von mir
wenn ich nicht du wäre,
dann wüsste ich nicht,
dass ich ich
Bist ich du und bin du ich
unendlich
wenn ich eine andere bin und du ein anderer
dann ist alles gleich
so anders

Véronique Dehimi

[LiSe 10/17] Lyrische Kostprobe

Du moderst so gesund
Goldener Oktober
Dir stopft das Laub den Schlund

Dein Laub, bretthart
Goldener Oktober
Dir tropft doch Blut vom Bart

Das Eisen schnitt die Luft
Geldzählender Penner
Dein Augenlicht verpufft

Hans-Karl Fischer

[LiSe 09/17] Lyrische Kostprobe

spiel mir das lied vom schafottschaf blut zerstäubt
als himbeerpulver am abendhimmel überm ehrenmal
drunter die dolden skelette des bärenklaus verkrallt
ins graue leuchtender taubendreck wie grobe
brocken von feindschnee auf bronze schrei mir
von helden + herkunft ein lied das trügt bis es trägt
deiner ahnen gewicht ich hab nur das malmen
des kiefers geerbt den man meinem großvater
wegschoss ins russische jede wortformung seitdem
ein phantom schmerz doch hab ich dich moskau +
deine aufschneiende schönheit gesehn die flocken so
zärtlich hebt niemand sie auf mit den wimpern

Axel Görlach

[LiSe 07/17] Lyrische Kostprobe

Den Arsch gepackt
und zugestoßen
Flasche geleert
totgeschlafen
In später Nacht
In nasse Stiefel getaumelt
mit der Herde getrottet
aufgefädelt
Den Namen geknurrt
einen Holm erwischt
und wieder in die Planken
getreten
bis zum späten Licht
Zur Baracke gestolpert
und die Flasche gepackt

Jörg Schön

[LiSe 06/17] Lyrische Kostprobe: Farbenlehre

Angriff, postwendend
Instinktiver Reflex
Binnen Sekunden
Vernichtend

Der rote Stier
An der Westfront

Flucht, verzögert
Gedankengebremst
Vorausschauend
Scheues Wittern

In der Dämmerung
Blaue Rehe

Totstellen, taub
Alle Drähte gekappt
Unerreichbar
Bei sich

Gelbe Kuh
Auf freier Weide

Ihr göttlicher Ton

Wolfgang Wurm
(Franz Marc Museum, Kochel am See)

[LiSe 05/17] Lyrische Kostprobe

gezeiten

ich kann es nicht benennen: ebbe oder flut
meinen koffer müsst ich packen nur das
wenigste um nicht zu frieren zu schwitzen
die windeseile dämmen das hereinbrechen
eines zustands mein wissen mein gewissen
schlägt purzelbäume fruchtlose ängste – ja:
bei aller wiederholung streikt der verstand
zieht sich naturgemäss zurück wie das meer
fühlbar unter füssen das verborgene getier
harte schalen und krusten im innern leere

verlassener strand

Lisa Elsässer
aus: „Flussbewohner“
Orte-Verlag, 2017