by LiSe | 30. Aug. 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
Afrotilaki
Das also ist meine Erinnerung:
Ein riesiger, überhängender Fels,
mit feinen, fotogenen Rissen und Linien,
dunkel, wie meine Furcht,
mich zu täuschen. Noch immer
am Ufer Steine wie geschorene
Riesenköpfe – gefürchteter Traum –
Und Tamarisken, jetzt völlig vertrocknet
tot. Daran hätte ich
denken sollen: Kein Schwimmen
möglich, die Windstille,
der immerblasse
Himmel, der auf dem
ächzenden Meer lastet, Du
gelb-tote Sonne versteckst Dich,
Du Ich. Verschlossen
die nutzlose Kirche.
Wie soll ich hier mir selber begegnen?
Deutlich zerfallener ist
das einzige Haus: jetzt
ohne Dach und Tür
Ein weißer Tisch steht
unter vergessenen Olivenbäumen,
darauf: Nichts.
Aber das Schilf, das Schilf:
Pfeile vom Himmel in die Erde geschossen.
Alles mich ständig verunsichernde
Zeichen. Zum Beispiel
die Wasseruhren am Wasserverteiler:
wie mein Herz und mein Hirn
stehen sie still.
Verdammte Symbolik, also –
jetzt noch einmal und endlich:
Abhauen von hier!
Ulrich Schäfer-Newiger
by LiSe | 30. Mai 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
Zuletzt
sind wir eineiig geborene mönche ich
knete aus schneeflocken brot du
erfindest einen strohhalm wir saugen
stoff aus den birkenrinden am saumpfad (mehr …)
by LiSe | 2. Mai 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
Der Wald ist dunkel schwer und lauscht
Drei Tropfen Harz auf jede ausgestreckte Zunge
Die volle Schale auszutrinken auszukippen
Ich zittere vor Gier und Durst
Und in der blauen Badewanne
Schrumpft Schaum zu Salz und Nackt zu roter Haut
Zwei junge Kiefernnadeln in die Schläfen
Ein Handvoll Moos auf Brust und Bauch
Ein Auge lehnt sich an das Fenster
Presst zuckt und klappt die Lider zu
Harz schmeckt nach Salz und Salz nach nackter Haut
Mein Kopf schwimmt auf
Slata Roschal
by LiSe | 30. März 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
De zwou Seitn vo oana Sach / Kopf und Zahl
S wiürd ollaweil no mea / Es wird immer ein bisschen mehr
an Himml en da Regnlocka finna / den Himmel in der Regenpfütze finden
is dea gmoln / ist der gemalt
dorch d Locka dorche renna / durch die Pfütze hindurchrennen
drin umananda patschn / darin herumpatschen
warum nacha ned, / aber warum denn nicht,
um dreivierlviere meissma bom Dokta sa, / Arzttermin viertelvorvier,
mittn ei hocka? / sich hineinsetzen?
Aaf wos ned ollas kamadn / Auf was sie nicht alles kämen
de Spulratzn de! / diese verspielten Bälger!
Woschtrommln kochan / Waschtrommeln kochen
Müadda wearn gschleidat / Mütter werden geschleudert
Kinda wuisln em Kanon. / Kinder jammern im Kanon.
Owa nacha bringd / Aber dann bringt
a ganz a ausgfuxds / ein hochbegabtes
Löfflstulquartett bis wix / Löffelstielquartett augenblicks
a Musi en Erdefplsterz / Musik in den Kartoffelbrei
midam Zuckawafflblues. / mit dem Zuckerwaffelblues.
Hintam Bugl vo da Mam / Hinter Mutters Rücken
steigns affe aaf anTurm / steigen sie auf einen Turm
– s is da Wickldisch – / – es ist der Wickeltisch –
springan oi / springen in den
en Matratznpeloponnes. / Matratzenpeloponnes.
Augn lochan / Augen lachen
da Mensch, dea wöi dazoukherd / Mensch, der dazugehört
sicha gholdn / sicher gehaltender
vonam Fallschirm / vom Fallschirm
dea zamgsedzd is aus Juchzaran / aus Juchzerseide
de Schniürl sand des, / die Schnüre stark
wos d Wöild zamhold. / für den Halt der Welt.
Katharina Bosˇnjak
by LiSe | 3. März 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
Das muss doch mal vorbei sein, sagen die frisch Gebadeten, die exakt Gescheitelten. Die alten Speisewägen stünden doch auf dem Abstellgleis.
Liebhaber alter Dampfrösser frühstücken in ihren Modellbahnen, die sehnen sich nach Fahrten auf nostalgischen Routen, nähmen gerne die betagten Schlachtrösser aus den Schuppen, setzten sie unter Dampf.
Dann schnaubten Rösser quer durch die Republik.
Franz Oberhofer
by LiSe | 30. Jan. 2018 | Blog, Lyrische Kostprobe
Am Wasser
In der Abendmilde
gehn wir auf den Blättern
der Bäume spazieren
wir sind nicht ohne und
deshalb so leicht
der Wortschatz der Ente genügt uns
wir tauchen
Rinde
der kleinen Sonne entgegen
Jörg Neugebauer