[LiSe 01/16] Lyrische Kostprobe

Herbstkind

Kühl rinnt die Sonnenzeit im Stundenglas,
Aus Glas ein Licht, aus hohen Himmels Blau,
Treibt Kälte gleißend Gold ins graue Gras.
Den Winterschläfer zieht´s in seinen Bau.

Noch unsichtbar hängt Schnee schon in der Luft,
Und zieht als Schattenkälte durch die Kleider,
Kartoffelfeuers süßer bitterer Duft,
Es schwelt zum Sonnenfrösteln unsrer beider.

Und Blätter fallen, schmieren taumelnd ab.
In seinem Bettchen fiebrig liegt ein Kind.
Denkst nie ans Ende, aber schmückst das Grab,
Willst nur ins Warme, weil so rau der Wind.

Der Schnee legt sich nun endlich auf das Land.
Nun sind es wir, die süchtig uns noch treiben,
Wir spähen zahm nach Krippen, trotz Verstand,
Wie wartend Wild, bis sich die Jäger zeigen.

Ottfried Fischer

[LiSe 10/15] Lyrische Kostprobe

die rote fläche ist nur ein teil
vom zimmer
in dem
etwas zerbricht

der fuss hängt
über die kante
wie ein socken
auf einer stuhllehne

der stuhl stand vorher
wie die anderen
am tisch
flog dann

die rote fläche
dieser teil im zimmer
bleibt
seit frühstem frühling
unverändert

Stein Vaaler

[LiSe 09/15] Lyrische Kostprobe: wen die nachtigall stört

wen die nachtigall stört

alle nachti gallen
warn über nacht
einer gallen kolik
zum opfer gefallen

»na und«
knurrt der hund
& macht sich rund
die spinne netzt ihre tränen
doch findet’s zum gähnen
»is nich mein ding«
zischt die otter aus otterkring
»what does it matter«
die natter
»I don’t care«
bromt der beer
hinter ihr häher
& auch die pinie
verzieht keine minie:
sie achtet streng
auf ihre linie

abnehmend fragt sich der mond
ob sich das zunehmen lohnt

Hannes Schmidt
aus: „WASSER WÖRTER & MASCHINEN“

[LiSe 07/15] Lyrische Kostprobe: ins delta

ins delta

zeit ist die sanfteste stimme
sie flüstert, wenn flüsse sich betten
ihr lauf auf gestein trifft, es glättet.
ihr wasser erzählt von der quelle
und mehr noch vom regen
der über das land fiel. ich schreibe
wie sich der fluss in das land schreibt
von anderen flüssen gefüttert
tosend im rauhen gebirge
leiser inmitten der täler
schweigend ins delta. das rauschen
des meeres ist nah und ein rauschen
nur vielfaches flüstern

Marc Richter

[LiSe 06/15] Lyrische Kostprobe: Es dauert.

Den Fels, der im Wohnzimmer liegt
versuch ich zu übersehen.
Täglich stolpere ich dann doch
über das Bedauern.
Stoß mich mit den Finger-
nägeln wieder ab.

Abends bürste ich dann
den Staub von mir
weg unter fließend Wasser
und begreif wie meine Hände
mit jedem Gramm
stärker werden.

von Franziska Ruprecht

Gewinnerin des 22. Haidhauser Werkstattpreises München
Gedicht aus dem Band „Meer-Maid“, 140 S., Wolfbach Verlag Zürich.
Bei der Autorin und im Buchhandel erhältlich. ISBN: 9783905910612