[LiSe 05/15] Lyrische Kostprobe: Gesummsel

Gesummsel
Aus einem Langgedicht

Zuerst waren es Schnecken, von denen die Rede war,
die fortschritten in einer Art Prozession. Nebenher gingen
Marketenderinnen und reichten Schnaps auf die Wagen.
Hier bellte der Hund rechtschaffend. Der Nachbar besaß einen VW,
den ersten in der Nachbarschaft, und galt deshalb als weise.
Jetzt sind es Wespen.
Alles ging schnell, als alles beladen war.
Aus allen Richtungen strömen die Wespenvölker heran.
Erdwespen, Schlupfwespen, Holzwespen, ohne Takt, im Gebrumm
eines Brummkreisels, mit Speeren und Stachel bewaffnet
wie im Comic. Die Wespen haben zu stürmen begonnen.
Nach den Gesetzen der Thermodynamik strebt alles zur Unordnung.
Das ist die Schlachtordnung, Strömen, Gewimmel.
Die Entropie nimmt zu.
In den oberen Sphären wohnen die Standbilder
in Temperaturen, von denen ich träume.
Was tut wie ein Motor, ist der Flügelschlag.

Markus Hallinger

[LiSe 04/15] Lyrische Kostprobe

Kein licht hilft. ominös dieser zerknitterte
abendhimmel da drüben. mit seinem gelbgoldenen

zellophan. die letzten tagbrösel fallen zu boden.
violinklang stimmt mich. eine hammondorgel.

die gemengelage hängt uns tiefer. februar
zersprengt uns in alle richtungen. lange war es

nicht mehr so kalt, in uns. das bisschen
pink floyd hilft uns nicht aus der klemme.

wild bäumt sich der asphalt, stieben graue
funken. wir liegen still. eine pfütze licht

in der falte dieses still gelegten abends.

Armin Steigenberger

[LiSe 03/15] Lyrische Kostprobe

muss das blenden sein, schlag ins gesicht, wenn ich mir
überschüssiges licht aus den augen wische. brennt sich aus,

verfolgt die bestückte sicht: farbe als schale über dem tisch.
gruppieren sich stühle daneben, um lücken im zimmer, die

immer weit ins holz verreist sind, bis jemand kommt und
sie verschiebt. steht auf der stelle am boden ihr vergangenes

stehen. und wieder lücken dazwischen, kriechen richtungen
raus, suchen fluchtwinkel zur untermiete für den blick. als

gälte es, sich von selbst bis blind zu verstehen, bricht in die
statik der farbe schwerkraft ein, wirft schatten aufs parkett,

sichtreste. und sammelt sie ein: haufen aus blendflecken als
geschichte des blicks, im dunkeln, beim schälen des tischs.

Tristan Marquardt
(aus: „das amortisiert sich nicht“, kookbooks 2013)

[LiSe 02/15] Lyrische Kostprobe: Intermittenz

Möchtest du ein Stückchen mitkommen? Du brauchst
auch keine Angst zu haben, ich bin in der Phase der
Verlässlichkeit. Vorübergehend.

Es ist wie Eis im Winter. Dann grünt auch schon
alles vor berstender Ungewissheit – die Stimme
des Lebens. Nirgendwo offenbart es sich mehr, als
im selbstlosen Gras.

Geh nicht. Du hast nichts zu befürchten. Er blies
ein Blatt vor sich. Ich möchte nur ein bisschen
reden, solange der Regen an die Dächer trommelt.

Verstehe mich nicht falsch, ich werde dich nicht
verschonen, ich möchte dir nur einen Rat
geben. Weil für dich das Beste ist, was für mich
das Beste ist. Auch wenn du für uns beide bezahlst.

Ich weiß, ich müsste jetzt sagen, das alles wäre
meine Schuld. Das sind so die obligaten Worte. Aber das
alles ist mehr zufällig und mehr abstrakt. Das Böse
ist so. Und das Gute.

Ivor Joseph Dvorecki

[LiSe 10/14] Lyrische Kostprobe: Tobias Roth – Tantalus

Kohlmeisen nisten in der Wand meines Hauses,
Seit der Wind wieder sanfter die Fassade –

Sie sind es,
Die Angelo Polizianos Frühlingsgedichte erfüllen,
Nicht wir.

Sie sitzen auf den Polsterquadern
Und springen und lassen sich
Fallen.

Hinter den Fenstern,
Meine Hand lag schon auf ihrer Hüfte;
Dann zog sie sich zurück.

proiecta vilior alga
Vergil, Bucolica, VII, 42

 

[LiSe 07/14] Lyrische Kostprobe

Verscheucht wurden sie wie fremdartige Tiere,
Die Scharfsinnigen, geköpft wie
Die Hügelkuppen vom Nebel, sie bauten sich
Woanders die Spiegel des Himmels, und du
Trauerst dem alten Haus nach, aus dem sie flohen.

HANS-KARL FISCHER