[LiSe 07/15] Lyrische Kostprobe: ins delta

ins delta

zeit ist die sanfteste stimme
sie flüstert, wenn flüsse sich betten
ihr lauf auf gestein trifft, es glättet.
ihr wasser erzählt von der quelle
und mehr noch vom regen
der über das land fiel. ich schreibe
wie sich der fluss in das land schreibt
von anderen flüssen gefüttert
tosend im rauhen gebirge
leiser inmitten der täler
schweigend ins delta. das rauschen
des meeres ist nah und ein rauschen
nur vielfaches flüstern

Marc Richter

[LiSe 06/15] Lyrische Kostprobe: Es dauert.

Den Fels, der im Wohnzimmer liegt
versuch ich zu übersehen.
Täglich stolpere ich dann doch
über das Bedauern.
Stoß mich mit den Finger-
nägeln wieder ab.

Abends bürste ich dann
den Staub von mir
weg unter fließend Wasser
und begreif wie meine Hände
mit jedem Gramm
stärker werden.

von Franziska Ruprecht

Gewinnerin des 22. Haidhauser Werkstattpreises München
Gedicht aus dem Band „Meer-Maid“, 140 S., Wolfbach Verlag Zürich.
Bei der Autorin und im Buchhandel erhältlich. ISBN: 9783905910612

[LiSe 05/15] Lyrische Kostprobe: Gesummsel

Gesummsel
Aus einem Langgedicht

Zuerst waren es Schnecken, von denen die Rede war,
die fortschritten in einer Art Prozession. Nebenher gingen
Marketenderinnen und reichten Schnaps auf die Wagen.
Hier bellte der Hund rechtschaffend. Der Nachbar besaß einen VW,
den ersten in der Nachbarschaft, und galt deshalb als weise.
Jetzt sind es Wespen.
Alles ging schnell, als alles beladen war.
Aus allen Richtungen strömen die Wespenvölker heran.
Erdwespen, Schlupfwespen, Holzwespen, ohne Takt, im Gebrumm
eines Brummkreisels, mit Speeren und Stachel bewaffnet
wie im Comic. Die Wespen haben zu stürmen begonnen.
Nach den Gesetzen der Thermodynamik strebt alles zur Unordnung.
Das ist die Schlachtordnung, Strömen, Gewimmel.
Die Entropie nimmt zu.
In den oberen Sphären wohnen die Standbilder
in Temperaturen, von denen ich träume.
Was tut wie ein Motor, ist der Flügelschlag.

Markus Hallinger

[LiSe 04/15] Lyrische Kostprobe

Kein licht hilft. ominös dieser zerknitterte
abendhimmel da drüben. mit seinem gelbgoldenen

zellophan. die letzten tagbrösel fallen zu boden.
violinklang stimmt mich. eine hammondorgel.

die gemengelage hängt uns tiefer. februar
zersprengt uns in alle richtungen. lange war es

nicht mehr so kalt, in uns. das bisschen
pink floyd hilft uns nicht aus der klemme.

wild bäumt sich der asphalt, stieben graue
funken. wir liegen still. eine pfütze licht

in der falte dieses still gelegten abends.

Armin Steigenberger

[LiSe 03/15] Lyrische Kostprobe

muss das blenden sein, schlag ins gesicht, wenn ich mir
überschüssiges licht aus den augen wische. brennt sich aus,

verfolgt die bestückte sicht: farbe als schale über dem tisch.
gruppieren sich stühle daneben, um lücken im zimmer, die

immer weit ins holz verreist sind, bis jemand kommt und
sie verschiebt. steht auf der stelle am boden ihr vergangenes

stehen. und wieder lücken dazwischen, kriechen richtungen
raus, suchen fluchtwinkel zur untermiete für den blick. als

gälte es, sich von selbst bis blind zu verstehen, bricht in die
statik der farbe schwerkraft ein, wirft schatten aufs parkett,

sichtreste. und sammelt sie ein: haufen aus blendflecken als
geschichte des blicks, im dunkeln, beim schälen des tischs.

Tristan Marquardt
(aus: „das amortisiert sich nicht“, kookbooks 2013)

[LiSe 02/15] Lyrische Kostprobe: Intermittenz

Möchtest du ein Stückchen mitkommen? Du brauchst
auch keine Angst zu haben, ich bin in der Phase der
Verlässlichkeit. Vorübergehend.

Es ist wie Eis im Winter. Dann grünt auch schon
alles vor berstender Ungewissheit – die Stimme
des Lebens. Nirgendwo offenbart es sich mehr, als
im selbstlosen Gras.

Geh nicht. Du hast nichts zu befürchten. Er blies
ein Blatt vor sich. Ich möchte nur ein bisschen
reden, solange der Regen an die Dächer trommelt.

Verstehe mich nicht falsch, ich werde dich nicht
verschonen, ich möchte dir nur einen Rat
geben. Weil für dich das Beste ist, was für mich
das Beste ist. Auch wenn du für uns beide bezahlst.

Ich weiß, ich müsste jetzt sagen, das alles wäre
meine Schuld. Das sind so die obligaten Worte. Aber das
alles ist mehr zufällig und mehr abstrakt. Das Böse
ist so. Und das Gute.

Ivor Joseph Dvorecki