[LiSe 06/20] Rezension: Kleinfamilien-Katastrophen in der Großstadt

Martina Borgers neuer Roman „Wir holen alles nach“  

von Slávka Rude-Porubská

Es braucht keine weltweiten Pandemien, damit das Leben der Kleinfamilie Poschmann in der Münchner Innenstadt aus den Fugen gerät. Nein, der Alltag der alleinerziehenden Sina, Mutter des achtjährigen Elvis, ist derart eng getaktet und fragil ausbalanciert, dass selbst die kleinste Störung im Tages- und Wochenablauf einer Katastrophe gleichkommt. Und erst recht im Sommer, wenn Sinas Exmann David schon wieder einmal die vereinbarte Ferienaufteilung für Elvis in der letzten Minute platzen lässt. Aufgerieben zwischen den vom Werbeagentur-Chef ganz selbstverständlich geforderten Überstunden, emotionalen Schwankungen in ihrer neuen Beziehung zu dem arbeitssuchenden und mit seiner Alkoholsucht kämpfenden Torsten und Bedürfnissen ihres stillen, sensiblen Sohnes findet Sina Rettung in der akuten Notsituation bei Ellen, der freundlichen Rentnerin aus der Nachbarschaft. (mehr …)

[LiSe 06/20] Rezension: Leidensstationen

Von Stefanie Bürgers

Dieses Buch ist ein Roman. Alles, was darin steht, ist erfunden, auch wenn es sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte“, so lautet der professionelle „Disclaimer“. Und doch weiß man als Leser nach wenigen Seiten, die Authentizität straft den Hinweis Lügen. Die Story lässt sich zu gut verorten im Pasing der „Achtz’ger“. Der Protagonist – nur vermutlich Stefan Wimmer  – erzählt freimütig und selbstironisch von vielen Niederlagen – bei Mädels und gegenüber vermeintlich Stärkeren – als „grispeliger“, bemitleidenswerter „Looser“. Zwischen Pasing, Blumenau und Obermenzing im Bus und „auf’m Radl“ unterwegs auf der Jagd nach dem Schlüsselerlebnis zum Erwachsenwerden. New-Wave ist Mitte der 1980er Jahre angesagt. Stefan stets in schwarzer Kutte mit Stachelarmband,  Kajalstrich und Roboterstiefeln genehmigt sich im Kreise der Vertrauten – der sogenannten „Kajalclique“ – mittags regelmäßig ein paar Weißbier’ am Stadtparkkiosk. (mehr …)

[LiSe 05/20] Rezensionen: Dachau, Moabit und zurück

Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer

Von Bernd Zabel

Wer die Straße, die vom Ammersee nach Andechs führt, befährt, passiert auf dem Scheitelpunkt des bewaldeten Höhenrückens einen Wegweiser mit der Aufschrift: Hartschimmelhof, Privatstraße. Nur wenige wissen, dass sich der Hof seit Generationen im Besitz der Familie Haushofer befindet. Haushofer? Albrecht? Verfasser der „Moabiter Sonette“? Da klingelt es bei manchem. Als politischer Gefangener, den Verschwörern des 20. Juli 1944 zugerechnet, unmittelbar vor Kriegsende ermordet, hat er in der Haft ein einzigartiges literarisches Zeugnis verfasst, eben diese 80 Sonette, die in den 50er und 60er Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht gehörten. Auf diese Weise ist auch Norbert Göttler mit den Gedichten in Berührung gekommen als Gymnasiast in Dachau. Die Erinnerungen aus der Nachkriegszeit verbindet er mit Zitaten aus den Sonetten und mit der Geschichte ihres Autors und bezeichnet das schmale Bändchen bescheidenerweise als literarische Collage. Aber es ist mehr als das. Am Leben Haushofers wird exemplarisch deutlich, wie der deutsche Konservativismus zum Steigbügelhalter des Nazismus wurde – ohne es in letzter Konsequenz zu wollen. Man könnte meinen, diese Geschichte wäre schon allzu oft und an vielen Beispielen erzählt. Aber gilt es nicht, jede Generation aufs Neue mit der Problematik zu konfrontieren? (mehr …)

[LiSe 05/20] Rezension: Weggesperrte Zeit, verschwiegenes Land 

Pierre Jarawans neuer Roman über die Vergangenheitsbewältigung im Libanon 

Von Slávka Rude-Porubská

In der Programmreihe „München leuchtet“ hat Pierre Jarawan seinen neuen Roman noch vor dem Corona-Shutdown im Münchner Literaturhaus vorgestellt. Über den Schauplatz des Romans, Libanons Hauptstadt, ließe sich nach der Lektüre vielleicht behaupten: „Beirut hallt, vibriert, klingt, schallt – und schweigt zugleich“. Jarawan lässt gekonnt und in bildreicher Erzählweise Szenen des multikulturellen Beiruts aus mehreren Zeitebenen entstehen: Da ist einmal die pulsierende, mondäne Metropole der Zeit vor dem Bürgerkrieg, „die viele Religionen kennt“ und in der der Gesang des Muezzins und das Geläut der Kirchenglocken wie ein harmonischer Klangteppich über der Stadt schweben. Da ist die 15-jährige Phase des verheerenden Bürgerkriegs zwischen den Milizen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften von 1975 bis 1990, in der schon Kleinkinder „allein an der Veränderung der Tonhöhe“ unterschieden können, „ob eine Rakete auf das Viertel zukam oder es verließ, und welche Waffe sie abgefeuert hatte“. Da sind dann die Jahre des rasanten wirtschaftlichen Wiederaufbaus mit dem unaufhörlichen Baulärm der „Zementmischer und Generatoren, Hydraulikhämmer und Kreissägen, Schlagbohrer und Schweißgeräte“. Und schließlich umfasst der Roman auch die Zeitspanne des von „Grollen von Detonationen“ geprägten Abzugs Syriens aus dem Libanon 2005/06 sowie der Anfänge der politischen Umwälzungen im Arabischen Frühling 2011. (mehr …)

[LiSe 05/20] Rezension: Familiengeschichten

Von Stefanie Bürgers

Alexandra Cedrino entstammt der seit Generationen der Kunst verbundenen Familie Gurlitt, deren Name nicht erst seit dem Schwabinger Kunstfund bekannt ist. Cedrinos Großvater Wolfgang, war Händler, ihr Ururgroßvater Louis, Maler. Hildebrand, Wolfgangs Cousin, war ebenfalls Händler und vom Nazi-Regime beauftragt, für das geplante Museum in Linz anzukaufen und sogenannte „entartete Kunst“ ins Ausland zu veräußern. Die Cousins pflegten keinen persönlichen Kontakt. Die Familienzweige waren zerstritten. Aus Hildebrands Sammlung resultierte schließlich der in der Wohnung seines Sohnes Cornelius 2013 entdeckte Schwabinger Kunstschatz. (mehr …)

[LiSe 04/20] Rezension – Bildband: „MÜNCHEN. SCHAU her!“

Begleitband zur Foto-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek

Von Stefanie Bürgers

Donisl wieder geöffnet ab 5 Uhr früh“! Über das Schild hinweg sieht man die Türme der Frauenkirche. Nur das Parterre des Hauses hat den Krieg überstanden, eine Behelfslösung. Es steht nicht mehr viel von München, doch es entsteht wieder ein Stück Normalität.

Die Bildfolge im Begleitband zur  Ausstellung reicht von circa 1850 bis in die 1970er Jahre. Portraits aus den Anfängen der Fotografie, sorgsam verwahrt im Samtkästchen. Das Novum der Fotografie in freier Natur, gestellte Arrangements von Touristen in schlecht sitzender Tracht vor einer Foto-Bergkulisse. Herzog Karl-Theodor, nicht in aristokratischer Pose, sondern als Arzt, vertieft in Lektüre. Berühmtheiten wie Thiersch, Liszt, Liebig  wechseln sich ab mit den Fotografen selbst, als Versuchsobjekte neuer Technik. Baudenkmäler, Stadtansichten, der bezwungene Gipfel der Zugspitze. (mehr …)