[LiSe 07/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 5)

Ein Buchladen mit Historie

Die Autorenbuchhandlung und ihr Stammkunde Albert Ostermaier

Der Blick geht nach oben: da hängt sie, die berühmte Lampe, die Leuchte, die Inspirationsquelle. Geschaffen hat sie der international renommierte Lichtkünstler Ingo Maurer. An ihrem filigranen Geäst, bestückt mit viel Watt und Bücher beleuchtend, hängen pergament-artige Zettel: ein Gedicht von Friedrich Hölderlin, Dankesschreiben an und gute Wünsche für die Autorenbuchhandlung. „Hier sein heißt lebendig bleiben“, hat Friedrich Ani auf einen Zettel gekritzelt. „Das Ziel ist wo wir bereits sind“, brachte Michael Lentz zu Papier. Und Albert Ostermaier schmückte sein Blatt mit   „Mississippi“. Dieses Gedicht hat der Lyriker, Dramatiker und Romancier Ostermaier der Autorenbuchhandlung gewidmet. „Ich bin seit dem Ende der Achtziger hier Kunde und saß so lange dort, dass ein Teil meines Rückgrats ein Buchrücken dieser einzigartigen Buchhandlung ist, deren ehemalige Leiterin Hilde Schiweck für mich die wunderbarste Cicerone in der Welt der Literatur war“.

Hilde Schiweck – ja, das ist Geschichte, wie überhaupt die Autorenbuchhandlung in der Wilhelmstraße 41 auf eine stolze Historie zurückblicken kann. 1973 wird der Buchladen gegründet, von Schriftstellern wie Martin Gregor-Dellin, Michael Krüger, Paul Wühr, Günther Herburger oder Tankred Dorst. 20 000 DM bringen zwölf Gesellschafter auf und schaffen die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung. Der Eintrittsscheck von 1000 DM ist für den Schriftsteller die Garantie, dass seine Werke hier gelesen und gekauft werden können. „Dort stehen sie, die Bücher unserer Autoren“, sagt Buchhändlerin Anne Richter und zeigt auf die prall gefüllten Regale über dem roten Sofa.

Das in die Tage gekommene Möbelstück steht im hinteren Eck, hat Ostermaiers Rückgrat vielleicht das eine oder andere Mal entlastet und lädt zum bequemen Schmökern ein. Denn fündig wird der/die LeserIn in der Autorenbuchhandlung allemal – dafür sorgt ein feines, erlesenes Sortiment. Gleich am Eingang der Buchhandlung sind Neuerscheinungen platziert, auf einer riesigen Fläche. Inmitten der Novitäten liegt auch „Lenz im Libanon“, Ostermaiers jüngster Roman, den der 47Jährige nach einem Besuch der dortigen Lager mit Hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien geschrieben hat. Flüchtlinge – ein brennendes Thema, das der Schriftsteller als Kurator beim „forum:autoren“ in den Mittelpunkt beim Münchner Literaturfest stellt.

Wen er für November eingeladen hat, verrät Ostermeier noch nicht. „Ich kann jetzt nur sagen, ich bin mehr als glücklich und auch stolz, wer da alles kommen wird und wie überwältigend die Resonanz auf die Einladungen war und die Bereitschaft, gerade für dieses Thema Haltung und Gesicht und Herz zu zeigen“. Ostermaier hat dem traditionellen „forum:autoren“ den Titel „front:text“ gegeben und spielt damit auf die Agentur Frontex an, die im Mittelmeer vor illegaler Einwanderung „schützen“ soll. Nach Gegenstrategien gefragt, meint der Autor kurz und bündig: „Jeder kann etwas tun. Das fängt im Kopf an. Bei der Sprache. In München gibt es hervorragendes Engagement für Flüchtlinge, da kann jeder mitmachen“.

Ostermaier ist in München eine Institution. Seit Jahrzehnten lebt und arbeitet er in der Landeshauptstadt. Ende der 80er Jahre schreibt er erste Gedichte, sein 1995 im Bayerischen Staatsschauspiel uraufgeführte Stück „Zwischen zwei Feuern. Tollertopographie“ eröffnet Ostermaiers Kariere als Theaterautor. „Ende Juli kommt mein Stück ‚Gemetzel‘ zur Eröffnung der Nibelungenfestspiele heraus, danach ein Stück über Serge Gainsbourgh, ‚Moi non plus’, eine Produktion der Ruhrfestspiele“, sagt der Allrounder. Und wann gibt es wieder ein Stück in München? „Ich hoffe spätestens in der übernächsten Spielzeit“.

Derweil müssen die Münchner mit Prosa und Lyrik von Ostermaier vorlieb nehmen – so etwa mit seinem Band „Autokino“, in dem auch das an der Leuchte der Autorenbuchhandlung hängende Gedicht „Mississippi“ abgedruckt ist. Lyrik hat im Buchladen in der Wilhelmstraße Gewicht, auch wenn sie neuerdings im hinteren Teil der Buchhandlung logiert. Ganz vorn kann sich dagegen die Kinder- und Jugendliteratur platzieren. „Wir wollen auch ein jüngeres Publikum, wir brauchen Nachwuchs“, sagt Geschäftsführerin Karin Staisch. Die Autorenbuchhandlung hat deshalb in diesem Frühjahr zu Lesungen für Jugendliche eingeladen bzw. plant weitere im Herbst, auch für Erwachsene.

Frühjahr, Sommer, Herbst – Albert Ostermaier scheint immer unter Hochdruck. Der Schriftsteller, der samstags auch noch auf dem Fußballplatz trainiert (schließlich ist er Torwart in der Autorennationalmannschaft), bekennt auf die Frage: Wie schaffen Sie das alles? „Zu Schreiben ist ein Geschenk, dafür bin ich jeden Tag dankbar und ich weiß, wie fragil es ist. Und wenn man die Chance hat, mit Literatur und Festivals etwas zu bewegen, und sei es nur einen einzelnen Menschen, und wenn wir mit dem forum:autoren die Geschichten erzählen können, die erzählt werden müssen, da ist es alle Erschöpfung wert und am Ende ein Glück“.

Ina Kuegler

In unserer Serie „Meine Lieblingsbuchhandlung“ stellten wir bislang „Buch & Bohne“ mit Christoph Poschenrieder vor, die Buchhandlung Lehmkuhl mit Hans Magnus Enzensberger, „Buch in der Au“ mit Su Turhan und Literatur Moths mit Thomas Jonigk und Christof Loy.

[LiSe 06/15] Self Publishing – Von der Leichtigkeit, ein Buch zu veröffentlichen

Es ist der klassische Einstieg. Da ist ein junger Schriftsteller so richtig überzeugt, den Knüller des Jahres geschrieben zu haben. Hoffnungsfroh schickt er sein Werk an eine Reihe von Verlagen und Agenturen – und handelt sich eine Absage nach der anderen ein. Doch weil ihn wie jeden Autor der Traum vom gedruckten Buch umtreibt, denkt er nicht ans Aufgeben, sondern ans Selbstverlegen.

Auch Bernhard Straßer (35) aus Traunstein im Chiemgau träumt ihn. Mit Kurzgeschichten hat es der Berufsberater schon zu lokalem Ansehen gebracht. Mit der Coming of Age-Geschichte „Kleinstadtrebellen“ gedenkt er groß rauszukommen. „Jeder, der schreibt, will ein Buch veröffentlichen. Will einen Bestseller schreiben, will Preise bekommen, hören, er hat einen verdammt guten Roman geschrieben. Auch ich …“, kommentiert er selbstironisch in seinem Blog (www.chiemgauseiten.de/über mich). Doch er findet keinen Verlag, und so ist Selbstverlegen das Zauberwort, das ihm dazu verhelfen soll. Neu ist das nicht, schon immer haben Autoren, die von den Verlagen abgelehnt wurden, eine ganze Auflage vorfinanziert und selbst an den Leser gebracht, was wahrlich kein Pappenstiel ist. Heute heißt das Self Publishing, und Straßer muss keinen Pfennig in die Hand nehmen. Er wählt aus den verschiedenen Self Publishing-Plattformen eine aus, die ihm die besten Bedingungen bietet, und los geht’s. Eigentlich habe er sich gleich für CreateSpace entschieden, sagt er, der Plattform von Amazon. Einfache Handhabung, gutes Honorar. Fürs E-Book 60 Prozent vom Verkaufspreis, den er selbst festlegt. Dass andere Anbieter bis zu 70 Prozent zahlen, weiß er mittlerweile. Bei der Print-Ausgabe werden zusätzlich die Druckkosten abgezogen, da kommt er auf 20 Prozent. Die Abrechnung erfolgt monatlich.

Mit dieser Leichtigkeit der Veröffentlichung werben auch alle anderen Plattformen und locken mehr oder weniger mit dem gleichen Slogan: Schreiben, Hochladen, Publizieren. Bei der Covergestaltung allerdings habe er sich professionelle Hilfe geholt, sagt Straßer, das kleine Bild müsse den Leser, der durch die Amazon-Bestsellerlisten scrollt, ja sofort ansprechen. „Mir hat dabei ein befreundeter Grafiker geholfen. Überhaupt ist das meine Erfahrung, die ich mit den ,Kleinstadtrebellen‘ gemacht habe. Das war so ein Learning by Doing. Bei meinem nächsten Buch will ich vor allem eines, ein sauberes Lektorat. Das ist mir wichtig.“

Amazon war übrigens nicht der Vorreiter auf dem Gebiet des Self Publishings. Doch erst als sich 2007 der Online-Versandbuchhändler auch zum Online-Verleger aufschwang, schien diese neue Sparte so richtig in die Gänge zu kommen. Heute reden wir von sechs- bis siebenstelligen Auflagenzahlen und entsprechenden Tantiemen, und das alles für Bücher, die weder auf den gängigen Bestsellerlisten noch auf den Feuilletonseiten großer Zeitungen auftauchen. Viele dieser Bestseller-Autoren haben bei Amazon publiziert, ihre Werke sind digital und als Print-Ausgabe nur bei Amazon erhältlich, die E-Books nur auf dessen E-Book Reader Kindle lesbar. „Abhängig ist man schon“, gibt Bernhard Straßer zu. „Vor allem vom Bewertungssystem, das darüber entscheidet, ob ich in den Charts vorne und sichtbar bleibe oder nach hinten rutsche.“ Wobei sein Roman wahrscheinlich auch deswegen nicht zu den Topsellern gehört, weil er nicht die gängigen Genres bedient: Krimis, Thriller, Frauen-, Liebes- und Erotikromane, fast ausschließlich Unterhaltungslektüre, das belletristisch anspruchsvolle Buch sucht man nicht bei den E-Books.

Trotz aller Möglichkeiten, die ihm die neuen Medien erschließen, ist der Traum eines jeden Schriftstellers das gedruckte Buch. Den Verlag hat der SelfPublisher erfolgreich umgangen, auch wenn er sich heimlich nach einem sehnt. Sein Buch liegt als Datei abgespeichert in der Cloud, zusammen mit zigtausend anderen, und wartet darauf, vom Leser als E-Book heruntergeladen oder als Print-Ausgabe, als Book on Demand, bestellt und erst dann gedruckt zu werden. Nun muss es zum Kunden gelangen. Das geht nur über den Handel, um den die digitale Buchwelt nicht herumkommt. Und doch nimmt das Gros der Buchhändler diese riesige und noch dazu lukrative Einnahmequelle kaum wahr. Ein verlagsloses Buch scheint für sie wie ein Kleid ohne Label für den Modefreak, man fasst es sozusagen mit spitzen Fingern an. Dabei verdienen sie dank der Buchpreisbindung an ihm genauso viel wie an denjenigen, auf denen ein Verlagsname prangt.

Auch die Werbung hängt damit zusammen. Das Buch eines SelfPublishers erscheint ja in keinem Verlagsverzeichnis, wird von keiner Presseabteilung an die Feuilletons verschickt, fällt durch keine Anzeige ins Auge, es sei denn, der Autor zahlt sie selbst. „Für mich ist das die Ochsentour“, sagt Bernhard Straßer. „Klinkenputzen bei Redaktionen und Buchhändlern, Lesungen, Hinweise auf Facebook, regelmäßige Eintragungen in meinem Blog, Austausch in entsprechenden Internetforen undundund. Aber das bringt was. Ich war erstaunt, wie viel Resonanz ein Bericht in der Zeitung hat.“ Leben kann der Familienvater von seinen Tantiemen noch nicht. Doch wer weiß, vielleicht wird ja sein nächster Roman, der bereits fertig geschrieben ist, demnächst der Knüller des Jahres.
Katrina Behrend Lesch

[LiSe 05/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 4)

Hell und heiter – Literatur Moths – die Lieblingsbuchhandlung  von Thomas Jonigk und Christof Loy

Hell, loftig, großzügig – so präsentiert sich Literatur Moths. Hohe Räume mit Industrie-Charakter laden zur Schatzsuche ein. Während andere Münchner Buchhandlungen mit ihren bis zu Decke reichenden Regalen und eng aneinandergepressten Büchern eher Papier-Höhlen ähneln, gibt Moths den Blick frei: auf bibliophile Bücher und ausgewählte Geschenke in luftigen Regalen aus Schalholz, auf Exponate aktueller Ausstellungen an den Wänden, auf Genuss-Bildbände im Kochbuch-Kabinett oder auf den großen Tisch gleich im Eingangsbereich. Wer es auf diese Plattform geschafft hat, darf sich als Autor oder Verlag glücklich schätzen: Hier präsentiert sich nur er-lesene Literatur. „Was dort ausliegt, ist extrem in-spirierend – eine Oase der Literatur und der Individualität“, schwärmen zwei Stammkunden von Moths, der Schriftsteller Thomas Jonigk und der Opernregisseur Christof Loy. Seit sie 2013 als „verhasste Deutsche“ von Zürich ins Münchner Lehel gezogen sind, schätzen sie die Buchhandlung in der Rumfordstraße 48.

Literatur Moths gibt es schon sehr viel länger: 1994 eröffnete Regina Moths diesen Buchladen – den wohl schönsten in München, der 2009 auf der Frankfurter Buchmesse zur „Buchhandlung des Jahres“ gekürt wurde. Moths, die nach ihrer Lehre in Frankfurt Theater, Film- und Fernsehwissenschaften studiert hat, ist Buchhändlerin und Galeristin zugleich – davon zeugen die Lesungen, zu denen Regina Moths im Schnitt jeden Monat lädt und die Kunstausstellungen, die rund sechs Mal im Jahr stattfinden. Kunst gibt es bei Moths freilich das ganze Jahr über in den beiden Schaufenstern: Die von Regina Moths gestaltete Ladenfront ist immer einen Ausflug in die Rumfordstraße beim Isartorplatz wert. Während andere Läden beim Oktoberfest weißblaue Fähnchen aushängen, gab es beispielsweise bei Moths ein Wurstfenster – zwei Berliner Schneiderinnen präsentierten ihre Stoffwurstwaren.

„Moths ist tatsächlich eine der schönsten, niveauvollsten und im besten Sinne subjektivsten Buchhandlungen, die wir kennen“, sagen Jonigk und Loy. Und die sollten es eigentlich wissen – schließlich kommen sie beruflich in ganz Europa herum: Christof Loy hat gerade zwei Opern in Basel und Genf inszeniert, demnächst stehen unter anderem Regie-Arbeiten in Stockholm („Der Rosenkavalier“) und Wien („Peter Grimes“) an. Besucher der Münchner Staatsoper, an der derzeit Loys Inszenierung der Donizetti-Oper „Roberto Devereux“ mit Edita Gruberova zu sehen ist, dürfen auf eine neue Regie-Arbeit des Regisseurs hoffen: „Sobald Intendant Nikolaus Bachler und ich uns auf ein Stück und einen Termin einigen können“, verrät der 52-jährige. Thomas Jonigk, 1995 von „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, ist Allrounder: Der 49-jährige reüssiert als Schriftsteller, Regisseur, Theaterautor und Librettist. In der kommenden Spielzeit hat er unter anderem Auftragswerke an der Deutschen Oper Berlin und dem Theater an der Wien. „Anfänglich war ich reiner Theaterautor, aber mein Interesse geht mittlerweile viel mehr in Richtung Prosa, weil ich da viel autonomer bin.“ Seinen nächsten Roman wird Jonigk natürlich auch bei einer Lesung in der Buchhandlung Moths vorstellen.

Lesungen bei Moths ziehen seit Jahren SchriftstellerInnen, PublizistInnen und LeserInnen an. Zu Gast in der Rumfordstraße waren in jüngster Zeit unter anderem Sibylle Berg, Sibylle Lewitscharoff, Georg Klein, Stevan Paul, Heinrich Steinfest, Hans Pleschinski (er ist bei Moths Stammkunde), Feridun Zaimoglu oder die Balzac-Übersetzerin Melanie Waltz.
Regelmäßiger Gast bei Moths ist der von der ARD-Sendung „Druckfrisch“ bekannte Publizist Denis Scheck, der die Vorzüge unabhängiger Buchhandlungen wie Moths für ein Stadtviertel so preist: „Die Gegend, in der man lebt, verblödet dann weniger“. Regina Moths reagiert – auf Amazon angesprochen – gelassen: „Wir sind auch eine Internetbuchhandlung und waren es schon zehn Jahre vor Amazon.“ Wer die Homepage von Moths einmal angeklickt hat, weiß, dass er nicht nur Bücher innerhalb 24 Stunden bestellen kann, sondern fühlt sich auch gut beraten, optisch umschmeichelt und gut unterhalten. „Diese Heiterkeit ist uns wichtig“, ergänzt Regina Moths.

Heiter und unaufgeregt erzählt sie auch, wie sie ihren Stammkunden Christof Loy erstmals in ihren Räumen kennenlernte. So habe sie Thomas Jonigk, den sie vom Studium in Frankfurt kannte, von ihren diversen Reisen zu europäischen Opernhäusern erzählt, um Inszenierungen von Loy hautnah miterleben zu können. Daraufhin habe Jonigk den Laden verlassen und sei nach fünf Minuten mit Christof Loy wiedergekommen. „Hier ist der Regisseur“, erklärte Jonigk. Die beiden Künstler sind seit 2008 ein Paar. „Eine Heirat zwischen Männern ist noch immer ein politisches beziehungsweise gesellschaftliches Statement“, sagt der Autor. Angesichts der Proteste in Frankreich oder der Rolle von Homosexuellen in Osteuropa offenbart sich laut Jonigk, dass die Gesellschaft in puncto Minderheitenschutz oder individueller Freiheit eher rückschrittlich sei. Der internationale Opernbetrieb setze ganz andere Akzente, meint Loy. Erforderlich sei da die Fähigkeit, sich auf einen gemeinsamen Dialog und auf eine gemeinsame Arbeit einzulassen. „Das basiert auf extrem großem Vertrauen – und das ist vorbildlich in Bezug auf gerade stattfindende gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen“.
Ina Kuegler

[LiSe 04/15] Geben und Nehmen am offenen Bücherschrank

Warum gebrauchte Bücher daheim einsperren? In der Tausch-Box finden sie neue Leser und bereiten Freude

Münchens erster offener Bücherschrank ist seit Dezember 2013 in Betrieb und ein voller Erfolg. Der übermannshohe Kasten aus Stahl und Glas steht vor dem Nordbad in Schwabing. Meist ist er umringt von mehreren Menschen, die die Titel in den Regalen des verglasten Bücherregals studieren, in Büchern blättern oder sich unterhalten. Beim freien und kostenlosen Auswählen, Bringen und Mitnehmen von Büchern ergeben sich schnell Kontakte. So auch an diesem Sonntagnachmittag, trotz des kühlen Wetters.

Drei Frauen sind ins Gespräch gekommen. Eine ist an diesem Wochenende schon zum zweiten Mal hergeradelt, erzählt sie: „Gestern habe ich zwei Romane und ein Yogabuch mitgenommen. Die Romane habe ich inzwischen schon gelesen und gerade wieder zurückgestellt, das Yogabuch behalte ich, und jetzt schaue ich, ob ich noch etwas Neues finde.“ Die andere Frau hat einen Stapel Bücher mitgebracht, die sie in den Schrank einordnet. „Was sollen die daheim herumstehen? Ich lese sie ja doch kein zweites Mal, und hier freuen sich andere drüber.“ – „Bücher wirft man nicht weg!“ Darüber sind sich die Frauen einig. Obwohl … Mit spitzen Fingern zieht die Spenderin gerade ein original verpacktes, aber angeschimmeltes Bändchen aus dem Regal und bringt es, unter Zustimmung der anderen, zum Abfallkorb. Manch einer wird im Bücherkasten eben auch Dinge los, die garantiert niemand mehr haben will. Doch das ist die Ausnahme.

Weil kostenlos, finden hier auch in die Jahre gekommene Bestseller noch Abnehmer. Heute im Angebot: Zum Beispiel „Sorge dich nicht, lebe!“, „Salz auf unserer Haut“, „Liebe ist nur ein Wort“, oder die „Swann Saga“-Trilogie von R. F. Delderfield als Hardcover. „Am Flohmarkt gehen Bücher ganz schlecht“, erzählen die Frauen, und wenn, dann kriege man gerade mal zwei Euro für eines, das neu zwanzig gekostet hat; das lohnt sich nicht. Und im Internet? Da wird ein gebrauchter Band der Swann Saga zurzeit für 0,01 Euro gehandelt, plus 3 Euro Versandkosten.

„Der Bücherkasten wird von den Bürgern mit Begeisterung angenommen“, berichtet Thomas Rock vom Verein Offene Bücherschränke Schwabing West, in dem sich die Initiatoren des Projekts zusammengeschlossen haben. „Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell der Inhalt wechselt. Manchmal quillt der Schrank fast über, ein paar Stunden später ist er nahezu leer und am nächsten Tag wieder voll.“

In manchen Städten und Orten gibt es den kostenlosen Büchertausch zum Teil schon seit vielen Jahren. Als Tauschbox dienen da auch alte Telefonhäuschen oder Bushaltestellen. Die Münchner haben sich für die Luxusausführung des Kölner Architekten Hans-Jürgen Greve entschieden, weil diese auch den Anforderungen des Denkmalschutzes genügt, wetterfest und bruchsicher ist. Etwa 400 Bücher finden darin Platz. Den Preis von rund 8000 Euro hat zum Großteil der Bezirksausschuss gezahlt. Mehrere ehrenamtliche Paten aus der Nachbarschaft kümmern sich täglich um den Bücherschrank, sie putzen die Scheiben und achten darauf, dass keine Prospekte, Schundlektüre oder ewige Ladenhüter im Schrank verbleiben.

Auch die beiden Inhaberinnen der „Buchhandlung am Nordbad“ halten den Kasten für „eine ganz tolle Idee“, weil sie es generell gut finden, wenn Bücher weitergegeben werden. „Nicht toll“ finden sie jedoch, dass er genau auf der Seite des Nordbads platziert wurde, wo auch ihre Buchhandlung ist. Da hätte man sich vorher absprechen sollen, denn nun falle die Kundschaft weg, die sich früher auf dem Weg ins Freibad noch schnell ein Buch gekauft habe, um es auf der Liegewiese zu lesen. „Im Sommer tummelt sich ein Haufen Leute um den Bücherschrank, während wir in unserem Laden allein sind.“

Die Frauen am Bücherschrank aber sagen, dass sie nicht weniger Bücher kaufen, seit sie hier tauschen, denn „die Bücher, die man wirklich will, kauft man sich nach wie vor.“

Auf jeden Fall macht der offene Bücherschrank Schule in München. Weitere sind schon in Pasing, in Moosach, in Neuhausen und am Ackermannbogen geplant. Und vorm Nordbad wird es bald noch gemütlicher werden, denn neben dem Schrank wird eine Bank aufgestellt.
Simone Kayser

[LiSe 03/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 2)

Schwabinger Kaffeebohnen

Die „Kuhle“ ist Kult: Hans Magnus Enzensberger und sein Lieblingsbuchladen Lehmkuhl

„Lehmkuhl geht’s gut“, sagt Hans Magnus Enzensberger über seine Lieblingsbuchhandlung. Da schluckt man erstmal. Meint der Mann das wirklich? Das große Lamento über Amazon, macht der Branche die Kunden abspenstig, und da soll es einer Buchhandlung gutgehen? – „Amazon, die ignorieren wir einfach“, redet Enzensberger fröhlich weiter. Die Furcht mancher Autoren, sie könnten wegen Negativaussagen im Rating des Internetriesen herabgestuft werden, schüttelt ihn nicht. Der agile 85jährige sucht die „Kuhle“ oft mehrmals wöchentlich auf. –„Ist ja so praktisch für mich. Sie liegt über die Straße, die Buchhändlerinnen dort wissen Bescheid, kennen ihre Kunden, man kann die Bücher in die Hand nehmen, das sind paradiesische Zustände.“ – Mehr gibt es für ihn nicht zu sagen, und knapper und besser hätte man auch nicht auf den Punkt bringen können, was eine Buchhandlung von einem Onlineladen unterscheidet.

Michael Lemling, Geschäftsführer von Lehmkuhl, sieht das genauso. Er kann sich in seinem Stuhl zurück- und an eine über 100jährige Geschichte anlehnen. 1903 von Georg Steinicke gegründet, 1913 von Fritz Lehmkuhl übernommen, von 1934 bis 2005 im Besitz der Familie Schumacher, gehört der Laden heute den Verlegern Wolfgang und Hans-Dieter Beck. Ein Glücksfall. Eine Schwabinger literarische Buchhandlung in den Händen eines großen Schwabinger Traditionshauses. „Wir konnten vom Konzept her intakt bleiben, jenseits der Branchenentwicklung, mussten uns keine neuen Flächenkonzepte einfallen lassen, keine neuen Warengruppen aufnehmen. Wir sind die Stadtteil-Buchhandlung geblieben, die wir immer waren, traditionell und traditionsreich.“

So betritt man den Laden auch nach dem Umbau in Sommer 2012 mit Heimatgefühlen. Nach wie vor präsentiert er sich als langer Schlauch, mit einer großzügigen Ausbuchtung im Eingangsbereich, dem mit Büchern beladenen Flügel – Lehmkuhls Leitmotiv – und der Kassentheke, mit zwei kleineren Ausbuchtungen weiter hinten. Hier herrscht die Literatur, die schöngeistige und die unterhaltende, das Arsenal der Krimis und Thriller, die Kunst- und Fotobände, die Hörbücher und auch der Tolino, der eBook-Reader der Buchhandlungen. „Wir haben nichts gegen eBooks“, sagt Lemling. „Die Offenheit für die Digitalisierung muss sein. Das ist nicht der Untergang des Abendlandes und wird das gedruckte Buch nicht von der Bildfläche verschwinden lassen. Es sind ja beileibe nicht nur die Jungen, eher die 50plus-Leser, die sich dafür interessieren und sich von uns vor allem auch technisch beraten lassen.“

Im ersten Stock dominieren die Sachbücher, die Sprach- und Reiseführer, Musik-CDs und die Kinder und Jugendliteratur. Damit aus kleinen Lesern beizeiten große werden, widmet sich ihnen das Label Lehmcool mit einem besonderen Programm zum Bücher erleben, Autoren kennenlernen, Spaß haben. Dazwischen nicht zu vergessen die berühmte Treppe. Bei Lesungen, die zu organisieren in dem schmalen Laden ein wahres Kunststück ist, reißen sich manche Leute um einen Platz darauf. Dass Lesungen rückläufig sein sollen konnte Lemling bisher nicht wahrnehmen, im Gegenteil, der Bedarf an ihnen sei gewachsen. „Vielen Menschen ist die Tuchfühlung mit den Autoren eben wichtig und bei uns möglich. 80 Leute passen in den Laden, das ist eine angenehme Zahl. Aber einmal im Jahr machen wir die große Nummer, mieten das Audimax, tun uns mit den Kammerspielen und dem Residenztheater zusammen. Da zeigen wir, dass wir dazu auch fähig sind.“

Der Autor Enzensberger hingegen wehrt, auf Lesungen angesprochen, ab. Selber liest er nicht, nicht einmal aus seinem im Vorjahr so erfolgreichen autobiographischen Rückblick „Tumult“. Er zieht es vor, andere zu empfehlen, weniger bekannte Kollegen vorzustellen.

Michael Lemling wechselte 2006 von Carolus in Frankfurt zu „Münchens renommiertester Buchhandlung“ (laut Merian). Über das, was sich unter seiner Leitung seitdem getan hat, berichtet er mit Understatement. Etwa über 5plus, die seit 2009 bestehende Kooperation von anfangs fünf Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die inzwischen auf acht angewachsen ist. Das Kundenmagazin erscheint zweimal im Jahr gratis, mit Beiträgen namhafter Autoren und Buchempfehlungen der Mitarbeiter, Lesetipps par excellence. Dazu gibt es jährlich eine Art Jahresgabe, ein besonderes Stück Literatur in einer exklusiv edierten Ausgabe. Erweitert hat Lemling den Weihnachtsladen im Gartenhaus auf November und Dezember, festgehalten hat er an Traditions-Veranstaltungen wie Kundenfeste, Fahrten zu den Büchermessen, Bücherflohmärkte u.a. Lehmkuhl ist Mitglied des Vereins Buy Local und setzt sich damit für den unabhängigen Einzelhandel ein.

Mit einem Einkauf bei Lehmkuhl rettet man nicht gleich die Welt, heißt es in der Werbung, aber die Vielfalt Schwabings. Dass die Selbstbedienungs-Kaffeemaschine, die neben der gemütlichen Sitzgruppe im Hintergrund des Ladens steht, mit Bohnen aus einer Kaffeerösterei ums Eck gefüttert wird, ist so eine Geste.
Katrina Behrend Lesch

In unserer Reihe „Meine Lieblingsbuchhandlung“ stellten die „LiteraturSeiten  München“ in der ersten Folge den Münchner Autor Christoph Poschenrieder und „Buch & Bohne“ vor.

[LiSe 02/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 1)

Und mein Hund Moe bekommt immer Kekse

Der Schriftsteller Christoph Poschenrieder und seine Lieblingsbuchhandlung „Buch & Bohne“

„Inzwischen ist Amazon gigantisch mächtig und unheimlich geworden.“ Und: „Bücher sind für Amazon wie Plastikeimer oder Waschlappen.“ So sieht es der Schriftsteller Christoph Poschenrieder, und so sehen es auch viele MünchnerInnen: Sie trotzen dem Online-Riesen und bestellen und kaufen ihre Bücher in der Buchhandlung gleich um die Ecke. Wir von den „LiteraturSeiten München“ (LS) wollen in den nächsten Monaten Buchläden und deren prominente KundInnen vorstellen – nach dem Motto: „Meine Lieblingsbuchhandlung“.

Vier Räume hat die Buchhandlung „Buch & Bohne“ und ist damit eine
Große unter den kleinen Buchläden Münchens. Sie liegt zwischen Goethe- und Kapuzinerplatz in der Häberlstraße; Mariann Geier eröffnete sie im Oktober 2010. „Zu Buch & Bohne gehe ich seit vier Jahren“, sagt der Münchner Schriftsteller Christoph Poschenrieder. „Eine Buchhandlung hat in meinem Viertel – südliche Isarvorstadt – gefehlt. Tja, es gibt Bücher, guten Espresso, gute Unterhaltung und Beratung, und mein Hund Moe hat immer die Kekse von Random House bekommen. Was will man mehr.“

Mit „Buch & Bohne“ hat sich Mariann Geier, die vor 30 Jahren von Ungarn nach München gekommen ist, einen Jugendtraum erfüllt. „Ich wollte in München die alte Kaffeehauskultur von Budapest wieder aufleben lassen.“ Die Buchhändlerin Geier erinnert sich voll Schwärmerei an ihre Heimat: alte Kronleuchter, an den hohen Wänden Zeichnungen und Bücher, „und zu jedem Kaffee gab es einen kleinen Schnaps.“ Schnaps gibt es in der Häberlstraße nicht, dafür selbstgemachten Kuchen und Kaffee in allen Variationen. Zwischen Belletristik und Sachbüchern stehen ein Biedermeiersofa mit drei alten Stühlen sowie zwei weitere Tischchen, an denen die Kunden Espresso oder Cappuccino trinken, plaudern, diskutieren, lesen.

Christoph Poschenrieder kommt fast täglich zu „Buch & Bohne“. „Ich wüsste nicht, warum ich mir ein Buch bei Amazon holen sollte, wenn ich es mit einer e-mail und einem Spaziergang von einer Viertelstunde bei meiner Buchhandlung bekomme.“ Poschenrieder ist nicht nur Stammkunde bei „Buch & Bohne“, er hat dort auch schon seine Werke vorgestellt. Lesungen gehören zum festen Programm von Mariann Geier, so waren beispielsweise Tilmann Spengler, Frank Günther, Kai Hensel, Sebastian Glubrecht, Tillmann Rammstedt, Lukas Hartmann oder Christine Kaufmann in der Häberlstraße zu Gast.

Neben Lesungen veranstaltet „Buch & Bohne“ auch Blueskonzerte oder Kasperltheater für Kinder, die bei Mariann Geier ein wahres Eldorado vorfinden: So gibt es einen eigenen Raum für die Kleinen, der zweigeteilt ist. In einem Bereich dürfen Kinder malen, auf der Schreibmaschine tippen oder mit großen Steifftieren spielen, im anderen Bereich können die jungen Kunden in den Büchern stöbern – aber nur, wenn Mama oder Papa aufpassen. Für Kinder hat die Buchhändlerin auch gleich noch einen besonderen Tipp: So empfiehlt sie das Bilderbuch „Der Bär, der nicht da war“ von Oren Lavie in der Übersetzung von Harry Rowohlt und mit Illustrationen von Wolf Erlbruch – für Kinder ab vier Jahren und natürlich auch für (wie jedes gute Kinderbuch) Erwachsene. Denen rät Mariann Geier unter anderem zur Lektüre von „Die Gierigen“ von Karin Tuil, „Die Interessanten“ von Meg Wollitzer, „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili oder von „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler.

Ja, und sie empfiehlt natürlich auch Christoph Poschenrieders „Das Sandkorn“. Das Werk, im Vorjahr im Diogenes-Verlag erschienen, war bislang der größte Erfolg des Schriftstellers: Es stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zwei Jahre arbeitete der 1964 in Boston geborene Autor an diesem historischen Roman. „Zwecks Recherche und Inspiration war ich in Italien und in Berlin. Für Berlin allerdings waren alte Stadtpläne und Fotos hilfreicher, da sich die Stadt so sehr verändert hat seit 1914.“ Derzeit schreibt der Autor an einem neuen Roman, zu Titel und Thema will er noch nichts ausplaudern. Aber er verrät dann doch: „Nichts Historisches, eine Art Komödie. Schwarzer Humor.“

Buchhandlungen, so versichert Poschenrieder, gehörten einfach zur Kulturinfrastruktur einer Stadt. Und der „Buch & Bohne“-Kunde Reinhard Ammer, der derzeit seine rabenschwarzen Gschichtn mit dem Titel „Herzzreissn“ präsentiert, ergänzt: „Es gibt doch in München nun wirklich genug Nadelstudios und Telefon-Läden.“ Zudem arbeite eine Buchhandlung ökologisch: So nimmt der Buchladen die gesammelten Bestellungen seiner Kunden tagsüber entgegen und habe die Bücher am nächsten Morgen parat. „Da muss nicht jedes Buch einzeln in jeden Haushalt geliefert werden.“ Wir leben doch nicht, ergänzt
Poschenrieder, auf einem Einödhof in der nördlichen Oberpfalz! Nein, wir leben mitten in München.
Ina Kuegler