Von Lisa Lipp

Lass kein Licht ein, das uns mit Schatten bewirft. Wir bleiben in der Nacht.

Die Dunkelheit macht das Verstecken leichter. Selbst im Tunnel.

Im Tunnel gibt es nur zwei Richtungen. Genau deshalb sind wir hier, um uns auf eine Richtung zu einigen. Solange das aber nicht geklärt ist, wo der Anfang und das Ende des Tunnels, der Eingang und der Ausgang, wo der gemeinsame Ausgang ist – so lange verharren wir in der Mitte des Tunnels. Wir graben quer.

Hunderte Augenpaare beobachten uns, Käfer und Ratten und Menschen. Die Menschen kommen in Autos und auf Rädern, mit Sichtlicht. Kommen auch welche zu Fuß? Ohne Licht? Wir wissen es nicht. Wir haben selbst kein Licht, wir haben auch kein Grabgerät außer Händen und Löffeln. Wir graben und graben. Die Löffel sind stumpf, die Fingernägel ab. Neue Löffel holen wir tagsüber von daheim.

Einfach gemeinsam zu einer Tunnelseite rausgehen wäre so viel leichter, aber wir können uns nicht einigen. Wir können aber auch nicht stillstehen, sonst wird es so offensichtlich. Unser jahrelanges Versagen, uns zu einigen. Also graben wir quer.

Seit Jahren treffen wir uns hier im Tunnel, du kommst von hinten, ich von vorne, und wir treffen uns in der Mitte und graben, Nacht für Nacht. Wobei du immer sagst, ich komme von hinten. Dabei komme ich von vorne, ganz klar.

Wir können uns nicht vertragen. Wir können uns nur einigen. Nur einigen, dass wir uns uneins sind. Du willst hinten raus und ich vorne. Aber das geht nicht. Sind wir doch nur hier, um eine gemeinsame Richtung zu finden. Darum graben wir quer. Warum machen wir das? War das deine Idee? Du kamst doch auf die Idee! Oder war es meine? Ich glaube, es war meine.

Seit Jahrzehnten graben wir. Manchmal kannst du nicht. „Morgen ist Weihnachten, da kann ich nicht“, sagst du dann. Manchmal bin ich im Urlaub. „Ich bin jetzt zwei Wochen lang weg.“ Danach kommen wir wieder und graben weiter.

Dass der Quertunnel regelmäßig einstürzt, macht nichts. Der Tunnel ist, was uns verbindet. Es ist die einzige Richtung, auf die wir uns einigen können. Wir können nicht aufgeben, unser ganzes Leben bauen wir an diesem Tunnel. Du gibst ihn nicht auf. Ich geb ihn nicht auf.

Du gibst mich nicht auf. Ich geb dich nicht auf.

Wir graben bis Mitternacht. Dann gehen wir heim,
schlafen.

Gut Nacht. Bis morgen.Die Münchner Autorin Lisa Lipp schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Zusammen mit Tanja Wagner leitet sie die Schreibwerkstatt im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof.