Von Selina Golling

Endlose Abende, deren Stunden nie verrannen, an denen man sich wünschte, der Tag bräche nie herein – ja, solche Abende konnte man hier beginnen, wenn die Treppe einen spiralförmig sanft abwärtsführte. Hinab durch die Schwingtür in den Saal, in das Stimmengewirr spielender Trinker.

„Dart kostet einen Euro, Bier zwei, Schnaps wieder einen“, sagte die Frau hinter dem Tresen und musterte den jungen Mann einen Moment zu lange. „Aber ihr wollt erst Billard, oder? Fünf die Stunde.“

Sie begannen den Abend, wie vorausgesagt, mit Billard und Bier.

Während sie spielten, trafen sich die Blicke wie die Kanten des Billardtischs, und sie genossen diese Blicke genauso wie das Versenken der Kugeln. Immer wieder dachten sie, wie schön der andere in diesem Licht aussah.

Beim Dart wechselten sie sich ab und konnten den Rücken des anderen beobachten. Und wenn der Blick zu langsam vom Gesäß nach oben glitt, zog man weiter in die Bar gegenüber und wünschte sich, dieser Abend würde nie enden; dass keiner morgen etwas vorhatte und niemand nach Hause wollte, sondern man dort blieb, wo der Moment zuhause war. Für Stunden waren sie vom Leben Getriebene, alles Wollende, alles Liebende, und die Menschen dieser Welt schenkten ihnen in dieser Nacht, die so gern ein ganzes Leben gewesen wäre, ein Lächeln.

Nach Hause gehen bedeutete das Ende der Blicke und den Anfang des Redens. Und dann redeten sie und glaubten sich kein Wort, und jedes Wort warf eine Sorge zurück ins Gesicht.

Am nächsten Tag ging die junge Frau erneut die Treppe abwärts. Der bedachte Blick der Frau hinterm Tresen traf den nächsten jungen Mann. Er wollte spielen, und sie auch, und die Frau hinter dem Tresen schenkte zum Dart den Schnaps ein, sodass die beiden weiterzogen und sie bei dem nächsten Spiel nicht zusehen musste.

Zu oft hatte sie gesehen,
wie sie gaben,
sich nahmen,
verlangten,
sich verloren.
Und immer wieder von vorn.
Lust war
Kampf.
Bitte.
Ein Ruf:
Sieh mich.
Nimm mich.
Aber tu es sanft.
Hier küsste man,
um nicht zu sprechen.
Und schwieg,
um nicht zu schreien.

Selina Golling ist eine Münchner Autorin, die in ihren Texten zwischenmenschliche Spannungen, Begehren und Einsamkeit im urbanen Raum thematisiert. Ihr Stil ist poetisch verdichtet und geprägt von präziser Beobachtung des Alltags. Je banaler die Situation, desto mehr kratzt der Bleistift auf dem Papier.