Volha Hapeyevas Suche nach einem Halt in/an Wörtern

Von Ursula Sautmann

in „wörterbuch einer Nomadin“ nimmt Volha Hapeyeva uns mit auf eine Reise ohne Zielort, Ankunft, Ende. Die belarusische (in ihrer Schreibweise) Autorin hat viele Länder bereist: Kirgisien und Dagestan, Ukraine und Irland, Japan, England und Österreich. Und sie hat sich in viele Sprachen eingearbeitet, versenkt, und dabei Sprachmuster und Wortschöpfungen gefunden, die erstaunen, begeistern und die Fantasie beflügeln. Es sind die ganz „kleinen“ Beobachtungen, die bezaubern. Gleich zu Anfang seziert Volha Hapeyeva das Wort „Nebel“ im Japanischen, im Belarusischen, im Deutschen und stellt fest: „Je weiter man nach Osten kommt, desto nebliger wird es.“ Wir sind angefixt, tauchen mit der Autorin in die Tiefen der Sprachen und suchen Halt.

Volha Hapeyeva, geboren 1982 in Minsk, Belarus, ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin und lebt im Exil. In ihrem sehr persönlichen Buch „Wörterbuch einer Nomadin“ bringt sie uns nahe, was es heißt, die Muttersprache nur noch höchst selten sprechen und schreiben zu können, denn kaum jemand beherrscht Belarusisch. Aus der Not, sich im Exil verständlich zu machen und selbst zu verstehen, hat die Autorin eine Tugend gemacht und erforscht, was Sprache kann und muss. In zwölf Kapiteln, die am besten als kleine Essays zu beschreiben sind, nimmt sie sich Wörter vor und schafft Assoziationen zu Europa, Schnee, Gewalt, Wünsche, Narben … Die Themen sind vielfältig und stecken voller Überraschungen. Belarus ist allgegenwärtig. Zwischen allen Zeilen scheint die Suche nach einem Ziel der Reise, nach einem Anker hervor. Belarus wird dieses Ziel vorläufig nicht sein. Die Autorin hält am Ende fest, „Teil dieser Welt“ und „selbst die Antwort“ zu sein. Dabei dienen ihr „Poesie und Literatur als Gegenmittel zu (dieser) Vereinsamung und Entwurzelung“. Eine schönere Aufforderung zum Lesen als dieses sehr persönliche und doch immer wieder allgemeingültige Buch gibt es nicht.

Volha Hapeyeva: Wörterbuch einer Nomadin
200 Seiten, gebunden
Literaturverlag Droschl
Graz 2026
24 Euro