Jetzt sieht man sie wieder allerorten. Jetzt kommen sie wieder nach draußen, ans Licht, dürfen zappeln und tief einatmen, sind frei und sockenlos: die Zehen. Wie die sich so – ob lang, kurz, dick, dünn, krumm, gerade, sauber, schmutzig, gut oder schlecht gelaunt, lackiert oder ungeschminkt – nach langer Dunkelheit aus den Sandalen, Flip-Flops oder sonstigen Schlappen nach der Sonne recken, erinnert natürlich an den Gefangenenchor aus Beethovens Fidelio.

Von der plötzlichen Helligkeit so geblendet wie überwältigt, blinzeln da die Sänger ins Leuchten der Sonne, um dann aus voller Brust zu singen: „O welche Lust, o welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben! O welche Lust! Nur hier, nur hier ist Leben, der Kerker eine Gruft, eine Gruft. …“ Dann müssen die armen Männer wieder zurück in den dunklen, feuchten Kerker (bis zum dritten Akt, der ihnen die ersehnte Freiheit bringt). Dann ist es wieder so eine Art Winter, der auch unseren Zehen zu jedem Zeitpunkt droht. Irgendwann. Dann sind sie wieder weg, verpackt, unsichtbar.

Und schon sind wir beim Thema und so Fragen wie: Wohin geht der Schoß eines Menschen, wenn der sich entschließt, aufzustehen? Oder: Wohin geht das Licht, wenn sich die Kühlschranktür schließt? Oder: Gibt es auch im Winter Zehen? Hm. Vielleicht. Vielleicht auch nur jeden zweiten. Stopp, stopp, stopp! Jetzt ist erst einmal Sommer und es wird weiter gezappelt und jubiliert, und übrigens kommt das Wort „Zehen“ nicht vom Wort „zehn“, wie man meinen könnte, sondern vermutlich über Umwege vom Wort „zeigen“. Was wohl darauf hindeuten soll, dass Zehen nichts anderes sind als Finger nur halt weiter unten, am Fuß. Und weil es nichts gibt, was es nicht gibt, gibt es auch Zehenlesen.

Und ganz sicher gibt es das: Menschen, die mit ihren Zehen lesen. Aber mit Zehenlesen ist gemeint, dass sich Zehen je nach Stellung, Form und oder Hautmaserung deuten lassen, also „Zehenlesen“ wie „aus der Hand lesen“. In vergangenen Jahrhunderten, als es noch Kriege gab, versuchte man, dem Gegner Angst einzujagen, indem man ihm ins Gesicht brüllte, „pass nur auf Gegner, ich bin vom Kopf bis zur Zehe gewaffnet“. Daraus wurde (und schon wieder verschwinden die Zehen) „vom Kopf bis zum Fuß bewaffnet sein“ und daraus seltsamerweise irgendwann „bis an die Zähne bewaffnet sein“. Zähne? Was jetzt: Zehen oder Zähne? Na, ja. In spannenden Filmen haben Männer manchmal Dolche zwischen ihrem bleckenden Gebiss. Also doch Zähne? Aber macht uns das wirklich Angst? Egal.

Am Ende ist es dann doch wieder die große Zehe, an der das forensische Totenetikett hängt. Nach oben gereckt gibt sie die Richtung vor. Sie zeigt. Sehr praktisch. Aber jetzt ist erst mal Sommer und alle Zehen fliegen hoch!

Dika