Die literarische Verwertung des Fußballs hat eine lange Tradition, die über alle Genres hinweg bis zur diesjährigen Weltmeisterschaft reicht.

Von Markus Czeslik

„wenn er beim eckball wie / eine blonde katze aus dem / tor stürmt auf einer welle / der begeisterung durch die / blauen lüfte fliegt …“

So dramatisch klingt die Ode, die Albert Ostermaier dem damaligen Titan im deutschen Tor, Oliver Kahn, aufs Fußball-Trikot schrieb („Flügelwechsel, Insel 2014). Es ist nicht überliefert, ob der Münchner Autor auch Kahns Nachfolger Manuel Neuer eine Ode singen wird. Aber überliefert ist, dass Fußball und Pathos eine perfekte Symbiose eingehen. Deutschlands Volkssport Nummer 1 gleicht – so der Buchautor und Sportjournalist Christoph Biermann – einer „Schicksalsaufführung“. Dies umso mehr, wenn 48 Nationen um die Weltmeisterkrone kämpfen. Ein Drama aus Schweiß und Tränen, Erlösung und Verzweiflung, bei dem Mythen geboren und Träume beerdigt werden.

1992 verewigte der Brite Nick Hornby seine obsessive Liebe zum Spitzenklub Arsenal London im Roman „Fever Pitch“ (deutsche Erstausgabe bei KiWi 1997) und verlieh der Fankultur erstmals literarische Weihen. Ein vergleichbares Kultbuch ist im deutschsprachigen Raum schwer zu finden. Als der Österreicher Tonio Schachinger sein Debüt „Nicht wie ihr“ über den fiktiven Fußballer Ivo Trifunović veröffentlichte (Kremayr & Scheriau 2019), betrat der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023 mit dem grünen Rasen echtes Neuland. Das Gegenstück zu dem abgehobenen Profi im Bugatti lieferte Martin Suter mit „Einer von euch“. Darin zeichnet er den Lebensweg von Bastian Schweinsteiger nach und bringt uns den Münchner Weltmeisterhelden von 2014 so nahe, dass wir glauben wollen, mit dem „Basti“ von nebenan schon ewig befreundet zu sein. Ein anderer Weltmeisterheld, Christoph Kramer, versuchte sich mit dem Coming-of-Age-Roman „Das Leben fing im Sommer an“ (Kiepenheuer & Witsch 2025) selbst als Autor.

Was Fußball auch in Kriegszeiten zu leisten imstande ist, weiß Saša Stanišić zu erzählen. In seinem Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (Luchterhand 2006) lässt der bekennende Fußballfan mitten im jugoslawischen Bürgerkrieg serbische und bosnische Soldaten zu einem epischen Match gegeneinander antreten. In diesem Moment lassen Menschlichkeit und Verbundensein das nationalistische Getöse verstummen.

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur hat das „Piksi-Buch“ der gebürtigen Belgraderin und Buchpreisträgerin Barbi Marković zum Fußballbuch des Jahres 2025 gekürt, in dem sich Sportberichterstattung und kriegerische Narrative vermischen. Was uns zurückführt zur aktuellen Weltmeisterschaft. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte befinden sich ein Gastgeber (USA) und ein Gast (Iran) im Krieg miteinander. Da erscheint das „Sommermärchen“ 2006 in Deutschland in ganz anderem Licht: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautete damals das Motto des Turniers, das als rauschendes Fest in Erinnerung geblieben ist.
Ronald Reng lässt diese glückselige Zeit noch mal aufleben in „Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ (Piper 2026). 20 Jahre später besteht wieder einmal die Hoffnung, dass mit einem positiven Abschneiden der Nationalelf eine Welle der Euphorie auch Gesellschaft und Politik erfassen möge.

Apropos Nationalelf: Kurz vor dem Sommermärchen gründete der Schriftsteller Thomas Brussig die Autorennationalmannschaft, die gegen Literaten und Kulturschaffende anderer Nationen antritt. Zu den „Botschaftern in kurzen Hosen“ gehören unter anderem der eingangs zitierte Ostermaier und Moritz Rinke („Ich könnte hier stundenlang sitzen und auf den Rasen schauen“, KiWi 2024).

Mithilfe des Fußballs sollen nicht nur Brücken geschlagen und Menschen verbunden, sondern auch kickende Kinder fürs Lesen gewonnen werden. Die Reihe „Little People Big Dreams“ beispielsweise erzählt die Biografie von FC-Bayern-Stürmer Harry Kane (Insel 2026). Fußballprofi Matthias Ginter und seine Frau Christina beschwören in „Die Pfotenkicker. Zusammen verschieden – gemeinsam stark!“ den Teamgeist auf dem Rasen (Herder 2026). Und mit „Der Ballkönig – ein Fußballmärchen“ (Annette Betz 2026) liefert Chris Becker die diverse Version von Aschenputtel: Ein Junge erfährt auf magische Weise, dass Fußballschuhe ein Leben verändern können.

Auch das haben Spiel und Buch gemeinsam: Sie bieten uns die Möglichkeit, für kurze Zeit der Realität zu entfliehen. Nie war wohl die Sehnsucht nach einer Neuauflage des Sommermärchens größer als heute.

Ronald Reng: Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog
Hardcover, 416 Seiten
Piper, München 2026
25 Euro