[LiSe 06/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 8)

Die Unangepasste
Franziska zu Reventlow und München

Von Katrina Behrend Lesch

„… frei bin ich, frei bin ich, frei – frei!“ Viele solcher „Aufschreie“ notierte Franziska zu Reventlow in ihren Tagebüchern, wie um sich selbst zu bestätigen, was für sie im Leben allein zählte. Einem Freund schrieb die Neunzehnjährige „ … es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit …“ Hineingeboren in ein adliges Milieu und in die restriktive Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs, dessen Dauer ihren eigenen Lebensdaten entspricht – 1871 bis 1918 – rebellierte Franziska, die eigentlich Fanny hieß, zeit ihres Lebens gegen deren Regeln und Konventionen. Ob sich München, ihr langjähriger Lebensmittelpunkt, wegen dieser so leidenschaftlich eingeforderten Freizügigkeit mit ihrem Andenken schwer tut mag dahin gestellt sein. Eine einzige Bronzetafel erinnert an sie, fast unsichtbar seitlich an dem Gebäude Leopoldstr. 41 angebracht, das die typische Fassade einer heutigen Großstadtmeile aufweist: Ein Supermarkt, ein Klamottenladen. In diesem Haus über dem Café Noris von einst wohnte die Schriftstellerin Franziska von Reventlow *1871 1918 † lautet die lapidare Inschrift. Sie verrät nichts über die Persönlichkeit, die wegen ihres berühmt-berüchtigten Lebensstils in den Schwabinger Künstlerkreisen als „heidnische Madonna“ bezeichnet wurde. (mehr …)

[LiSe 06/18] Preisverleihung / Kurzgeschichte

Gewinner

Der Haidhauser Werkstattpreis, dessen Vergabe heuer zum 25. Mal stattfand, hat einen eindeutigen Gewinner. Es ist Wolfram Hirche, dessen satirisch zugespitzte Kurzgeschichte „Osama Ostmond“ den anwesenden Zuhörern unter den Texten der elf Kombattanten, wie sich Moderator Rainer Kegel vom Münchner Literaturbüro ausdrückte, am besten gefiel. Leicht gekürzt ist sie hier abgedruckt. Hirche schreibt in den LiteraturSeiten München regelmäßig die Kolumne und nimmt darin den Literaturbetrieb hintersinnig und ironisch aufs Korn. Wir gratulieren ihm. red.

Kurzgeschichte: Osama Ostmond 

Von Wolfram Hirche

Osama gleitet pünktlich aus dem Untergrund die Rolltreppe hinauf zur Mariensäule ins Freie, in der Linken einen Metallkoffer, und raunt mir sofort ins Ohr, dass er geradewegs aus seinem Versteck in „München-Westkreuz“ komme und keineswegs aus den Höhlen von Tora Bora. Westkreuz, Hochhaus, neunter Stock, das kann man nicht erfinden, das macht ihn sofort authentisch. (mehr …)

[LiSe 06/18] Buchtipps aus erster Hand

„Buch in der Au“ empfiehlt diese beiden Romane.

Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool
Hanser Berlin

Einen ungewöhnlichen roten Swimmingpool und einen ungewöhnlichen ersten Roman hat die Autorin Natalie Buchholz kreiert. Adam, der fast volljährige Sohn eines Vor-zeige-Ehepaares, wird in ein Familiendrama verwickelt. Die von allen verehrte französische Mutter Eva wird von Wiktor, dem polnischen Selfmade-Mann, Knall auf Fall verlassen. Und mit ihr auch Adam, der die Welt nicht mehr versteht. Was ihm hilft, sind die Gespräche mit Freunden auf den Stufen der Wittelsbacher Brücke an der Isar und die Weisheit seiner Alten, die er im Rahmen einer Sozialstrafe betreuen muss. Ganz langsam löst Natalie Buchholz die Knoten. Die Sonne geht wieder auf, Adam verliebt sich. Wunderbar in Form und Sprache mit einem liebevollen Blick auf menschliche Abgründe. Absolut lesenswert. (mehr …)

[LiSe 06/18] Eigene Texte lesen!

Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne mal öffentlich vor 10 bis 30 Zuhörern vortragen wollen.

Jeden Freitag (außer im August) von 19:30 bis 22 Uhr lesen im MLB, Milchstraße 4, direkt hinter dem Gasteig. Autorinnen und Autoren ihre Texte und bekommen vom Publikum direkte Resonanz und Anregungen. Anmeldung unter: muenchner-literaturbuero.de/terminkalender
Bitte folgen Sie den dort aufgeführten Anweisungen.

Haidhauser Werkstattpreis: An jedem ersten Freitag im Monat ist eine Anmeldung nicht erforderlich! Jede/r Autor*in kann einen eigenen maximal 10-minütigen Text lesen. Das Publikum wählt den besten Beitrag, der am Finale im Gasteig teilnimmt. Dem Sieger winken Champagner und Preisgeld!

WH. 

[LiSe 06/18] Rezension: Wortgewandt, witzig und allzu wahr

Max Scharniggs neuer Roman „Der restliche Sommer“

Von Ursula Sautmann

Paul und Sara sind (nicht mehr ganz) frisch verliebt, Tin und Sonja sind (nicht mehr ganz) frisch getrennt. Max Scharnigg beschreibt in seinem soeben erschienenen Roman beide Seelenzustände gleich leicht und leicht schräg. Die vier Protagonisten müssen sich neu orientieren. Dabei stellen sie sich höchst unterschiedlich an. Die Männer sind am Ende eher bedauerlich, die Frauen eindeutig lebenstüchtiger. Kein Triumphgefühl, bitte, denn sie haben es in diesem Buch eher dem Zufall zu verdanken, dass sie am Ende besser dastehen; im wahren Leben ist das meist ganz anders.  (mehr …)

[LiSe 05/18] Jeder Raum ein Naturgedicht

„Ins Blaue!“ führt die neue Ausstellung im Literaturhaus über Natur in der Literatur

Von Katrina Behrend Lesch

Die Farbe ist es, die den Ton angibt. Hören Sie selbst! Ab ins Grüne, das klingt nach Wald, Wiese, Heide, nach einem Ziel mit Namen. Ins Blaue hingegen verheißt Weite, das Grenzenlose, die Suche nach der blauen Blume, das Symbol für Sehnsucht und Liebe in der Romantik. Ins Blaue, da sind wir Taugenichts, der in die Welt hinauszieht mit nichts als seiner Geige und ein paar Groschen. „Hinter der Nebelwand im Gehirn gibt es noch andere Gegenden, die blauer sind, als du denkst“, schreibt Hans Magnus Enzensberger. Diesen Gedanken haben die Macherinnen der Ausstellung aufgegriffen, als sie das ungeheuer weite Feld von 2.500 Jahren Literaturgeschichte der Natur zu fassen suchten.

Natur in der Literatur ist anders als die, die uns umgibt. Sie ist erfunden, künstlerisch gestaltet, poetisiert. „Als ihr ewiger Wider- und Gegenstand geistert die Natur durch das Form-, Wort-, Klang- und Bildmaterial der Literatur“, sagt Kuratorin Heike Gfrereis. In  Zusammenarbeit mit Projektleiterin Karolina Kühn hat sie sich für das Spielerische, absichtlich Befremdliche entschieden. Und die Tür für eine Fülle von Assoziationen und poetischen Möglichkeiten aufgestoßen. (mehr …)

[LiSe 05/18] Kolumne: Verwünschungslust

Ma va a cagar!“ Sicher kennt das Italienische schlimmere Verwünschungen, als diese, mit der Gigi Buffon im Viertelfinale der Champions-League vor kurzem den britischen Referee bewarf, um wütend dessen Darmtätigkeit zu fördern. Doch Mister Oliver zog humorlos Rot, sicher nur deshalb, weil die Torwartlegende nicht britisch geflucht hatte. Das war unverzeihlich, und so nahm das Schicksal auf spanischem Boden seinen Lauf. Gigi schied aus. Der Angloamerikaner bevorzugt bekanntlich beim Fluch die Sexualsphäre, während der Kontinentaleuropäer zum Fäkal greift. Treffen diese Kulturen aufeinander, muss der Schwächere vom Platz. (mehr …)

[LiSe 05/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 7)

Eine langsame Stadt
Erst spät würdigt München die Dichterin Anette Kolb 

Von Antonie Magen

Googlet man die Adresse „München, Sophienstr. 7“, wird man mit der Homepage des Parkcafés am alten botanischen Garten verbunden, die den kulinarisch Interessierten mit „deutsche[r] Hausmannskost, bayerische[n] Schmankerl[n] oder internationaler Küche“ lockt. In der Rubrik „Über uns“ findet sich zwar ein kurzer Abriss zur Geschichte des Restaurants, der auch darüber informiert, dass sich „zwischen 1854 und 1931 […] an der Stelle des heutigen Park Cafés der riesige Glaspalast“ befand. Allerdings wird nirgendwo darauf verwiesen, dass direkt neben dem avantgardistischen Ausstellungsgebäude aus Glas und Eisen, und zwar so dicht, dass „es sozusagen daran lehnte“, ein weiteres Gebäude stand, nämlich ein „etwas gespenstisch aussehende[s] Haus, das die Nummer Sieben trug“. (mehr …)