[LiSe 06/16] Kurzgeschichte: Drei Leben

Meine Mutter quälte sich zum Dorfarzt. An ihrer Seite ging Georgios, ihr Ehemann, der sie untergehakt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie sich beide jemals so nahe gezeigt hatten in aller Öffentlichkeit. Die Leute würden reden. Schon über 20 Jahre waren sie verheiratet, eigentlich schon seit 25 Jahren, wenn sie so recht darüber nachdachte. Sie litt dieser Tage unter Bauchschmerzen und Übelkeit. Sollte es möglich sein, dass sie schon wieder schwanger war? Sie liebte ihre acht Kinder, aber allmählich war sie müde vom ewigen Kinderkriegen und der Kindererziehung und den 42 Jahren, die sie alt war. (mehr …)

[LiSe 06/16] Rezension: Ein literarisches Gebet, ein vielstimmiges Bild unserer Zeit

Björn Bickers Text vom religiösen Leben in einer säkularen Gesellschaft

Was glaubt ihr denn, fragt Björn Bicker uns, seine Leser. Eine Frage ohne Fragezeichen in den Raum gesprochen, eine ambivalente, aufmüpfige Frage. Eine Frage, der man die in die Hüften gestemmten Hände anhört. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Wer wir sind. Der man mit unterschiedlicher Betonung verschiedene Bedeutungen geben kann. Ja, was glauben wir denn. Glauben wir an einen Gott, und gleich nachgeschoben, an welchen bitte. Das ist die Frage, über die alle reden, wenn sie über Religion reden. Björn Bicker ist ihr nachgegangen, hat sich im religiösen Leben unserer Städte umgesehen, umgehört, hat daraus zunächst das Theaterstück Urban Prayers entwickelt. Aus einer langen Recherche ist ein Text entstanden, der eine Sprache sucht für die vielen Stimmen der Wirklichkeit. Der diese Sprache einem Chor in den Mund legt, dem Chor der Gläubigen, der sich in unserer säkularen Gesellschaft vielstimmig zu Wort meldet, sich ins Wort fällt, widerspricht, mit tausend Zungen redet, mal schneller, mal langsamer, mal alle zusammen, mal jeder für sich, mal gegeneinander, mal miteinander. (mehr …)

Wie tickt mein Date? Das Bücherregal verrät alles

Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von Vorsicht Buch! unter 5.000 Menschen in Deutschland

Thermomix, Kaffeemaschine oder High-Definition-Beamer machen wenig neugierig auf einen Menschen: Wenn eine neue Bekanntschaft in die Wohnung kommt, dann schweift der erste Blick – zum Bücherregal. Wie in einem „offenen Buch“ zeigen sich dort Charakter und Geschmack des Gastgebers oder der Gastgeberin. Das meint jedenfalls ein knappes Drittel der Männer und Frauen in Deutschland. (mehr …)

E-Book-Quartalsbericht: Absatz steigt, Umsatz stagniert

Nach dem ersten Quartal 2016: Absatz steigt um 6,3 Prozent / Börsenverein meldet vierteljährlich E-Book-Zahlen

Das Interesse an E-Books ist unter den Lesern ungebrochen. So stieg die Nachfrage nach E-Books in den ersten drei Monaten des Jahres 2016 um 6,3 Prozent. Da die von den Käufern bezahlten Preise aber um durchschnittlich 5,9 Prozent von 7,01 Euro auf 6,60 Euro sinken, hat das keine nennenswerten Auswirkungen auf den Umsatz. Er blieb im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit plus 0,1 Prozent nahezu auf gleicher Höhe. Der Umsatzanteil mit E-Books im Publikumsmarkt (ohne Schul- und Fachbücher) lag im ersten Quartal 2016 bei 5,4 Prozent. Im Vergleichszeitraum 2015 lag er bei 5,6 Prozent.

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[LiSe 05/16] Wenn Tollpatsche Helden sein können

Die Fantasy-Welle bei Kinderbüchern ist vorbei. Die beste Leseförderung ist das Vorlesen.

Warum haben Tiger Streifen? Hatten Dinosaurier Ohren? Bei LeseLotte gibt’s die Antworten – im einzigen Münchner Kinderbuchladen. In der Mitte der Buchhandlung steht ein großer Tisch, mit Büchern über Tiger oder Dinos. Das ist was für Größere. Die jüngeren Kinder finden ihre Schätze gleich am Schaufenster: Dort gibt es knuddelige Stofftiere, Fühlbücher oder Pappdeckelbände wie „Ella entdeckt die Welt“. Auf der gegenüberliegenden Seite des Buchladens in der Reichenbachstraße 30 stehen die Jugendbücher. „Wir haben unsere Buchhandlung im Oktober 2015 eröffnet“, erzählt Christiane Jürging. Es ist der einzige Münchner Kinderbuchladen – der Vorgänger in der Blütenstraße hat schon vor Jahren aufgegeben. (mehr …)

[LiSe 05/16] Münchner Literaturbüro: Werkstattpreis vor vollem Haus

Der Vortragssaal in der Bibliothek vom Gasteig war gut gefüllt, die Stimmung prächtig – am Samstag, dem 16. April ging der 23. Haidhauser Werkstattpreis über die Bühne. Organisiert wurde er wie immer vom Münchner Literaturbüro. Die ersten drei Preisträger waren: Iliana Karagialani mit „3 Leben“, Mate Tabula mit „Im Germeringer Hallenbad“ und Hartwig Nissen mit „Geschichte von Andi“.
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[LiSe 05/16] Rezension: Fluchtgeschichten

Fluchtgeschichten sind das Gebot der Stunde. Das letztjährige Literaturfest erhob sie zum Thema, so entstand seinerzeit aus Gesprächen von Münchner AutorInnen mit nach Deutschland Geflüchteten die Anthologie Die Hoffnung im Gepäck (Allitera Verlag). Fridolin Schley hat es damit nicht gut sein lassen, hat sein Gespräch mit einer jungen Somalierin weiter geführt und es zu einem Gefüge aus Wahrnehmung und Erinnerung verdichtet. In Die Ungesichter, einem schmalen Bändchen von knapp 100 Seiten, erzählt er die Geschichte des fünfzehnjährigen Mädchens Amal, das ein sorgloses Leben in einem Dorf in Somalia führt, bis die Islamisten kommen, den Vater ermorden und Amal verschleppen. Sie muss den „Patronenmännern“ zu Diensten sein, kann sich befreien und soll von einem dubiosen Schleuser zusammen mit dem ihr zugesellten „Bruder“ Cariim angeblich nach London geflogen werden, landet jedoch in Kiew. Es beginnen die quälenden Wochen des Wartens im ukrainischen Winter, einer missglückten Grenzüberschreitung, der monatelangen Festsetzung in einem slowakischen Lager, bis die beiden es schließlich schaffen, über Wien nach München zu gelangen. (mehr …)

[LiSe 04/16] Tod und Amüsement

Der Bannkreis des „Zauberberg“ – Thomas Manns großer Zeitroman in einer als Collage inszenierten Werkschau im Literaturhaus

Im Mai 1912 reiste Thomas Mann nach Davos, um seine Frau, die dort für einige Monate zur Kur in einem Sanatorium weilte, zu besuchen. Den Tod in Venedig hatte er noch nicht fertig, aber bereits die Idee für ein humoristisches Gegenstück, leicht und unterhaltsam, nicht viel länger als eine etwas ausgedehnte short story. „Sie war gedacht als ein Satyrspiel zu der tragischen Novelle, die ich eben beendete. Ihre Atmosphäre sollte die Mischung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonderbaren Ort hier oben erprobt habe …“, schreibt er in seiner Einführung in den ,Zauberberg‘ aus dem Jahre 1939. Im Juli 1913 begann er mit der Novelle, stellte dann fest, dass der Stoff sehr viel mehr Raum und Zeit in Anspruch nahm als vorgesehen, unterbrach die Arbeit während des Weltkriegs und machte sich 1919 an eine intensive Umarbeitung. Das Werk, das dann im November 1924 erschien, war über 1000 Seiten lang und fand sofort ein enthusiastisches Publikum. (mehr …)