[LiSe 10/15] Rezension: Wenn Autoren älter werden

Wer gern und viel Krimis liest, verzweifelt manchmal über den immer gleichen Plot – Mord, Leiche, Ermittler, vertuschte Spuren, Auflösung. Friedrich Ani hat schon vor Jahren begonnen, den Kriminalroman als Vehikel für sein Nachdenken über den inneren Zusammenhalt unserer rasanter werdenden Dienstleistungsgesellschaft zu benutzen.

Seinen Tabor Süden lässt er nach vermissten Personen suchen, die erst durch ihr Verschwinden in das Bewusstsein ihrer Mitmenschen geraten sind. Nun hat Ani mit seinem neuen Ermittler Jakob Franck einen pensionierten Kommissar erfunden, der die Einsamkeit und die inneren Monologe mit seinen Auftraggebern, den Opfern und sicher auch seinem Autor teilt.

In dem soeben erschienen Roman „Der namenlose Tag“ erfleht der 67-jährige Witwer Ludwig Winther aus dem Münchner Stadtteil Ramersdorf von dem Ruheständler, nochmal den Umständen des Freitods seiner Tochter nachzugehen, der zwanzig Jahre zurück liegt. Franck trifft bei seinen Recherchen im Umfeld der Familie Winther auf generationenübergreifendes Schweigen. Über drei Generationen verheddern sich die Hinterbliebenen in Stummheit und sinnlosem Lügen. Und Ani katapultiert seine LeserInnen in ihre eigenen Kindheiten, wo trotz der lärmenden Geschwätzigkeit über die wichtigen Dinge geschwiegen wird und das Wesentliche nicht ausgesprochen werden darf, und wo die Kinder im Mief verdruckster, kleinbürgerlicher Großstädter verstummen. Das Beste, was Ani bisher geschrieben hat.

Michael Berwanger

Friedrich Ani
Der namenlose Tag
Roman, gebunden 300 Seiten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
19,95 Euro

TTIP-Verhandlungen ohne Buchpreisbindung: Börsenverein begrüßt offizielle Zusage von EU-Kommission

Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.
Frankfurt am Main, 29. September 2015

Die EU-Kommission wird auf keinen Fall bei den Verhandlungen zum Transatlantischen Handels- und Investitionsschutzabkommen (TTIP) über die Buchpreisbindung sprechen, auch wenn die US-Verhandlungsführer in den Gesprächen das Thema von sich aus aufgreifen sollten. Auf Vorschlag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström dies jetzt in einem Antwortschreiben klargestellt. Demnach werden nationale Buchpreisbindungssysteme wie das sowohl für gedruckte wie für elektronische Bücher geltende deutsche Buchpreisbindungsgesetz durch das geplante Freihandelsabkommen TTIP in keiner Weise beeinträchtigt werden. Das bedeutet z.B., dass auch US-amerikanische E-Book-Plattformen beim Verkauf deutschsprachiger E-Books an Kunden mit Sitz in Deutschland dazu verpflichtet sind, den vom deutschen Verlag gebundenen Ladenpreis anzuwenden und Verstöße gegen diese Pflicht effektiv sanktioniert werden können. (mehr …)

„Bücher sagen Willkommen“: Buchbranche startet Initiative für Flüchtlinge

Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V., der Frankfurter Buchmesse und der LitCam

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„Bücher sagen Willkommen“: Buchbranche startet Initiative für Flüchtlinge

Einrichtung von Lese- und Lernecken für Flüchtlinge / Spendenaktion im Buchhandel / Sonderprogramm für Flüchtlinge auf der Frankfurter Buchmesse / Schirmherr: Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015 / Start zum Weltbildungstag am 8.9.2015 (mehr …)

[Lise 09/15] Faust im Nacken

Faust im Nacken

Was dürfen oder müssen Gymnasialschüler in der Oberstufe lesen?
Verdirbt oder fördert die Pflichtlektüre die Freude am lebenslangen Lesen?

Der Lehrplan für die Oberstufe bayerischer Gymnasien, Fachbereich Deutsch umfasst in seinen gut zehn Seiten allgemeine Vorgaben zur „sprachlich-literarischen“ und „geistesgeschichtlich-kulturellen Bildung“. Er ist in sechs Kapiteln abgehandelt, wobei das Kapitel „Sich mit Literatur und Sachtexten auseinandersetzen“ eine eher marginale Rolle spielt. Dennoch fordert er von den Schülern „Aufgeschlossenheit für Themen und Stoffe der Literatur“, Erweiterung „kultureller Zusammenhänge“, „Offenheit für Fragen der Ästhetik“, „eine differenzierte Weltsicht“ und „lebenslange Lesebereitschaft“. Das klingt nach hohen Ansprüchen und ausgedehnter Pflichtlektüre. Dabei ist auffällig, dass der Lehrplan – außer zeitgeschichtlichen Eingrenzungen – offenhält, was in der Oberstufe gelesen werden soll. Also ab jetzt nur noch Felicitas Hoppe und Alexander Kluge? Keineswegs! (mehr …)

[LiSe 09/15] Literaturradio

Literaturradio: Literatur geht auf Sendung

SelfPublishing, Posten, Twittern – die digitale Welt für Wortkreative ist weit. Nun können sie sich auch zu Gehör bringen. Das Literaturradio Bayern macht‘s möglich. Auf der neuen Radioplattform der BLM (Bayerische Landeszentrale für Neue Medien) geht das offensichtlich ganz einfach. Wer Lust hat, eigene Beiträge zu produzieren, registriert sich über die Anmeldemaske, erstellt einen Radiokanal, lädt seine Texte hoch oder sendet sie live. Zu empfangen sind sie vorläufig nur über das Internet. Was aber nicht so bleiben muss, da man sich vorstellen kann, einzelne Sendungen auch im digitalen Radio zu verbreiten. Die beiden Initiatoren, Uwe Kullnick vom FDA Bayern (Freier Deutscher Autorenbund) und Arwed Vogel vom VS (Verband Deutscher Schriftsteller), wollen damit die bayerische Literatur auf eine breite Basis stellen und Autoren aller Couleurs die ihnen gebührende Wahrnehmung an die Hand geben.

Das Literaturradio ist gedacht als eine Plattform für kleinere Organisationen mit regionalen und lokalen Komponenten, die voneinander keine Ahnung haben und nun miteinander kommunizieren können. Eine Art Entdeckermagazin, wo jeder, der schreibt, sich vielstimmig über die Feuilletons der Zeitungen und öffentlichen Sender hinaus zu Wort melden kann. Autorenportraits, Rezensionen, Lesungen, Buchpräsentationen, Veranstaltungsankündigungen, Interviews, Live-Übertragungen stehen bereits auf der Programmliste. Man sieht, die Bandbreite ist groß und kann durch die Vernetzung mit Musikern und Bildenden Künstlern aufs Anregendste erweitert werden. Die Beiträge sollen nach journalistischen Grundsätzen erstellt sein und den Jugendschutzbestimmungen Rechnung tragen. Eine VS-Redaktion wacht darüber, dass ein gewisser Level eingehalten wird und nicht allem Schund und Schmutz Tür und Tor offen stehen.

Finanziert ist das Literaturradio sozusagen aus sich selbst, das heißt partiell durch die Rundfunkgebühren, da die Plattform auf der Homepage der BLM, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, angesiedelt ist. Die Tätigkeit der Einzelnen ist rein ehrenamtlich, die Beiträge müssen selber produziert und ins Netz gestellt werden. Im Grunde ist jeder für sich verantwortlich, kann aber mit Feedback und Kommentaren gelobt oder getadelt werden bzw. selber tun. Für Arwed Vogel beinhaltet das eine große Freiheit, es können Momente im literarischen Betrieb gezeigt werden, die an anderer Stelle kaum mehr Platz finden. Anders gesagt, das Literaturradio zeigt eine Offenheit, die den gängigen Medien abhanden gekommen ist. Vogel wünscht sich, dass die Schriftsteller mit diesem Projekt nun eine gemeinsame, kommerziell unabhängige Plattform haben, ein Sprachrohr, mit dem sie ihre Belange vertreten, ihre Publikationen präsentieren und literarische und literaturpolitische Diskurse eigenständig führen und in der Öffentlichkeit darstellen können.
Katrina Behrend Lesch

Kontakt: radio.blm.de, uwe.kullnick@email.de, arwedvogelflp@aol.com

[LiSe 09/15] Lyrische Kostprobe: wen die nachtigall stört

wen die nachtigall stört

alle nachti gallen
warn über nacht
einer gallen kolik
zum opfer gefallen

»na und«
knurrt der hund
& macht sich rund
die spinne netzt ihre tränen
doch findet’s zum gähnen
»is nich mein ding«
zischt die otter aus otterkring
»what does it matter«
die natter
»I don’t care«
bromt der beer
hinter ihr häher
& auch die pinie
verzieht keine minie:
sie achtet streng
auf ihre linie

abnehmend fragt sich der mond
ob sich das zunehmen lohnt

Hannes Schmidt
aus: „WASSER WÖRTER & MASCHINEN“

[Gastbeitrag] Der Poet

Bei strahlendem Wetter wurde die Poesie-Skulptur von Sabine Paul und Thea Deyhle mit einem rauschenden Fest unter Beteiligung vieler Bands, Künstler, Musiker, Poesten und tatkräftiger Hilfe von Kulturbürgermeister Josef Schmid am Kunstforum HMP enthüllt.

Unter Federführung von Sabine Paul und Thea Deyhle wurde die seit September 2013 gesammelte Poesie mit den Schülern der Cincinnati- und Icho- Mittelschule nun am Kunstforum Hans-Mielich-Platz in Form einer Installation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aus den bisher cirka 400 eingesandten Gedichten wird bis Oktober ein kleiner, ständig wechselnder Querschnitt der Poesie präsentiert.

Im Januar diesen Jahres wurde die Idee einer Skulptur von Sabine Paul und Thea Deyhle mit den Schülern der Cincinnati- und Icho-Mittelschule immer konkreter. Während die Schreibgruppe die zugesandten Gedichte nach einigem Überlegen, auf buntes Papier druckte und laminierte, war die Kunstgruppe emsig dabei verschiedene Materialien zu erproben. Schließlich einigte man sich auf Draht. Bei der Fertigung der Skulptur zeigte es sich, das der Weidezaundraht so seine Tücken hat und sich nur schwer verarbeiten ließ. Doch nach einigen Versuchen fand die Kunstgruppe eine gute Methode den Zaun zu verflechten.

Und so entstand der Poet !

Ein überdimensionaler angespitzter Bleistift ragt aus der Mitte eines kreativen Gespinst, aus diesem Kokon wächst eine Figur, der Poet umgeben von und versunken in Gedichte.

Bis Anfang Oktober ist die Installation zu besichtigen und wandert dann in den Münchner Norden weiter.

Mehr unter: https://mehrplatzzumleben.wordpress.com/

 

[LiSe 07/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 5)

Ein Buchladen mit Historie

Die Autorenbuchhandlung und ihr Stammkunde Albert Ostermaier

Der Blick geht nach oben: da hängt sie, die berühmte Lampe, die Leuchte, die Inspirationsquelle. Geschaffen hat sie der international renommierte Lichtkünstler Ingo Maurer. An ihrem filigranen Geäst, bestückt mit viel Watt und Bücher beleuchtend, hängen pergament-artige Zettel: ein Gedicht von Friedrich Hölderlin, Dankesschreiben an und gute Wünsche für die Autorenbuchhandlung. „Hier sein heißt lebendig bleiben“, hat Friedrich Ani auf einen Zettel gekritzelt. „Das Ziel ist wo wir bereits sind“, brachte Michael Lentz zu Papier. Und Albert Ostermaier schmückte sein Blatt mit   „Mississippi“. Dieses Gedicht hat der Lyriker, Dramatiker und Romancier Ostermaier der Autorenbuchhandlung gewidmet. „Ich bin seit dem Ende der Achtziger hier Kunde und saß so lange dort, dass ein Teil meines Rückgrats ein Buchrücken dieser einzigartigen Buchhandlung ist, deren ehemalige Leiterin Hilde Schiweck für mich die wunderbarste Cicerone in der Welt der Literatur war“.

Hilde Schiweck – ja, das ist Geschichte, wie überhaupt die Autorenbuchhandlung in der Wilhelmstraße 41 auf eine stolze Historie zurückblicken kann. 1973 wird der Buchladen gegründet, von Schriftstellern wie Martin Gregor-Dellin, Michael Krüger, Paul Wühr, Günther Herburger oder Tankred Dorst. 20 000 DM bringen zwölf Gesellschafter auf und schaffen die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung. Der Eintrittsscheck von 1000 DM ist für den Schriftsteller die Garantie, dass seine Werke hier gelesen und gekauft werden können. „Dort stehen sie, die Bücher unserer Autoren“, sagt Buchhändlerin Anne Richter und zeigt auf die prall gefüllten Regale über dem roten Sofa.

Das in die Tage gekommene Möbelstück steht im hinteren Eck, hat Ostermaiers Rückgrat vielleicht das eine oder andere Mal entlastet und lädt zum bequemen Schmökern ein. Denn fündig wird der/die LeserIn in der Autorenbuchhandlung allemal – dafür sorgt ein feines, erlesenes Sortiment. Gleich am Eingang der Buchhandlung sind Neuerscheinungen platziert, auf einer riesigen Fläche. Inmitten der Novitäten liegt auch „Lenz im Libanon“, Ostermaiers jüngster Roman, den der 47Jährige nach einem Besuch der dortigen Lager mit Hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien geschrieben hat. Flüchtlinge – ein brennendes Thema, das der Schriftsteller als Kurator beim „forum:autoren“ in den Mittelpunkt beim Münchner Literaturfest stellt.

Wen er für November eingeladen hat, verrät Ostermeier noch nicht. „Ich kann jetzt nur sagen, ich bin mehr als glücklich und auch stolz, wer da alles kommen wird und wie überwältigend die Resonanz auf die Einladungen war und die Bereitschaft, gerade für dieses Thema Haltung und Gesicht und Herz zu zeigen“. Ostermaier hat dem traditionellen „forum:autoren“ den Titel „front:text“ gegeben und spielt damit auf die Agentur Frontex an, die im Mittelmeer vor illegaler Einwanderung „schützen“ soll. Nach Gegenstrategien gefragt, meint der Autor kurz und bündig: „Jeder kann etwas tun. Das fängt im Kopf an. Bei der Sprache. In München gibt es hervorragendes Engagement für Flüchtlinge, da kann jeder mitmachen“.

Ostermaier ist in München eine Institution. Seit Jahrzehnten lebt und arbeitet er in der Landeshauptstadt. Ende der 80er Jahre schreibt er erste Gedichte, sein 1995 im Bayerischen Staatsschauspiel uraufgeführte Stück „Zwischen zwei Feuern. Tollertopographie“ eröffnet Ostermaiers Kariere als Theaterautor. „Ende Juli kommt mein Stück ‚Gemetzel‘ zur Eröffnung der Nibelungenfestspiele heraus, danach ein Stück über Serge Gainsbourgh, ‚Moi non plus’, eine Produktion der Ruhrfestspiele“, sagt der Allrounder. Und wann gibt es wieder ein Stück in München? „Ich hoffe spätestens in der übernächsten Spielzeit“.

Derweil müssen die Münchner mit Prosa und Lyrik von Ostermaier vorlieb nehmen – so etwa mit seinem Band „Autokino“, in dem auch das an der Leuchte der Autorenbuchhandlung hängende Gedicht „Mississippi“ abgedruckt ist. Lyrik hat im Buchladen in der Wilhelmstraße Gewicht, auch wenn sie neuerdings im hinteren Teil der Buchhandlung logiert. Ganz vorn kann sich dagegen die Kinder- und Jugendliteratur platzieren. „Wir wollen auch ein jüngeres Publikum, wir brauchen Nachwuchs“, sagt Geschäftsführerin Karin Staisch. Die Autorenbuchhandlung hat deshalb in diesem Frühjahr zu Lesungen für Jugendliche eingeladen bzw. plant weitere im Herbst, auch für Erwachsene.

Frühjahr, Sommer, Herbst – Albert Ostermaier scheint immer unter Hochdruck. Der Schriftsteller, der samstags auch noch auf dem Fußballplatz trainiert (schließlich ist er Torwart in der Autorennationalmannschaft), bekennt auf die Frage: Wie schaffen Sie das alles? „Zu Schreiben ist ein Geschenk, dafür bin ich jeden Tag dankbar und ich weiß, wie fragil es ist. Und wenn man die Chance hat, mit Literatur und Festivals etwas zu bewegen, und sei es nur einen einzelnen Menschen, und wenn wir mit dem forum:autoren die Geschichten erzählen können, die erzählt werden müssen, da ist es alle Erschöpfung wert und am Ende ein Glück“.

Ina Kuegler

In unserer Serie „Meine Lieblingsbuchhandlung“ stellten wir bislang „Buch & Bohne“ mit Christoph Poschenrieder vor, die Buchhandlung Lehmkuhl mit Hans Magnus Enzensberger, „Buch in der Au“ mit Su Turhan und Literatur Moths mit Thomas Jonigk und Christof Loy.