[LiSe 10/20] WAS MIT SPRACHE

Keine Frankfurter Buchmesse?
Ein Dichter dichtet einfach weiter …

Von Katrin Diehl

Uwe-Michael Gutzschhahn ist breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist, in Bochum Germanistik und Anglistik studiert, anschließend über Christoph Meckel promoviert hat, ist – so lässt sich das eindeutig sagen – als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … in Sachen „Sprache“ unterwegs. Sie steht im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und das beinahe ohne Unterlass. Das klingt anstrengend, wären da nicht heitere Passion und unbändige Faszination mit im Boot, die sich dem offenbaren, der sich längst mit leichten Schwingen über die Ebene nüchterner Kommunikationsmodelle erhoben, die reine Funktionalität der Sprache als Fakt registriert und einfach abgehakt hat. „Wenn man bedenkt, dass man nur mit der Sprache das Gegenteil der Realität denken und ausdrücken kann …“, sagt Gutzschhahn. Auf das „Dann“, das da eigentlich noch folgen müsste, verzichtet er vielsagend. Gibt sich und seinem Gegenüber Zeit zum Staunen. (mehr …)

[LiSe 10/20] Kolumne: Hoamat!

Schön, dass Sie da sind. Bitte beachten Sie …“ Die neue Begrüßungskultur der Deutschen Bahn auf vielen Plakaten – vorbildlich! Das macht natürlich Schule. Schön, dass Sie das lesen, verehrte Leser, wundervoll! Bitte halten Sie während der Lektüre Abstand zu Ihrem Nachbarn und/oder Mund und Nase bedeckt und niesen Sie nur in den Ellenbogen! Verlieren Sie nicht die Selbstkontrolle, selbst wenn der Inhalt Sie nerven sollte, fahren Sie nicht aus der Haut, vor allem, wenn sie noch vom Urlaub an den bayerischen Seen gebräunt ist!

Werbeslogans können Gesellschaft spiegeln, greifen Trends auf. Etwa der Spruch „Sei frei, verrückt und glücklich!“ auf einer beliebten Tube mit Aroma-Dusch-Lotion – verrät er dem geschulten Privat-Soziologen nicht sofort die Regression des Anspruchs auf Glück, des ur-amerikanischen „Persuit of Happiness“ ins Allerprivateste, die Duschkabine? Und was verrät der Baumarkt-Spruch „Hier werden Sie geholfen“? Ist das Ausländer-Verhöhnung oder spielt das auf die bemerkenswerte Sprachgewalt der Baumarkt-Bastelkunden an, die bekanntlich ihren Jahresurlaub dortselbst verbracht haben? (mehr …)

[LiSe 10/20] Literarische Archive (Folge 18): Die Deckung der Langsamkeit

Anmerkungen zu den Archiv-Aufkäufen der Familie Nadolny

Von Michael Berwanger

Originäre Aufgabe literarischer Archive ist, das kulturelle Erbe einer Nation oder einer Region zu bewahren und zu pflegen. Während sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach dem gesamten deutschsprachigen Raum widmet, versucht die Monacensia das literarische Erbe jener Personen zu bewahren, die in München gelebt oder gewirkt haben und deren Literatur für die kulturelle Identität der Stadt und seiner Bevölkerung von Bedeutung ist. Zu diesem Zweck hat die Monacensia, die eine Einrichtung der Münchner Stadtbibliothek ist, fünf Planstellen zuerkannt bekommen, von denen derzeit allerdings nur vier besetzt sind. Archivankäufe, die das „normale“ Jahresbudget übertreffen, müssen vom Stadtrat genehmigt werden. So darf es niemanden wundern, dass Vor- und Nachlässe, die der Monacensia vermacht oder verkauft wurden, oft lange warten müssen, bis sie – katalogisiert – der Öffentlichkeit zugänglich sind.

So ergeht es derzeit auch dem Vorlass, den Sten Nadolny – Autor des Weltbestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – dem Literaturarchiv der Stadt München im März übergeben hat. Dieser gilt als äußerster Glücksfall, da er nicht nur Sten Nadolnys Vorlass umfasst, sondern auch die Nachlässe seiner Eltern Isabella und Burkhard Nadolny. (mehr …)

[LiSe 10/20] Deutscher Buchpreis: Endspurt

Es ist das Leid der Monats-Publikationen nicht in die Zukunft blicken zu können. So ist bei Redaktionsschluss noch nicht absehbar, wer den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhält.

Sicher ist nur, dass die Münchner Autorin Christine Wunnicke auf der Shortlist unter den sechs Finalist*innen steht. Den Literaturpreis der Landeshauptstadt München hat sie im August erhalten – das lässt hoffen.

In der November-Ausgabe der LiteraturSeiten München werden wir Wunnickes neuen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ rezensieren und uns der Autorin ausgiebig widmen – egal wie es ausgeht. Einstweilen drücken wir ihr die Daumen.

Die Preisverleihung findet am 12. Oktober 2020 statt.
www.deutscher-buchpreis.de  

[LiSe 10/20] Kurzgeschichte: BIRKEN

Von Laurie Ann Johnson
Aus dem Amerikanischen übertragen von Michael Berwanger

Und, was willst du in deiner Pause machen?“ Die Mutter des Mädchens blickte kaum von ihren Papieren auf, in die sie in der letzten Stunde – oder war es länger – Anmerkungen gekritzelt hatte. Sie arbeitete weiter, denn es sollte beiläufig klingen und ihr wildes und übersensibles Kind nicht erschrecken.

„Ich geh mit meinen Freunden – den Bäumen – spielen.“ Aha!

Diese von ihr unverhoffte Tochter hatte sie oft gleichzeitig überrascht, bekümmert und erfreut – in vielen Situationen während der letzten sechs Jahre, und das vom Anbeginn der Schwangerschaft. In Anlehnung an die biblische Geschichte mit Abrahams lang ersehntem, aber nicht mehr erwarteten Sohn, nannte sie ihre Neugeborene Sarah, wobei sie natürlich die Rollen vertauscht und alles umgekehrt genommen hatte. (mehr …)

[LiSe 10/20] Rezension: Handgreiflich behauptet

Das Leben der Lola Montez

Von Stefanie Bürgers

Ludwig I. ist ein älterer Herr von 60, als er der 25-jährigen Lola begegnet, einer Spanierin, wie er glaubt. Sie sprechen Spanisch miteinander. Exotik und Alltagsferne befeuern Ludwig. Er macht sich sein eigenes Bild von Lola. Für ihn ist sie unschuldig und schützenswert. Er widmet ihr schwärmerisch-schwülstige Gedichte. In seinem Alter habe er nicht mehr damit gerechnet noch einmal zu entflammen, gesteht er.

Lola Montez wurde 1821 als Eliza Gilbert in eine von Männern dominierte Welt geboren. Der Vater ist Offizier. Das Eigenleben bürgerlicher Frauen gilt dem häuslichen Bereich. Umso unerhörter, dass Lola als Tänzerin zwischen den Kontinenten pendelt, emanzipiert entscheidet und sich zuweilen handgreiflich behauptet (man beachte die berüchtigte Reitpeitsche auf dem Cover). Eine „Femme fatale“ für Ludwig, die ihn die Abdankung kosten sollte. (mehr …)

[LiSe 09/20] Der nahe Nachbar

Böhmische Spuren in München

Von Katrin Diehl

Es ist reiner Zufall. Im Februar 1897 bezog der Dichter Rainer Maria Rilke in der Blütenstraße 8 sein neues Zuhause. Für den 22-jährigen Studenten der Kunstgeschichte war das bereits – nach der Brienner Straße 48 – die zweite Adresse in der königlichen Residenzstadt. Jetzt also Schwabing, und das Haus, in dem er untergekommen war, konnte sich ja durchaus auch sehen lassen: ein Eckgebäude mit Erkern, die sich über einem stattlichen Eingang von Stockwerk zu Stockwerk zu einem Turm formierten, den ganz oben ein spitzes Dach krönte, was alles ganz und gar den Architekturmoden des zu der Zeit recht beliebten Historismus entsprach. Nicht weit von Rilke entfernt wohnte, in der Schellingstraße, die Dichterin Lou Andreas-Salomé, in die sich Rilke verliebte und mit der er dann auch Ende des Jahres nach Wolfratshausen zog.
Ein Brief, den er im Mai 1897, gerichtet an die „Gnädigste Frau“, in der Blütenstraße 8 verfasst hat, zeugt von dieser Liaison. Er lässt sich heute – für Sütterlin-Kundige – auf einer Erinnerungstafel, die sich im Treppenhaus des Gebäudes Blütenstraße 8 befindet, nachlesen. Von außen erinnert nichts mehr ans gutbürgerliche Stadtgebäude aus Rilkes Zeiten. Das ist, wie so vieles, im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. (mehr …)

[LiSe 09/20] Kolumne: Hamlet Bayern

Der „Sidekick“ bezeichnet in Literatur und Theater eine wichtige Nebenfigur, die eng an der Seite des Helden steht, seine Motive und Gedanken kennt und dem Leser oder Hörer nahebringt. Oft muss sie für ihn auch Wichtiges erledigen, und manchmal, nun ja, wird sie für ihn geopfert. Horatio etwa in Shakespeares Drama „Hamlet“ könnte als Sidekick durchgehen – er überlebt allerdings als einer der wenigen das Gemetzel. (mehr …)