[LiSe 05/19] „Manege frei“ für Hitler

Vor hundert Jahren eröffnete Circus Krone nicht nur mit Menschen Tieren Sensationen, sondern auch mit Großkundgebungen von Adolf Hitler.

Von Ina Kuegler

Hundert Jahre hält diese Verbindung nun schon, hundert Jahre Circus Krone und München. Am 10. Mai 1919 wurde auf dem Marsfeld der Circus-Krone-Bau eröffnet, mit der Araber-Stute Puppchen und mit Assam, dem einzigen Elefanten, der auf den Hinterbeinen durch die Manege laufen konnte. Zuvor war der Circus jahrzehntelang mit Wagen, Sonderzügen und Zelten durch ganz Europa getourt, jetzt gab es einen Festbau, einen 4.000 Zuschauer umfassenden runden Saal, der als Versammlungsort auch in die (Literatur)Geschichte einging. Hier gastierten 1966 nicht nur die „Beatles“, hier hatte Adolf Hitler seine ersten großen Kundgebungen. (mehr …)

[LiSe 05/19] Kolumne: O Gegenglück!

Dies hier ist sie ohne Zweifel, endlich: Die tiefere Stadt, in der es (gelegentlich) Wunder „als Inhalt hat“ und (vor allem) auch das Manna, das sich beim Arzt und Dichter aus Berlin noch auf Habana reimte – er kannte wohl München nur vom Hörensagen? Und was reimt sich schon auf „München“? Das Manna hat der jetzt scheidende Kultur-Gott Hans-Georg Küppers mitsamt den Stadtrats-Engeln auf das von ihm vor zehn Jahren geborene Literaturfest über die Jahre ganz ordentlich ausgeschüttet, da hat sich keiner beklagt, schon gar nicht der jeweilige Kurator, die Kuratorin, die dazu gehören wie der Säugling zum Taufbecken!  (mehr …)

[LiSe 05/19] Lyrische Kostprobe

Muttersprache

Türkisch ist meine Muttersprache
Meine Muttersprache ist Deutsch 

Die Brüste haben mich nicht gestillt
Mich zeugten heimlich die Zitzen einer Hindin

Meine Sprache ein Geweih heterodox
Am korrekten Ausdruck vorbei 

Ich übersetze nicht
keine Sprache ich setze
aus dem Nichts über

Oya Erdogan

[LiSe 05/19] Literarische Archive (Folge 4): Quer zu den Strömungen

Carl Amerys Nachlass in der Monacensia

Von Michael Berwanger

Wer sich das äußerst arbeitssame und vielschichtige Leben Carl Amerys vor Augen führt, wird es vollkommen sinnrichtig finden, dass sein Nachlass heute zu neunzig Prozent in der Monacensia liegt. Das Literaturarchiv, das zur Münchner Stadtbibliothek gehört, war schon zu Lebzeiten Amerys in den Besitz großer Teile des Vorlasses gekommen. Schließlich war Carl Amery von 1967 bis 1971 Direktor der Münchner Stadtbibliothek; nicht gerade ein selbstverständlicher Job für einen Literaturtheoretiker und Schriftsteller.  (mehr …)

[LiSe 05/19] Buchtipps aus erster Hand

Die Internationale Jugendbibliothek empfiehlt für Mai diese beiden Neuerscheinungen:

Michael Roher:
Wer stahl dem Wal das Abendmahl
Luftschacht

Bei diesem kleinen Wunderwerk der (Kinder)Lyrik muss man mit den Bildern anfangen: feinen schwarz-weiß Zeichnungen, Collagen und Lithographien, die mal kraftvoll expressiv, mal zart und poetisch den Band zu einer Augenweide machen. Der Leser taucht ein in eine Welt voller Lebenskünstler: Akrobaten, Zauberer, Musikanten und viele andere. Die kurzen Gedichte sind oft unsinnig und sehr witzig, spielen mit Kinderreimen, aber auch Philosophisches hat sich eingeschlichen. Eine verrückte Welt, an der Leser allen Alters ihren Spaß haben. (mehr …)

[LiSe 05/19] Literaturpreis: Ein Papagei als Psychoanalytiker

Den 26. Haidhauser Werkstattpreis des Münchner Literaturbüros hat der Münchner Autor Helmut M. Schmid im gut besetzten Carl-Amery-Saal des Gasteigs am 6. April vor Klaus Schuster und den Lyrikern Marc Richter und Veronique Dehimi gewonnen. Der mit 300.- Euro dotierte reine Publikumspreis wurde diesmal unter acht Autorinnen und Autoren ausgefochten, die sich in den 12 Monaten davor als Freitag-Abendsieger im MLb ebenfalls vom Publikum wählen ließen. Auch im Finale diskutierte das Auditorium und beteiligte sich engagiert an der Abstimmung! Die Sieger-Story überzeugte durch humorvolle Mensch-Tier-Konfrontation. Ein Papagei, der lange Zeit bei einem Psychoanalytiker gelebt hatte, zwang seinen neuen Besitzer indirekt, sich auf die Couch zu legen und auf die „Therapie“ mit ihm einzulassen. Ob sie Erfolg hatte, musste freilich offen bleiben.

Der erste Nominierungsabend für den nächsten Werkstattpreis findet am 3. Mai im MLb statt.

W. H.

[LiSe 05/19] Neuvorstellung: Ein Bericht über eine Akademie

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste in den Jahren 1948 bis 1968

Im „Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka kann der Affe Rotpeter der Aufforderung nicht nachkommen, sich an sein Affen-Vorleben zu erinnern, immerhin würden ihn fünf Jahre davon trennen. Ob die Historikerin Edith Raim auch diese Analogie im Kopf hatte, als sie ihrer Untersuchung über die Bayerische Akademie der Schönen Künste (BAdSK) in den Jahren 1948 bis 1968 den Titel „Ein Bericht über eine Akademie“ gab, sei einfach mal unterstellt. Denn das Buch, das nun zum 70jährigen Jubiläum der BAdSK vorliegt, bietet eine schonungslose Darstellung ihrer Frühgeschichte und der Verstrickung ihrer Mitglieder in den Nationalsozialismus. Und die hatten ihr Nazi-Vorleben bereits nach kürzester Zeit „vergessen“. Jedenfalls entspricht das Bild, das Raim nach Sichtung aller Unterlagen über die ersten 20 Jahre der Institution enthüllt, keineswegs dem hehren Anspruch, den ihr der Freistaat Bayern in der Gründungsurkunde zuordnete. Anfangs gab es nur drei Sektionen, Bildende Kunst, Schrifttum und Musik, die Mitglieder waren mit einer Ausnahme nur Männer, die meisten über 70, keiner jünger als 50. Niederschmetternd die Beschreibung einer Mitgliedersitzung 1965 von Wolfgang Koeppen: „…der Eindruck ist der einer Versammlung alter und verbitterter Männer. In den Gesichtern Bosheit, Enttäuschung, Neid, Schuld, Eitelkeit, Todesfurcht, Scheitern, zu dem sie sich nicht bekennen.“ Darin offenbart sich eigentlich alles, was Edith Raim aus den Protokollen, Briefen, Zeitungsartikeln und anderen Materialien akribisch herausgelesen und sachlich zu Papier gebracht hat. Der Dauerbrenner Überalterung, die Gekränktheiten, das Konkurrenzdenken gegenüber anderen Akademien, das Scheitern vieler Empfehlungen und Stellungnahmen der BAdSK seitens des Ministeriums, das schäbige Verhalten gegenüber den Emigranten, die mangelnde Scham über die eigene Vergangenheit. Es ist eine Lektüre, die die Leistungen der Akademiemitglieder nicht schmälert, aber mit ihren Schattenseiten auch nicht hinterm Berge hält. Und das ist gut so.

Katrina Behrend Lesch

Edith Raim: Ein Bericht über eine Akademie. Für 8 Euro Schutzgebühr in der Akademie erhältlich.

[LiSe 05/19] Preisträger „and the winner is …“

Große Auszeichnung für eine bayerische Wissenschaftspublikation: Der zum ersten Mal ausgelobte mediaV-Award – in der Kategorie „Sonderpublikation-Print“ – ging im April 2019 an das Buch „Wildtier Monitoring Bayern / Band 4“, das der Grafik-Designer und Art Director der LiteraturSeiten München, Michael Berwanger von der Agentur Tausendblauwerk, gestaltet hatte. Wir gratulieren. RED

Mehr zu allen Preisen unter: www.media-v-award.de/preistraeger/