by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
oder
etwas als solches oder sozusagen geschenkt
ein wort mit vier buchstaben zum beispiel
oder eine spontanfrequenz, schmerzfrei sogar
oder ausrangiert als ganzes wenn nicht
in effigie dann extra commercium vielleicht
ein krokodilschluß oder eine krankheit der natur
– eine disjunktionsschaltung im volksmund nur
etwas als solches oder doch vielmehr nichts
als dasselbe noch einmal zur abwechslung ein er
ohne oder eine sie mit, vielleicht eine neue
gattung auf abruf oder ein böses erwachen im netz
als Kuckucksei zum beispiel oder als funke
für den kalten rest – was macht den unterschied,
die sache selbst?
Daniele Dell’Agli
umtausch ausgeschlossen
wenn es den konjunktiv nicht gäbe,
wäre alles wie immer: die erste liebe
ein drama, blutgruppe unbekannt,
gerechtigkeit selten.
das problem mit dem konjunktiv: man weiß nie
ob er hält, was er verspricht: kühlaggregat,
abstandssensor, schwingungsfilter, was
hat man ihm nicht schon angedichtet.
dabei kann man im konjunktiv nicht mal
durchschlafen, geschweige denn zimmer
verdunkeln. und wozu auch? ohne ihn
geht es alles schneller. das erwachsenwerden,
die beziehungsflucht, der katzenjammer.
dafür muß man im konjunktiv alles
alleine machen. schwimmen lernen,
bilanzen fälschen, geburtstag vergessen.
früher, ja, da gab es noch kurschatten
für heiße wangen, schaltsignale
für gute ratschläge, schwingtüren
für beifall von der falschen seite.
heute heißt es wunden lecken, rückwärts
vor dem einschlafen die telomeren zählen.
hinter lichten vorhängen, mit gereizten
konjunktiven, das steht fest, wächst es
sich nicht mehr raus, sondern rein
ins Gedächtnis: erste liebe kein drama,
blutgruppe selten, gerechtigkeit unbekannt.
Daniele Dell’Agli
Erleuchtung des instrumentalisierten Himmels
Ein Baum das Land, und die Rosen
blühn aus alter Kraft.
Das facettenreiche Auge
wandelt im Abglanz: Der Baum
beschattet seine Kinder, hat
mit schwankender lastender Frau
einen langen Weg beschritten.
Der spöttische Untergang
wird immer ein Zimmer finden.
Wir werden beim Rauch stehn,
mit Zeit und Ziel und Zahl.
Wolfgang Berends
M e t a p h y s i s c h e s
Vermutlich der Oberteufel mit
seinen zielgenauen Augen und
dem großkalibrigen Gewehr
hat unsere Welt in Stücke geschossen.
Wälder, weggerissene Berge, Teile
von Städten fliegen umher,
durcheinander grün, grau, gelb, rot,
Gewissheiten, Wahrheiten, Schönheiten,
Freundschaften, Feindschaften, Hiobsbotschaften,
Verantwortungsgefühl, Mitgefühl, überhaupt Gefühl,
kopfüber, kopfunter und Querschläger.
Sogar den Teufelskindern wird es bang:
Vater, dauert das noch lang?
Wenn so ein Trumm die Hölle trifft,
da nehmen wir doch lieber Gift!
Beruhigt euch, Kinder, in kurzer Zeit,
so etwa in hundert Jahren,
zeigen die Menschen ein bessres Gebaren,
fügen die Stücke zu neuer Einheit,
ordnen die Welt, wie’s allen gefällt.
Dann habt ihr gelernt, wie man’s ihnen
wieder vergällt.
Hans Buchner
R ä t s e l h a f t ?
Wir halten eine kleine Qualle
in der Hand. Ihre Fäden treiben
weit über die Welt und
saugen ein, was sie erreichen können,
Nebensächliches, Nützliches, Wichtiges
und Unsinn. Auf seinem Schirm
zeigt das Glibbertier alles,
was wir bestellen und schießt
als Zugabe das klebrige Nesselgift
in das Gehirn des Betrachters. Wer
kleben bleibt, zappelt wie die
Maus im Rachen der Katze.
Hans Buchner
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Kurzgeschichte
Internatsszene aus Niederbayern
Von Hans-Karl Fischer
Ich stand mit Robert und Benno am Mittag neben dem Schipferl, in gewohnter Altersweisheit sprachen wir über das Wesen des Geldes.
Da ich notorisch gegen alles war, was den anderen als bedeutend galt, behauptete ich, wenn man sich in zu großem Umfang mit Geld abgebe, mache das den Menschen böse.
„Für Geld kann man alles tun“, sagte ich. „Den eigenen Staat, die Familie, die Freunde verraten, alles wird ja auch in einer Tour für Geld getan.“
Benno, bei dem es manchmal hoch hergehen musste, sagte:
„Ich weiß etwas, was niemand für Geld tut.“
„Was?“
Er spuckte auf den Boden.
„Schleck’s auf.“
„Warum?“
„Du hast gerade gesagt, für Geld kann man alles tun.“
„Ja, gut –“
„Dann tu es. Du bekommst zehn Mark.“ (mehr …)
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Vermischtes
Die Berliner Festspiele (berlinerfestspiele.de) führen insgesamt vier Bundeswettbewerbe durch, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von der Kultusministerkonferenz als unterstützenswert eingestuft werden. Gesucht werden schreibende Menschen im Alter von 11 bis 21 Jahren!
Der Preis ist die Einladung zum Treffen junger Autor*innen – mit Gesprächen, Lesungen, Textwerkstätten und der Veröffentlichung ihrer Texte in der Jahrgangsanthologie. Alle Kosten für die Teilnahme werden übernommen.
Das Treffen junge Autor*innen findet vom 12. bis 16. November 2020 in Berlin statt.
Der Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2020.
Bewerben kann man sich über das Bewerbungsportal bewerbung.bundeswettbewerbe.berlin/login
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer
Von Bernd Zabel
Wer die Straße, die vom Ammersee nach Andechs führt, befährt, passiert auf dem Scheitelpunkt des bewaldeten Höhenrückens einen Wegweiser mit der Aufschrift: Hartschimmelhof, Privatstraße. Nur wenige wissen, dass sich der Hof seit Generationen im Besitz der Familie Haushofer befindet. Haushofer? Albrecht? Verfasser der „Moabiter Sonette“? Da klingelt es bei manchem. Als politischer Gefangener, den Verschwörern des 20. Juli 1944 zugerechnet, unmittelbar vor Kriegsende ermordet, hat er in der Haft ein einzigartiges literarisches Zeugnis verfasst, eben diese 80 Sonette, die in den 50er und 60er Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht gehörten. Auf diese Weise ist auch Norbert Göttler mit den Gedichten in Berührung gekommen als Gymnasiast in Dachau. Die Erinnerungen aus der Nachkriegszeit verbindet er mit Zitaten aus den Sonetten und mit der Geschichte ihres Autors und bezeichnet das schmale Bändchen bescheidenerweise als literarische Collage. Aber es ist mehr als das. Am Leben Haushofers wird exemplarisch deutlich, wie der deutsche Konservativismus zum Steigbügelhalter des Nazismus wurde – ohne es in letzter Konsequenz zu wollen. Man könnte meinen, diese Geschichte wäre schon allzu oft und an vielen Beispielen erzählt. Aber gilt es nicht, jede Generation aufs Neue mit der Problematik zu konfrontieren? (mehr …)
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Pierre Jarawans neuer Roman über die Vergangenheitsbewältigung im Libanon
Von Slávka Rude-Porubská
In der Programmreihe „München leuchtet“ hat Pierre Jarawan seinen neuen Roman noch vor dem Corona-Shutdown im Münchner Literaturhaus vorgestellt. Über den Schauplatz des Romans, Libanons Hauptstadt, ließe sich nach der Lektüre vielleicht behaupten: „Beirut hallt, vibriert, klingt, schallt – und schweigt zugleich“. Jarawan lässt gekonnt und in bildreicher Erzählweise Szenen des multikulturellen Beiruts aus mehreren Zeitebenen entstehen: Da ist einmal die pulsierende, mondäne Metropole der Zeit vor dem Bürgerkrieg, „die viele Religionen kennt“ und in der der Gesang des Muezzins und das Geläut der Kirchenglocken wie ein harmonischer Klangteppich über der Stadt schweben. Da ist die 15-jährige Phase des verheerenden Bürgerkriegs zwischen den Milizen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften von 1975 bis 1990, in der schon Kleinkinder „allein an der Veränderung der Tonhöhe“ unterschieden können, „ob eine Rakete auf das Viertel zukam oder es verließ, und welche Waffe sie abgefeuert hatte“. Da sind dann die Jahre des rasanten wirtschaftlichen Wiederaufbaus mit dem unaufhörlichen Baulärm der „Zementmischer und Generatoren, Hydraulikhämmer und Kreissägen, Schlagbohrer und Schweißgeräte“. Und schließlich umfasst der Roman auch die Zeitspanne des von „Grollen von Detonationen“ geprägten Abzugs Syriens aus dem Libanon 2005/06 sowie der Anfänge der politischen Umwälzungen im Arabischen Frühling 2011. (mehr …)
by LiSe | 30. Apr. 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Von Stefanie Bürgers
Alexandra Cedrino entstammt der seit Generationen der Kunst verbundenen Familie Gurlitt, deren Name nicht erst seit dem Schwabinger Kunstfund bekannt ist. Cedrinos Großvater Wolfgang, war Händler, ihr Ururgroßvater Louis, Maler. Hildebrand, Wolfgangs Cousin, war ebenfalls Händler und vom Nazi-Regime beauftragt, für das geplante Museum in Linz anzukaufen und sogenannte „entartete Kunst“ ins Ausland zu veräußern. Die Cousins pflegten keinen persönlichen Kontakt. Die Familienzweige waren zerstritten. Aus Hildebrands Sammlung resultierte schließlich der in der Wohnung seines Sohnes Cornelius 2013 entdeckte Schwabinger Kunstschatz. (mehr …)