[LiSe 01/26] Lyrische Kostprobe „Der Tag wird kommen …“

Sie schnüren die Schuhe fester und prüfen vorsichtig die Schärfe der Sägezähne: Auf gehts zum Kreuzfällen! Daniel Bayerstorfer und Tobias Roth entfesseln eine mythographische Parforcejagd auf jenes bedrohliche Weltbild, das im Gipfelkreuz sein doppeltes Gesicht zeigt: als abergläubische Sehnsucht nach Jenseitigem und als hemmungsloser Besitzanspruch auf Diesseitiges. Es geht also nicht nur um Religion, es geht ebenso sehr um das Klima und die Beziehung von Mensch und Natur, um Besitzverhältnisse und Besitzansprüche. Es geht um die Feier gebirgiger Schönheit und die Fragilität des Menschen in ihrem Angesicht. Nicht zuletzt schäumt die Fabulierlust und erträumt sich in lyrischen Schlaglichtern eine Kulturgeschichte des Kreuzfällens, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht – und die es nie gegeben hat. (mehr …)

[LiSe 11/25] Lyrische Kostprobe

Für Óscar Colchado Lucio

Patricia Colchado, geboren 1981 in Perú, ist Schriftstellerin, Kinderbuchautorin und Tochter des Schriftstellers Óscar Colchado Lucio (1947 – 2023). Seit 2005 lebt sie in München. Sie stelle sich Poesie als ein gefährliches und zugleich schönes Tier vor, das manchmal brülle, manchmal singe, je nach Sichtweise der Schreibenden und Betrachtenden. Die Poesie staune über die Natur, über die Liebe, vertiefe sich in den Schmerz und prangere auch Gewalt oder Ungerechtigkeit an, reflektiere über Krieg und menschliches Elend. Für Colchado ist Poesie mehr als ein Bedürfnis, sie ist Rettung und die Gewissheit, nicht allein auf dieser Welt zu sein.        Red

III
Mit welchen botanischen Schönheiten
müssen wir den Saal schmücken, in dem wir dich bestatten werden,
wenn der Moment gekommen ist?
Die Blumen sind ebenso abgerissene Leichname
eines musikalischen Gartens.
Ich stelle mir dich laufend vor durch Felder voll
von leuchtenden Gewässern,
verzückt die mystische Flora
unbekannter Universen beobachtend,
du pflanzt in ihnen Sinfonien;
währenddessen verzweifle ich daran
irgendeine zu säen, die dich in dieses Leben verwurzelt. 

(Aus dem Spanischen übersetzt von Sebastian Witzel)

Patricia Colchado: Astro de luz sinfónica (in spanischer Sprache)
Hipatia editiones, Perù 2025, 10 $ (über hipatiaedicion.com)

[LiSe 10/25] Lyrische Kostprobe „Trag diese Creme auf deinen Tränendrüsen“

Weil nicht viel Platz ist, zudem der Titel von Slata Roschals neuestem Lyrikband – so umschweifend wie exakt – lang, dies vorneweg: Nehmen Sie ihn sich zur Hand. Als Münchner*in ohnehin. München spielt immer mal wieder hinein (und sogar die „Münchner Literatur Seiten“ haben ihren Auftritt). Orte werden benannt, durch die sich das lyrische Ich bewegt, zuhause und nicht-zuhause ist. Irgendwo dort (ist es noch in „München Neuperlach Süd“?) dann das: (mehr …)

[LiSe 09/25] Lyrische Kostprobe

Dagmar Leupold, geboren 1955 in Niederlahnstein, Rheinland-Pfalz, studierte Germanistik, Philosophie und Klassische Philologie in Marburg, Tübingen und New York, und lebt als Autorin und Übersetzerin in München.
Ihr Werk umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. (mehr …)

[LiSe 07/25] Lyrische Kostprobe: Keine eindeutige Botschaft

Alke Stachler, geboren 1984, tätig u. a. als Autorin und Lektorin, stu-dierte Englische und Neuere Deutsche Literaturwissenschaften sowie Sprachwissenschaften in Augsburg und Swansea/Wales.

Zum ihrer Schreibtätigkeit sagt sie: „Was mich zum Gedichteschreiben bewegt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich habe in der Lyrik einfach meine Sprache gefunden oder sie mich, obwohl ich zugeben muss, dass ich momentan an einem Roman arbeite. Aber auch dieses Romanprojekt ist sehr geformt von meiner Art, Gedichte zu schreiben.“ Das Besondere an lyrischer Sprache sei, so Stachler, dass sie keine eindeutige „Botschaft“ habe, keinen festgelegten Inhalt, sondern in der Schwebe bleibe und der Wahrnehmung Türen öffnen könne. (mehr …)