[LiSe 12/19] Kurzrezensionen der Redaktion – Empfehlungen des Jahres 2019

Auf dem Weg zu „Moby Dick“

Von Katrina Behrend Lesch

So könnte man den vorliegenden Roman „Mardi und eine Reise dorthin“ von 1849 durchaus untertiteln, denn sein unerschöpflich fließender Strom aus Phantasie und Sprache führt geradewegs zu Melvilles berühmtestem Buch. Auch hier beginnt ein Icherzähler die Geschichte, namenlos anfangs, der zusammen mit einem Reisegefährten von einem Walfänger desertiert, sich von Wind und Strömung zu fernen Gefilden treiben lässt, unter dramatischen Umständen das schöne Mädchen Yillah gewinnt und nach deren rätselhaftem Verschwinden zu einer sich in endlosen Abenteuern und Gefahren verlierenden Irrfahrt ansetzt. Wie in einem Schreibrausch, der weit in die Moderne weist, folgt Melville seinen Helden auf ihrer  Rundreise durch den fiktiven Archipel Mardi. Gleichzeitig mäandert er sich durch die Weltgeschichte, die uns der fabelhafte Übersetzer Rainer G. Schmidt in umfangreichen Fußnoten nahebringt. Mitreißend und gewaltig in einer prachtvollen Ausgabe. (mehr …)

[LiSe 11/19] Rezension: Schillernd und rätselhaft: eine Unzeitgemäße

Von Bernd Zabel

Dass die Spuren Ilse Schneider-Lengyels nicht gänzlich getilgt sind, verdankt sich einer glücklichen Fügung. Nach ihrem Tod im Jahr 1972 finden sich in ihrem aufgelassenen Haus am Bannwaldsee bei Füssen verstreute Dokumente, die schließlich in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek gelangen. Der Jenenser Germanist Peter Braun hat sich der Aufgabe gestellt, aus dem höchst lückenhaften Nachlass Werk und Biographie zu rekonstruieren. Bekannt wird die Autorin als Gastgeberin des ersten Treffens der Gruppe 47 in ihrem Haus am Bannwaldsee. Die Gruppe ist dominiert durch Literaten, die den Krieg überlebt haben und nun einen Neuanfang suchen. Verschiedene Stimmen erklingen, viele sind der Zeit des Dritten Reichs zumindest unbewusst noch verhaftet. Das Schaffen der Schneider-Lengyel wird von der Männerriege jedoch kaum wertgeschätzt. (mehr …)

[LiSe 10/19] Rezension: Wie man Pessach mit Alzheimer feiert

Dana von Suffrins warmherzig-kluger Debütroman „Otto“

von Slávka Rude-Porubská

Nein, Otto, der fast 80-jährige pensionierte Ingenieur aus dem ersten Roman der Münchner Autorin Dana von Suffrin hat keinen Mops. Dafür aber gab es in Ottos Familie einen Bobtail und einen Terrier, den sich damals die Kinder ertrotzt haben. Doch jetzt trotzt der auf der Intensivstation liegende Otto; er motzt und grollt und fordert den beiden inzwischen erwachsenen Töchtern Babi und Timna mit seiner seltsamen Fähigkeit, „von einer Sekunde auf die nächste todkrank zu werden“, alles ab – Aufmerksamkeit und Zuwendung, Anwesenheit und Zeit. Und außerdem ungeteiltes Interesse an seinen mit Erfindungen und Halblügen durchsetzten Lebenserinnerungen. „Meine Familie, meine Länder und meine Abenteuer!“, das soll der Nachwelt in einem Buch überliefert werden, „bitte lasst unsere schöne Familiengeschichte nicht gelangen in Vergessenheit!“ (mehr …)

[LiSe 09/19] Rezension: Es muss nicht immer Brexit sein

Oder: Liebeserklärung an ein Land

Von Bernd Zabel

Eingeweihten ist er schon seit Langem bekannt, der Münchner Autor Tiny Stricker. Nach musikalischen Anfängen in der Band „Siloah“ und nach bewegten Hippie-Zeiten, die ihn auf dem Landweg bis nach Indien führten, kehrte er doch immer wieder nach München zurück, auch um das Notierte in Buchform zu gießen. So sind über die Jahre nicht weniger als 11 Bücher entstanden, zuerst im Maro-Verlag, Augsburg, jetzt bei p. machinery. (mehr …)

[LiSe 07/19] Rezension: Das literarische Leben einer Stadt

Die „Literaturgeschichte Münchens“ reicht vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart

Von Antonie Magen

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, […] spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide […]“. Der Anfang aus Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“, die er 1902 in München schrieb, ist wohl eine der bekanntesten Beschreibungen der Stadt. Bis heute hat sie sich im kulturellen Gedächtnis gehalten und dient als Paradebespiel der Jahrhundertwendeliteratur, die eine ungeheure Stilvielfalt und Qualität aufweist und nicht zuletzt in München einen ihrer wichtigsten Entstehungsorte hat.  (mehr …)

[LiSe 06/19] Rezension: Das Tagebuch der Anne Frank

„… ich habe Lust zu schreiben …“

Anne Franks Tagebuch gilt als das Dokument gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes während des Nationalsozialismus und ist aus unserem kollektiven Bewusstsein nicht mehr heraus zu dividieren. Das Mädchen führte ihr Tagebuch ab ihrem 13. Geburtstag im Juni 1942 bis zur Verhaftung Anfang August 1944 durch die SS. Die Aufzeichnungen wurden gerettet, 1950 veröffentlicht und zu einem Welterfolg. Viele Jahre als Zeitdokument eingeschätzt, verkannte man ihren literarischen Anspruch, zumal mehrere Versionen vermischt worden waren. (mehr …)