In Ben Lerners Buch wandelt ein Alexander Kluge durch den Text, bis er verschwindet.
Von Katrin Diehl
Der Band ist schmal. Rund 150 Seiten sind es. Sein Titel: „Transkription“. Neu erschienen, stammt er von dem gefeierten US-amerikanischen Autor Ben Lerner, und er hat es in sich.
„Transkription“ gehört zu jenen Texten, die so magisch wie rätselhaft aus den Buchdeckeln hinauszugreifen scheinen ins echte Leben, dem vergangenen, dem zukünftigen, dem gegenwärtigen. Das regt an und regt auf. Das fasziniert. Schafft es ein so raffiniert gestricktes, einer eigenen Logik folgendes Textwerk dann auch noch – in elegantem Erzählton und entlang eines durchdachten Handlungsstrangs – aktuelle intellektuelle Debatten sowie die großen Fragen der Zeit anzugehen, dann ist das schon richtig …, pah, wie soll man sagen…, brillant bis genial.
Auf seine Art genial ist auch Thomas, hochbetagter „Kulturgigant“ und Mentor des 45-jährigen Protagonisten von „Transkription“. Selbst zu einem Autor mit Namen geworden, schickt der sich an, ein letztes Interview mit Thomas zu führen in dessen Haus in Providence, Rhode Island. Eine große Sache. Und dann fällt ihm kurz vorm Termin sein Smartphone, das ihm als Aufnahmegerät hätte dienen sollen und das ohnehin die Verbindung zur Welt darstellt (zum Beispiel war ein Anruf mit der kleinen Tochter, einem Sorgenkind, fest ausgemacht), im Hotel ins mit Wasser gefüllte Waschbecken. Das Interview findet trotzdem statt, wird abgedruckt in einem Magazin, ist eine kleine Sensation. Thomas stirbt, nachdem er sich im Krankenhaus, vom Coronavirus befallen, noch einmal ins Leben zurückgeatmet hatte, kurze Zeit später bei sich zu Hause. Im vorletzten Kapitel des Buches befinden wir uns dann bei einem Gedächtnissymposium ihm zu Ehren. Die akademische Welt verbeugt sich und ist schwer verwirrt.
„Transkription“ ist zu Ende und ist es noch lange nicht. Die Figur des Thomas’ ist eindeutig und nah an den Universalgelehrten Alexander Kluge angelehnt („Sein weißes Haar war dichter als meins und immer akkurat gescheitelt, es sei denn, es fiel irgendwie von allein so.“), der am 25. März 2026 94-jährig in München gestorben ist. „Transkription“ ist am 11. März dieses Jahres erschienen, also zwei Wochen vor Kluges Tod. Laut Süddeutscher Zeitung hatte dieser von Lerners Buch noch erfahren, auch davon, dass dieser „Thomas“ sehr viel mit ihm zu tun hatte. Er habe das als „freundschaftliche Geste“ verstanden, heißt es da.
Ben Lerner (geb. 1979) und Alexander Kluge verband eine enge intellektuelle Zufallsfreundschaft. Irgendwie bekam Kluge Lerners Gedichtband „The Lichtenberg Figures“ (2004) in die Hände, der ihn beeindruckte, faszinierte (immerhin handelt es sich bei diesen Lichtenbergfiguren um farnartige Muster, die durch elektrische Spannungsentladung auf bestimmten Materialien entstehen, ein „Phänomen“ wie für Alexander Kluge geschaffen). Mit eigenen Zeilen zu den Versen nimmt Kluge Kontakt zum Autor auf. Am Ende trifft man sich in Venedig (und später auch an anderen Orten), macht aus dem, was man sich über den Ozean hin- und hergesendet hatte, ein eigenes Buch: „The Snow of Venice“ (2018, mit Fotografien von Gerhard Richter). Wer Kluge und Lerner einmal zusammen auf dem Podium erlebt hat, erinnert sich an ein vergnügliches, vom Zufall geleitetes „Happening“ der besonderen Art. Kluge redet und redet, versucht beim Thema zu bleiben. Er dialogisiert mit einem staunenden Lerner, tut dies meist auf Deutsch, obwohl Lerner mehrfach erklärt, dieser Sprache nicht mächtig zu sein, was Kluge natürlich weiß, was aber nichts änderte, bis man am Ende selbst glaubt, dass Lerner auf irgendeine Weise schon verstanden haben wird, um was es da gegangen ist, nämlich gefühlt um alles.
Der Stadt München tat es wohl, so einen wie Alexander Kluge zu haben, und sie ehrte ihn über sein langes Leben hinweg mit einigen Preisen. Begonnen hatte dieses Leben 1932 in Halberstadt. Kluge wird einiges in Freiburg, Marburg und Frankfurt studieren und eben auch Rechtswissenschaften. Nach der Promotion, in den 50er-Jahren dann, arbeitet er als juristischer Berater des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, hat dort oft und gerne mit Theodor W. Adorno zu tun. Kluge fängt an, Filme zu drehen, zu schreiben, zu kreieren. Und eigentlich hatte er damit bis zu seinem Tod auch nie aufgehört.
Bei der Gedenkveranstaltung zu Thomas’ Ehren wird es unangenehm für den Autor des „letzten Interviews“. Freimütig hatte er die „Anekdote“ vom versenkten Handy zum Besten gegeben. Und was ist das jetzt für ein Interview? „Teilweise rekonstruiert“, aus dem „Gedächtnis“ formuliert? Ist es autofiktional? Und wie weit ist eine „Transkription“ entfernt von „Deep Fake“? In „Transkription“ geht es um vieles: um Sterbehilfe, eine zunehmend virtuell werdende Welt, um Lost Kids, Feminismus, Filme, Literatur … Und immer wieder schaltet sich Thomas ein, der auf diese besondere Art redet, die der Autor hinterm Autor so beschreibt: „plötzlich Maßstabwechsel, rasche Gegenüberstellungen von Bildern oder Registern“. So mäanderte sprechender Weise Thomas. Oder war es Alexander Kluge? Und haben sie am Ende beide an Lerners Buch mitgeschrieben? Wer kann sich da sicher sein?
Ben Lerner: Transkription
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl
Hardcover, 160 Seiten
Suhrkamp, Berlin 2026
24 Euro
