Abends beim Duschen betrachtete Insa den Sand, der sich in der Duschtasse sammelte. Er formierte sich in den Strömungen des Duschwassers, lief auf zu kleinen Sandbänken in den Ecken und bildete sein Muster, am Strand und überall.
Nah an der Wasserkante war der Sand so fest gewesen, dass sie sich die Schuhe ausgezogen hatte. Sie hatte die Bodenwellen unter den Füßen gespürt, die das rücklaufende Wasser in den Sand gezaubert hatte, und sich daran erinnert, wie sie schon als Kind über diesen Boden gerannt war. Etwas schmerzhaft und prickelnd schön zugleich. Und als Insa wieder aufblickte, da war kein Spaziergänger mehr zu sehen. Einen guten Kilometer war sie gelaufen, die Dünen waren weit zurückgewichen, nach vorne lief der Strand in die Endlosigkeit, und zu ihrer Rechten toste die Brandung und dahinter das Meer. Licht und Wasser und Sand und sonst nichts. Wie am Anfang der Welt, dachte Insa, und das Gefühl war überwältigend, so überwältigend, dass ihr ein paar Tränen über die Wangen liefen. In wenigen Minuten hatte sie eine Wandlung von „Ich habe keinen Platz auf dieser Welt!“ zu „Die ganze Welt gehört mir!“ durchlaufen, und ihr Körper konnte kaum Schritt halten. Sie hatte wieder auf den Boden schauen müssen, damit ihr nicht schwindlig wurde. Das klare Wasser lief durch die Priele vom Strand ins Meer zurück, es formte den Sand und wusste genau, wo es hinwollte.
In ihrer Wohnung in Schwabing hätte sie das wahnsinnig gemacht, dieser Dreck. Aber gerade fand sie es wunderschön, den Schlieren des Sandes in ihrem Duschwasser zuzusehen. Wir krabbeln alle durch den Sand, die Menschen so wie die Möwen und die Krabben. Und er verändert sich ständig, ist ständig im Fluss und wir müssen uns anpassen und mitschwimmen, und die Schönheit des Momentes immer wieder finden und genießen. Nirgendwo erschien das so einfach wie hier auf der Insel. Nichts lenkte einen hier von den Dingen im Leben ab, die wirklich wichtig waren.
Ablenkung. Es schien ihr, aus der Ferne betrachtet, als ob das letzte Jahrzehnt ihres Lebens aus unendlich viel Ablenkung bestanden hatte. Nicht absichtlich. Hätte man sie gefragt, so hätte sie ihr Leben sogar für eine besonders intensive Form des „das Leben genießen“ gehalten. Der Caffè Latte to go auf dem Weg zur Arbeit, eine der besten Baristas von Schwabing fertigte ihn für sie an. Ohne den fing der Tag allerdings nicht gut an, hatte sie keine Zeit, oder war die Schlange schon zu lang, so sank ihre Laune.
Die Vorfreude auf das Wochenende, die Bergtouren und Abendessen am Tegernsee, manchmal eine Hütten-Übernachtung. Das waren tolle Erinnerungen, und dennoch. Es brauchte sie. Fielen sie aus, weil Unwetter angekündigt wurden oder jemand absagte, fiel ihre Stimmung ins Bodenlose. Weil ihr Leben, so wie es war, sie kaum eine Woche zusammenhielt.
Wahrscheinlich war das immer so, solange man dort lebte, wo man eigentlich nicht hingehörte. Dort war es immer dann gut, wenn man obenauf war, das Leben einen reich beschenkte. So lange machte alles Sinn, man konnte sogar an Schicksal glauben. Aber sobald es eine Krise gab, fiel die ganze Existenz wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Und in diesem Moment war sie unglaublich dankbar. Denn sie wusste genau, wäre sie in Ostfriesland geblieben, nie von zuhause ausgezogen, sie hätte nichts von alledem verstanden. Hätte die Zufriedenheit mit Langeweile verwechselt, das „wunschlos glücklich sein“ mit Antriebslosigkeit. Und dennoch blieb die Frage, wie es kam, dass andere ihren Platz im Leben so leicht fanden, und sie selbst so viele Umwege hatte gehen müssen.
„Sand“ ist ein Auszug aus einem Romanentwurf mit dem Arbeitstitel „Meerweh“. Es ist das dritte Werk von Esther Pfaff; ihre ersten beiden Bücher „Almost Happy“ und „Like a Fox to a Swallow“ veröffentlichte sie unter dem Pseudonym
Ella Voss in englischer Sprache. In ihren Texten geht es regelmäßig um die Bewältigung von Lebenskrisen und die Kraft, neuen Lebensmut zu finden.
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