Edgar Selges zweiter Roman beschäftigt sich mit der Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg.

Von Michael Berwanger

In seinem Debütroman „Hast du uns endlich gefunden“ beschreibt der Schauspieler und Autor Edgar Selge sein Aufwachsen in einer Strafanstalt. Sein Vater war Direktor dieser Einrichtung– ein strenger Patriarch mit Hang zur Übergriffigkeit, der den Übergang von NS-Justiz zur Rechtspflege einer Demokratie noch nicht vollzogen hatte. Die Familie wohnte in der Dienstwohnung auf dem Areal des Gefängnisses, die Eltern gaben sich nach außen kunstsinnig-weltoffen, werden von Selge aber als verbohrt-regressiv geschildert. Dieses Setting ist auch die Ausgangslage für den zweiten Roman – „Juras letzter Winter“ – und sie ist es auch nicht. Selge hatte seinen Erstling aus dem Blickwinkel eines Zwölfjährigen geschrieben, nun blickt er – als „alter Mann“, wie er sich selbst bezeichnet – aus dem Heute zurück und verknüpft das Tagebuch eines Leningrader Jugendlichen aus dem Jahr 1941/42 mit den Erinnerungen an seine eigene Jugend.

Die Blockade Leningrads gehört noch immer zu den weniger bekannten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Fast 900 Tage lang – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – war die Bevölkerung in ihre Stadt eingeschlossen. Laut Direktive des Deutschen Kriegs- und Marinestabs sollten die Stadt und ihre Bevölkerung vernichtet werden. Aus der Zeit der Blockade sind über 100 Tagebücher überliefert, viele davon geschrieben von Kindern und Jugendlichen, einer von ihnen der sechzehnjährige Schüler Jura Rjabinkin. Seine sehr komprimierte Form der Darstellung schildert unerbittlich Hunger, Brutalität, Kannibalismus. Jura hat die Blockade nicht überlebt. Vermutlich starb er im März 1942. „Wo ist Mama? Wo ist sie? Essen! Essen! Brot! Brot! Brot!“, lautet sein letzter Eintrag.

Edgar Selge beginnt seinen Roman „Juras letzter Winter“ mit der Beschreibung eines Gewaltausbruchs in seiner eigenen Jugend, bei der er einen Mitschüler niederschlägt, weil er ein Ventil für die „Sadisten, die mich quälten“ brauchte. Diese Geschichte sei ihm am Rande stressiger Vorbereitungen der vorangegangenen Adventszeit wieder eingefallen, schreibt er, und habe ihn dazu gedrängt, sich im Abstellraum seines Hauses zu verkriechen, um sich seinem „Projekt“ wieder zuzuwenden, dem er schon eine Weile nachgegangen sei. Dieses „Projekt“ ist eben die literarische Auseinandersetzung mit dem Blockade-Tagebuch des Jura Rjabinkin. Selge bindet dabei nicht nur Originalzitate aus dem Tagebuch mit ein, sondern lässt Jura Rjabinkin selbst zu Wort kommen, indem er fiktiv Zwiesprache mit ihm hält. Die Gespräche führen bei Selge zu Assoziationen und Erinnerungen an Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden und Vatersein. Dadurch wechseln in diesem Roman ständig die Zeitebenen. Vom Jetzt zum Kriegswinter 1941/42, zu den 1960er-, den 1990er-Jahren und wieder zurück. Selge benutzt einzelne Einträge aus Juras Tagebuch, um sie mit seinen Jugenderinnerungen zu vergleichen und mit Jura darüber zu diskutieren. Er geht dabei sehr vorsichtig vor, gibt sich bewusst zurückhaltend, nie vorlaut oder belehrend.

Mit diesem Roman setzt Edgar Selge einem scheinbar unscheinbaren russischen Kriegsopfer ein Denkmal und erinnert unerbittlich an ein fast vergessenes Kapitel deutscher Wehrmachtsgräuel. Dennoch bleibt beim Lesen das Unbehagen, ob der Vergleich zwischen einer Tragödie dieses Ausmaßes, von der wir von Anfang an wissen, dass sein Autor sie nicht überleben wird, mit einer satten – wenn auch von Sadismus geprägten – Jugend im Nachkriegsdeutschland nicht unangebracht ist.

Edgar Selge:
Juras letzter Winter
Roman, gebunden, 256 Seiten
Rowohlt, Hamburg 2026
25 Euro