Von Katrin Diehl

Alles gar nicht so einfach. Auch das Granteln nicht, vor allem, wenn‘s darum geht, anderen gleichzeitig erklären zu wollen, was es mit diesem Granteln auf sich hat und wie sehr es in der bayerischen Landeshauptstadt zu Hause ist. Und ist es das überhaupt oder gehört auch das zu den überlieferten „Bildern“, die man bewahren möchte, um München, die Münchner*innen irgendwie charakterisieren, packen zu können? „München-Beschimpfung“ heißt das Bändchen, das unsere Stadt abspaziert in echt und im Kopf und gerne auch entlang ihrer neuralgischen Punkte, und das dabei weder Bier noch Fußball noch Brezn noch O-Fest … außen vor lässt. „München-Beschimpfung“ ist ein Stadtporträt, das die Vorstellungen, die als typisch oder urmünchnerisch gelten, sowohl stehen lässt als auch an ihnen rüttelt. Es tut das locker, zugewandt und durchaus manchmal in Sorge und ist am Ende auch für Zugereiste wie Durchreisende interessant. Zweifellos interessanter ist es für uns, die Münchner*innen, die aus dem Nicken gar nicht mehr herauskommen, zumal wenn wir (zum großen Glück) weder zu den Steinreichen noch zu den Bettelarmen gehören, wenn wir die sind, die uns vor der nächsten Mietrechnung fürchten, oder die, die ständig suchen: eine Wohnung, einen Kitaplatz, einen Radlweg, Kreativräume, Fördergelder oder einfach Freiflächen, die sich wild nutzen lassen. Gefühlt ist das Buch ohnehin denen gewidmet, die trotz alledem „unwahrscheinliche Orte“ hervorbringen, weil sie „einfach mal gemacht und etwas geschaffen haben“, wie es im Buch heißt mit Hinweis auf so Beispiele wie das Bellevue di Monaco oder unsere wirklich weirde Eisbachwelle. Und auch denen gilt ein warmer Gruß, die in der freien Szene „struggeln müssen“ und trotzdem „Tag für Tag coole Sachen“ hinbekommen.

Erschienen ist „München-Beschimpfung“ im Berliner Verlag „Favoritenpresse“ (nach „Berlin-Beschimpfung“ von Björn Kuhligk, 2024). Er hat dafür den Münchner Benedikt Feiten angefragt. Feiten ist Autor von – so lässt sich das wahrscheinlich sagen – München-durchwehten Romanen („Hubsi Dax“, „So oder so ist das Leben“ …), außerdem ist er Musiker und in der freien Szene unterwegs. Er sagte zu, zumal, als er verstanden hat, dass dieser Titel „nicht so krass plakativ gemeint war“. Es ist „mein erstes Themenbuch“, erklärt er, und natürlich sei es wegen des „subjektiven Blicks“ auch „irgendwie autobiografisch“. Die Illustrationen zum Text machte Jan Steins, ebenfalls schon lang in München zuhause, und die springen einen tatsächlich an, sind in den München- und Bayern-Farben Schwarz, Gelb, Weiß und Blau (und wenn möglich in deren Neon-Varianten) gehalten und haben ihre eigenen schrillen, originellen Spitzen. Das Bild vorne auf dem Hardcover ist dabei ein ziemlicher Hingucker: Das Münchner Kindl, schwarz bekuttet, ist – in der Rechten ein Megafon, die Linke zur Faust geballt – total in Rage, und auch der gelbe Löwe, auf dem es sitzt, zeigt sich verstimmt, und selbstverständlich ist dieses seltsame Münchner Kindl auch Teil der Erkundungen. „Der Mönch wurde wohl in seinen bildlichen Darstellungen immer weiter verkindlicht, irgendwann vom Jungen zum Mädchen und dann, als man in den 1930er-Jahren eine echte Figur für repräsentative Aufgaben brauchte, hoppla, wie konnte das passieren, zur jungen Frau.“

Beim Schreiben fürs Buch erfuhr Feiten einiges an vitaler Beteiligung („so viel Austausch zu einem Text hatte ich ja noch nie!“). Er hatte in seinem Kreis herumerzählt, an was er gerade sitze, und auch gefragt, was andere an München manchmal nerve, und dann sei er von spontanen Reaktionen in Form von Text- oder Sprachnachrichten geradezu überrollt worden. „Das waren dann so Sachen wie: ‚Also, das Spezi hier im Biergarten xy ist wirklich eine Frechheit‘.“
Einiges davon landete im Buch.

„München-Beschimpfung“ ist mit viel Augenzwinkern geschrieben. Bei vielem, was Feiten München und den Münchner*innen so anhängt, spricht er von einem „wir“, weiß und sieht sich also als Teil der „Kontrollgruppe“ und in bester Gesellschaft. Und natürlich hat er bar jedes Fünkchens an Ironie absolut recht, wenn er schreibt: „Wir genießen unerreichbare Lebensqualität“, zumal sich weder die nahen Berge noch Italien noch die Isar oder der Englische Garten jemals verschieben lassen. Außerdem hat Benedikt Feiten das bayerische Abitur.

Benedikt Feiten (Text) /
Jan Steins (Illustrationen): München-Beschimpfung
60 Seiten, Gebundene Ausgabe
Favoriten Presse, Berlin 2026
16 Euro