Von Markus Czeslik

Es ist einer dieser brüllend heißen Tage an einem über-füllten Badesee, wo sich alle Bewegung aufzulösen scheint und das Leben in einen seltsamen Schwebezustand gerät. Wo man hinblickt, drehen sich in der Gluthitze halbnackte Körper um die eigene Achse, werden Bäuche stolz vor sich hergetragen, schreien Kinder, die nass geworden sind oder unbedingt nass werden wollen. Es ist Hochsommer, Hochsaison, hoch wollen wir leben und in der Sonne braten. Bevor das Gehirn zermatscht und der Blick vollends trübe wird, sticht eine kleine Szene heraus. Da spielen zwei Kinder in aller Ruhe im Wasser nahe am Ufer, mit sich selbst beschäftigt. Nanu? Zu wem gehören denn diese Engel, die mit sich so im Reinen sind und in Seelenruhe Sand schaufeln?

Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann auf einem Stein, fast in Rodinscher Denkerpose. Einen der wenigen schattigen Plätze unter einem Baum hat er ergattert, in seinen Händen ein Buch. Nur ab und zu schaut er auf, in Richtung seiner Kinder – kein Wort muss gesagt werden. Familienglück zeigt sich in der Stille.

Was hat sich der Mann da ausgesucht? Kein leichtes Buch jedenfalls. „Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode. Offensichtlich ein Buch über seine eigene Generation, die (das erfährt dieser Leser ausgerechnet hier am glückseligen Badesee) über die Eltern auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch von dem damaligen Grauen geprägt sein soll.

Bode spricht gar von einem Sekundärtrauma, für das sie anhand von 18 Lebenswegen Belege findet. Der Zweite Weltkrieg habe deutlich länger und tiefer seine Spuren hinterlassen und auch in der nachfolgenden Generation Menschen mit Beziehungsstörungen und Ängsten verschiedenster Prägung hervorgebracht. Die tiefsitzende Verunsicherung der zwischen 1960 und 1975 Geborenen sei demnach eine Konsequenz aus den unverarbeiteten Traumata der Kriegseltern, welche die Schrecken von Bombennächten, Tod und Vertreibung unmittelbar erlebt und ihre Gefühlswelt sorgsam abgekapselt hätten.

Bode schlägt hier die Brücke zu den „Friedenskindern“, die häufig mit Unverständnis auf die verbohrten Sichtweisen der Eltern reagierten, auf deren Unwillen oder Unfähigkeit, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. Wenn Bode in ihren Interviews darauf hinweist, dass dieses oftmals unbegreifliche Verhalten von nicht geheilten Kriegs-Traumata herrühren könne, habe sie oft als Antwort erhalten: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“ – was wiederum kein gutes Licht auf die Enkelgeneration wirft. Die Autorin möchte die Kriegsenkel einladen, „sich in ihren Jahrgängen unbefangener als bislang üblich über Spätfolgen von Krieg und NS-Zeit auszutauschen“ und sie „ermutigen, ihre Familiengespenster endlich aus ihrem Schatten herauszulocken, damit diese keine Verwirrung mehr stiften können“.

Bode schwankt ein wenig zu sehr zwischen Generationenschelte und dem Wunsch, gegenseitiges Verständnis zu fördern. Die Perspektive der Kriegskinder hatte sie zusätzlich in ihrem Werk „Die vergessene Generation“ beleuchtet, sodass sich das Bild weiter vervollständigt. Vielleicht mag sich dieser Leser am See in einem der Lebenswege der vorgestellten Enkel wiedererkennen – während seine eigenen Kinder, die jüngste Generation, schon wieder auf einem ganz anderen Planeten aufwachsen. Hier und heute sind sie nur wenige Meter voneinander entfernt und scheinen sich darüber einig zu sein, egal welche Kriege an welcher Stelle der Welt auch toben, den Tag gemeinsam zu genießen.

Sabine Bode:
Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation
368 Seiten, Hardcover
Klett-Cotta, Stuttgart
1. Auflage 2021
15 Euro

In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.