by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Ein wenig beunruhigend ist es schon, wenn man sich vorstellt, man lebt allein, kommt nach Hause und im Kühlschrank fehlt der Fisch, den man am Vortag gekauft hat. Dann hat sich offenbar jemand am Multivitaminsaft bedient …
Genau das passiert dem Protagonisten im Roman „Zimmer frei in Nagasaki“ von Éric Faye. Der Meteorologe, der allein lebt, hat eine große Wohnung. Ein Zimmer benutzt er kaum. Und so dauert es fast ein Jahr, bis er bemerkt, dass sich dort ein heimlicher Mitbewohner eingeschlichen hat, eine arbeits- und obdachlose Frau, wie er später erfährt. Die beiden sehen sich nur kurz im Verlauf der Geschichte, aber sie haben so viel gemeinsam: ihre Einsamkeit, ihre Verschlossenheit, ihre irgendwie ungelenken Versuche, ihre Sehnsüchte zu überspielen und doch zu überleben. Wir lernen die beiden auf nur 110 Seiten sehr gut kennen. Wir verstehen, dass die Geschichte in allen modernen Industriestaaten passieren könnte. Schließlich beruht der Roman auch auf einer Meldung in der Rubrik „Vermischtes“ in einer japanischen Zeitung. Der Leser begreift, wie sehr die Lebens- und Arbeitsbedingungen dem Menschen zusetzen können. Und nebenbei erfährt er eine Menge über Nagasaki und seine Werft, auf die der Protagonist immer wieder schaut und die 1945 das eigentliche Ziel der amerikanischen Atombombe war. Die Stadt musste ganz neu aufgebaut werden. Ob das auch den beiden „Helden“ der Geschichte mit ihrem Leben gelingt?
Der Roman ist 2010 in Frankreich unter dem Titel „Nagasaki“ erschienen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Für „Nagasaki“ erhielt Faye den Grand Prix du Roman de l’Académie Francaise. Bettina Deininger entdeckte ihn für ihren noch jungen Münchner austernbank verlag, übersetzte ihn und brachte ihn im vergangenen Jahr heraus – zum Glück für alle, die es lieben, sich spannend unterhalten zu lassen und den eigenen Blick auf die Welt neu auszurichten. Da liegt es nahe, auch gleich die übrigen Romane des Verlags zu testen: „Ich kann nicht sprechen“ von Franz Bartelt und „Ode an die Krake“ von Cécile Reyboz.
Die Gestaltung des Buchs verdient ein paar eigene Anmerkungen. Anja Wesner, bekannt als Mitarbeiterin beim „Münchner Feuilleton“, hat das Logo des Verlags – eine von Hand gezeich-nete Auster – sowie die Kapitelanfänge und den Umschlag entworfen. Da stehen sie, die beiden „Helden“, so nah beieinander und doch so weit weg voneinander.
Ursula Sautmann
Éric Faye
Zimmer frei in Nagasaki
Roman, aus dem Französischen von Bettina Deininger
Austernbank Verlag, 2014, 110 Seiten
16,90 Euro
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Kurzgeschichte
Willst du, dass ich mitfahre zu Annas Beerdigung?“, fragte Anton unsicher. „Wenn du mich auf der Trauerfeier nicht dabeihaben willst, verstehe ich. Ich kann dich auch nur für die Fahrt begleiten. Du hattest gesagt, Samstag wäre die Bestattung. Da müsste ich mir nicht mal frei nehmen. Also ich würde mir natürlich frei nehmen, wenn es unter der Woche wäre. Und wenn du wollen würdest, dass ich mitkomme.“
Elisabeth war sehr starr, sie konnte noch keineswegs begreifen, dass Anna tot war.
Der kleine Friedhof war angefüllt mit Menschen, alle standen im leisen Sonnenschein, der durch die Bäume sickerte. Manche unterhielten sich oder standen hilflos beisammen. Elisabeth kam knapp, den letzten Anschlusszug hatten sie verpasst, nun ging sie schwitzend und außer Atem auf Annas Eltern zu.
„Entsetzlich muss das sein“, dachte sie, dann schüttelte sie schweigend Hände. Sie hatte die Vanderbeks seit 16 Jahren nicht gesehen, alt waren sie geworden.
Von hinten legte sich eine Hand auf Elisabeths Schulter.
„Schön, dass du gekommen bist“, sagte David, Annas Bruder. Elisabeth drehte sich langsam um, versuchte Zeit zu gewinnen. Seine Stimme hatte sich gar nicht verändert. Wie würde er jetzt aussehen?
„Setz dich vorne neben uns bitte, wir würden uns freuen. Du warst Annas beste Freundin.“ Elisabeth schluckte, sie wollte jetzt auf keinen Fall weinen.
„Das ist meine Frau Klara, und Milena, meine Große. Sie ist vier geworden im Mai.“ Eine kleine sanfte Frau und ein rotzverschmiertes Mädchen streckten freundlich ihre Hände aus. Elisabeth schüttelte beide, nickte, lächelte. Gott, sah sie Anna ähnlich. War David verrückt? Wie konnte ein Mann sich eine Frau suchen, die aussah wie die eigene Schwester? Das war krank, in höchstem, verwirrendem Maße krank. Klara sagte David etwas ins Ohr und fuchtelte dabei mit den Händen. Wie Anna! Anna gestikulierte immer wild, bei jedem Wort. Milena ging umher und riss ein paar Blätter von den Büschen; wurde zurechtgewiesen und trat auf Elisabeth zu. Prüfend blickte sie an ihr hinauf.
„Ich bin schon vier.“
„Aha“, meinte Elisabeth, die verzweifelt versuchte, Klaras Ähnlichkeit mit Anna einzuordnen. Milena machte ein altkluges Gesicht und zeigte acht ihrer Finger.
„Weißt du was? Marienkäfer fressen Läuse, und“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, um den Gehalt ihrer Mitteilung wirken zu lassen, „und Geier fressen tote Tiere! Geier fressen Fleisch.“ Das Wort Fleisch zog sie dabei so in die Breite, dass man das Zermalmtwerden förmlich spürte.
„Papa, haben die Geier Tante Anna gefressen?“, wandte sie sich an David.
David schluckte.
„Nein, haben sie nicht!“
„Aber Geier fressen tote Tiere. Und tote Leute.“
„Das stimmt. Sie könnten auch die Tante Anna fressen, wenn die einfach herumliegen würde“, sprang Elisabeth ein, und wusste gar nicht warum.
Milena unterbrach eifrig:
„Ja, dann fressen die Geier ihr Fleisch!“
Elisabeth blickte kurz ins Leere. „Aber Anna liegt nicht einfach irgendwo auf der Straße, sondern sie wurde verbrannt und ihre Asche begraben. Wenn jemand bei uns stirbt, dann begraben wir diesen Menschen.“
Milena überlegte. Sorgfältig entwickelte sie ihren Gedanken weiter:
„Die Geier können dann mit ihren spitzen Schnäbeln die Erde weghacken und die toten Leute rausfressen.“
„Nein, das machen Geier nicht! Die graben nicht in der Erde nach Toten. Außerdem ist Tante Anna verbrannt. Da ist kein Fleisch mehr, das die Geier essen könnten“, meinte David bestimmt.
„Hat die Anna kein Fleisch mehr jetzt?“
„Nein, sie ist jetzt Asche. Das ist eine Art Pulver.“
Milena war begeistert:
„Dann können Pulver-Geier die Tante Anna ausgraben und fressen!“
„Nein Milena, Geier mögen kein Pulver.“
„Hm. Aber wir haben noch Fleisch“, stellte Milena fest, und um sich zu vergewissern, fasste sie mit der rechten Hand ihren linken Arm und drückte an ihm herum.
„Wir haben noch Fleisch – aber das mögen die Geier nicht, weil wir sind nicht tot!“, fasste sie befriedigt zusammen.
„Richtig“, nickte Elisabeth schwach. Es läutete, sie durften in die Kirche.
Lena Nützel
Der Text ist dem Roman „Festhalten“ entnommen.
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Lyrische Kostprobe
Kein licht hilft. ominös dieser zerknitterte
abendhimmel da drüben. mit seinem gelbgoldenen
zellophan. die letzten tagbrösel fallen zu boden.
violinklang stimmt mich. eine hammondorgel.
die gemengelage hängt uns tiefer. februar
zersprengt uns in alle richtungen. lange war es
nicht mehr so kalt, in uns. das bisschen
pink floyd hilft uns nicht aus der klemme.
wild bäumt sich der asphalt, stieben graue
funken. wir liegen still. eine pfütze licht
in der falte dieses still gelegten abends.
Armin Steigenberger
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Vermischtes
In guter Nachbarschaft
Der Münchner Krimi-Autor Su Turhan und „Buch in der Au“
Bekennender Obergiesinger sei er, betont Su Turhan. Aber er gehe gern in die Au runter, fügt der Münchner Schriftsteller hinzu. Dort in der Humboldtstraße ist nämlich seine Lieblingsbuchhandlung „Buch in der Au“. Dabei liegt dieser Buchladen eigentlich gar nicht in der Au, sondern in Untergiesing. „Die Mitte der Humboldtstraße ist die Grenze“, erklärt Elisabeth Reisbeck, die Inhaberin von „Buch in der Au“. Als sie vor 16 Jahren den Buchladen eröffnete, war sie mit den Grenzfragen und den Empfindlichkeiten der Stadtteilbewohner noch nicht so vertraut. Mittlerweile haben ihr die Münchner aber verziehen: Sie sind Stammkunden von „Buch in der Au“ geworden. „Gut 80 Prozent unserer Käufer sind aus der Nachbarschaft“, sagt Elisabeth Reisbeck. Sie kämen ganz bewusst in die Humboldtstraße – schließlich solle dieses Stadtviertel so bleiben wie es ist. Su Turhan (49), der die Buchhandlung schon entdeckte, als er seine Kleinen in den Kindergarten am Kolumbusplatz brachte, sieht die Entwicklung mit Sorge: „Unten und oben bei uns tut sich gerade viel. Paulaner zieht weg, irgendwie wird alles trendiger und teurer.“
Da kann „Buch in der Au“ mit Altbewährtem aufwarten: Schon immer bildete die schöne Literatur den Schwerpunkt des Sortiments. Und seit Jahren machen Kinder- und Jugendbücher ein Drittel des Umsatzes aus. „Hier wohnen sehr, sehr viele Familien. Kinder sind ganz treue Kunden“, sagt Elisabeth Reisbeck. Die Kleinen haben in der Buchhandlung einen separaten Raum, in dem sie nach Lektüre stöbern können. Auch mit den umliegenden Schulen arbeiten Reisbeck und ihre Kollegin Sabine Abel eng zusammen. So wurde die Buchhandlung mit dem Gütesiegel „Leseforum Bayern – Partner Schule“ für ihren Einsatz in Sachen Leseförderung ausgezeichnet.
Ein weiteres festes Standbein im Sortiment von „Buch in der Au“ sind Krimis – und dazu gehören natürlich auch die Romane von Su Turhan. Der in Istanbul geborene Autor hat mittlerweile drei Bücher (alle bei Droemer Knaur erschienen) mit Kommissar Pascha geschrieben. Sein jüngstes Werk „Kruzitürken“ hatte erst kürzlich beim Münchner Krimifestival Premiere. „Da war was los im vollbesetzten Saal“, erinnert sich Turhan. „Es gab Musik, und eine Bauchtänzerin war auch dabei.“ Ähnlich erfolgreich gestaltete der Schriftsteller auch seine Lesung bei „Buch in der Au“, wo ein Mal im Monat Autoren ihre Werke präsentieren, wie bislang etwa Christian Ude, Thomas Lang, Christoph Poschenrieder oder Matt Rees.
„Zu den Buchdamen in der Au gehe ich paar Mal im Monat“, verrät Turhan. „Ich schätze das Persönliche, den Geruch von Papier, Kaffeeduft, das Gespräch, das da Buch gelebt und Autoren empfohlen werden, weil die Buchhändlerinnen die Romane kennen“, ergänzt der Autor, der seine künstlerische Laufbahn als Filmemacher begonnen hat. Sein Streifen „Gone Underground“, für den er den weltberühmten Kameramann Michael Ballhaus gewinnen konnte, erhielt unter anderem den Deutschen Kurzfilmpreis in Silber. „Die Zusammenarbeit mit Ballhaus war ganz normal. Im Vorfeld zu den Dreharbeiten haben wir gemeinsam das Visuelle festgelegt, da durfte ich viel lernen und am Set sowieso“, sagt Turhan. Derzeit schreibt der Autor und Filmemacher an seinem vierten Pascha-Krimi. Er erscheint Ende September, und passend zur Oktoberfest-Eröffnung heißt er „Anstich“.
Die Zukunft sieht Turhan recht optimistisch – er hat Projekte in seinen beiden Genres. Auf den Buchhandel blickt er – auch nach etlichen Lesereisen durch Deutschland – mit Besorgnis und Anerkennung: „Das Buchgeschäft hat mit wahnsinnig viel persönlichem Einsatz zu tun.“ Es gebe jedoch große Sorgen, etwa bezüglich Amazon. „Für mich als Reaktion habe ich auf meiner Website die Verlinkung zu Amazon raus und darum gebeten, sich meine Romane und Hörbücher in der nächsten Buchhandlung zu holen.“ Doch die beiden Buchhändlerinnen Abel und Reisbeck denken noch weiter:„Wenn das Freihandelsabkommen TTIP kommen sollte, und wenn dann die Buchpreisbindung fällt, können kleine Buchläden wie wir dichtmachen.“
Ina Kuegler
In den ersten beiden Folgen unserer Serie „Meine Lieblingsbuchhandlung“ brachten wir „Buch & Bohne“ mit dem Münchner Schriftstellter Christoph Poschenrieder sowie Lehmkuhl mit Hans Magnus Enzensberger.
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Titelgeschichte
Warum gebrauchte Bücher daheim einsperren? In der Tausch-Box finden sie neue Leser und bereiten Freude
Münchens erster offener Bücherschrank ist seit Dezember 2013 in Betrieb und ein voller Erfolg. Der übermannshohe Kasten aus Stahl und Glas steht vor dem Nordbad in Schwabing. Meist ist er umringt von mehreren Menschen, die die Titel in den Regalen des verglasten Bücherregals studieren, in Büchern blättern oder sich unterhalten. Beim freien und kostenlosen Auswählen, Bringen und Mitnehmen von Büchern ergeben sich schnell Kontakte. So auch an diesem Sonntagnachmittag, trotz des kühlen Wetters.
Drei Frauen sind ins Gespräch gekommen. Eine ist an diesem Wochenende schon zum zweiten Mal hergeradelt, erzählt sie: „Gestern habe ich zwei Romane und ein Yogabuch mitgenommen. Die Romane habe ich inzwischen schon gelesen und gerade wieder zurückgestellt, das Yogabuch behalte ich, und jetzt schaue ich, ob ich noch etwas Neues finde.“ Die andere Frau hat einen Stapel Bücher mitgebracht, die sie in den Schrank einordnet. „Was sollen die daheim herumstehen? Ich lese sie ja doch kein zweites Mal, und hier freuen sich andere drüber.“ – „Bücher wirft man nicht weg!“ Darüber sind sich die Frauen einig. Obwohl … Mit spitzen Fingern zieht die Spenderin gerade ein original verpacktes, aber angeschimmeltes Bändchen aus dem Regal und bringt es, unter Zustimmung der anderen, zum Abfallkorb. Manch einer wird im Bücherkasten eben auch Dinge los, die garantiert niemand mehr haben will. Doch das ist die Ausnahme.
Weil kostenlos, finden hier auch in die Jahre gekommene Bestseller noch Abnehmer. Heute im Angebot: Zum Beispiel „Sorge dich nicht, lebe!“, „Salz auf unserer Haut“, „Liebe ist nur ein Wort“, oder die „Swann Saga“-Trilogie von R. F. Delderfield als Hardcover. „Am Flohmarkt gehen Bücher ganz schlecht“, erzählen die Frauen, und wenn, dann kriege man gerade mal zwei Euro für eines, das neu zwanzig gekostet hat; das lohnt sich nicht. Und im Internet? Da wird ein gebrauchter Band der Swann Saga zurzeit für 0,01 Euro gehandelt, plus 3 Euro Versandkosten.
„Der Bücherkasten wird von den Bürgern mit Begeisterung angenommen“, berichtet Thomas Rock vom Verein Offene Bücherschränke Schwabing West, in dem sich die Initiatoren des Projekts zusammengeschlossen haben. „Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell der Inhalt wechselt. Manchmal quillt der Schrank fast über, ein paar Stunden später ist er nahezu leer und am nächsten Tag wieder voll.“
In manchen Städten und Orten gibt es den kostenlosen Büchertausch zum Teil schon seit vielen Jahren. Als Tauschbox dienen da auch alte Telefonhäuschen oder Bushaltestellen. Die Münchner haben sich für die Luxusausführung des Kölner Architekten Hans-Jürgen Greve entschieden, weil diese auch den Anforderungen des Denkmalschutzes genügt, wetterfest und bruchsicher ist. Etwa 400 Bücher finden darin Platz. Den Preis von rund 8000 Euro hat zum Großteil der Bezirksausschuss gezahlt. Mehrere ehrenamtliche Paten aus der Nachbarschaft kümmern sich täglich um den Bücherschrank, sie putzen die Scheiben und achten darauf, dass keine Prospekte, Schundlektüre oder ewige Ladenhüter im Schrank verbleiben.
Auch die beiden Inhaberinnen der „Buchhandlung am Nordbad“ halten den Kasten für „eine ganz tolle Idee“, weil sie es generell gut finden, wenn Bücher weitergegeben werden. „Nicht toll“ finden sie jedoch, dass er genau auf der Seite des Nordbads platziert wurde, wo auch ihre Buchhandlung ist. Da hätte man sich vorher absprechen sollen, denn nun falle die Kundschaft weg, die sich früher auf dem Weg ins Freibad noch schnell ein Buch gekauft habe, um es auf der Liegewiese zu lesen. „Im Sommer tummelt sich ein Haufen Leute um den Bücherschrank, während wir in unserem Laden allein sind.“
Die Frauen am Bücherschrank aber sagen, dass sie nicht weniger Bücher kaufen, seit sie hier tauschen, denn „die Bücher, die man wirklich will, kauft man sich nach wie vor.“
Auf jeden Fall macht der offene Bücherschrank Schule in München. Weitere sind schon in Pasing, in Moosach, in Neuhausen und am Ackermannbogen geplant. Und vorm Nordbad wird es bald noch gemütlicher werden, denn neben dem Schrank wird eine Bank aufgestellt.
Simone Kayser
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Kolumne
Nicht immer gibt es etwas zu lachen.
Vielleicht sitzen Sie gerade auf der Terrasse, fasziniert von der Aktienseite der FAZ, hören das Summen von oben gar nicht, das immer näher kommt. Die Rotbuche, noch etwas kahl, wirft ihren flirrenden Frühlingsschatten auf den Garten, als die Tochter plötzlich ruft:
„Papa, schau mal, da fliegt dein neuer Walser.“
Tatsächlich blinkt etwas über dem Baum, etwa 30 cm lang, hat zwei oder drei Propeller, versucht sich herabzusenken, kämpft sich durchs Geäst und setzt sich schließlich auf das alte Baumhaus, das Sie vor Jahren mit den Jungs gebaut haben. Ach, diese Buch-Drohne endlich, denken Sie, na das wurde aber auch Zeit. Kommt aber nicht bis zu Ihnen herunter, klinkt am Baumhaus den bestellten Roman aus und hebt ab, fiept.
Das alles ist nicht Sci-Fi, das ist technisch ausgereift, rechtlich weitgehend abgeklärt, Luftverkehrsverordnung, Lärmschutz-Abstandsregelung, Nachbarrechte usw., für ein paar Euro bekommt man ja so ein Flugteil im Fachhandel. Jetzt liegt das Buch aber auf dem Baumhaus. Guter Rat ist billig.
Sie rufen einfach Robbie zu sich. Den Roboter vom letzten Weihnachtsbaumpaket. Geschenk der erwachsenen Söhne. Ihre Tochter legt ihm frische Akkus ein. Die Leiter zum Baumhaus ist längst morsch. Kein Mensch kommt da mehr hoch.
Sie flüstern in seinen Mini-Membrantrichter die Worte „Baum, klettern, Buch holen“, und schon wackelt er los und krallt sich mit seinen spitzen Greiffingerchen und Zehen in den glatten Stamm der Buche, verschwindet affenartig zwischen Ästen und Baumhaus, greift sich das Buch, mehr können Sie nicht erkennen, dann passiert nichts mehr. Es wird Abend. Amadrohn ist inzwischen über der Buche aufgestiegen, Ihr Handy hat gepiepst und gemeldet „Der neue Walser ist geliefert.“ – Sie hatten zwar Stephen King bestellt, „Joyland“, aber Buch ist Buch, und so genau muss man‘s schließlich auch nicht immer nehmen.
Robbie kommt aber nicht mehr herunter. Die Drohne kreist noch einmal über dem Haus und dreht dann ab, Sie werden unruhig. Der Hausroboter sollte das Buch längst …
Wahrscheinlich werden Sie Ihren Kollegen beim nächsten Meeting erzählen, was passiert ist, und jeder kann eine andere kleine Geschichte von seinem Robbie oder der Drohne beisteuern. Ihren haben Sie vom Balkon aus mit dem Fernglas gesehen, wie er in den Roman vertieft auf dem Baumhaus saß und las und eingeschlafen ist über (dann doch) S. King und erst am nächsten Tag das Buch auf den Gartenstuhl gelegt hat – das ist doch ganz normal, er ist eben Walser-Fan. Die Kollegen werden Ihnen noch ganz andere Stories erzählen. In Bälde.
WH.
by LiSe | 1. März 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Was taugt besser für einen Roman als die Wirklichkeit? Im August 2013 verhängt der Los Angeles County Superior Court eine Strafe von mindestens 27 Jahren für Christian Karl Gerhartsreiter, bekannt geworden unter seinem frei erfundenen Namen Clark Rockefeller, wegen eines Mordes, den er 1985 begangen hatte. Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Walter Kirn ist 1998 durch eine Geschichte an Clark Rockefeller geraten, die zu erfinden er sich nicht hätte trauen dürfen. Eine strenggläubige Bankenerbin aus Montana bietet im Internet einen verkrüppelten Hund zur Adoption an. Der Hund ist inkontinent und vegetiert in einem spezialgefertigten Hunderollstuhl vor sich hin. Aus New York meldet sich Clark Rockefeller, er möchte das Tier adoptieren und gibt sich nebenbei als Spezialist für tiermedizinische Akupunktur zu erkennen. Er verspricht, den Hund aufzupäppeln, bis er fit sei für die Eichhörnchenjagd. Der mit der Hundebesitzerin befreundete Schriftsteller Walter Kirn – damals mitten in einer Lebenskrise und vielleicht auch wegen allerlei Aufputschmittel etwas durcheinander – erklärt sich bereit, den behinderten Vierbeiner mit seinem Pick-up von Montana nach New York zu fahren. Als er in New York endlich ankommt, trifft er auf einen Mann, der – wie Kirn findet – „auf Anhieb nervig“ ist, „ein putziger kleiner Hobbit, der sich selbst für so amüsant hielt, dass er etwas Wahnhaftes hatte“.
Alle seltsamen Marotten – der harte deutsche Akzent, das permanente Nichtbezahlen des angeblich schwerreichen Mannes – halten Walter Kirn nicht davon ab, dem Hochstapler auf den Leim zu gehen wie schon so viele vor ihm. Von da an beginnt zwischen den beiden Männern eine Freundschaft, die nur eine Richtung kennt – von Walter zu Clark. Zunächst das erste Essen im Sky Club des Met-Life-Hochhauses, von wo sogar die Skyline von Manhattan einen mickrigen Eindruck macht. Dann die Kunstsammlung in Rockefellers unscheinbarem Privat-Appartement: Rockefeller weist auf einen Blutfleck auf der Rückseite eines Gemäldes von Mark Rothko hin, Rothko hatte sich die Pulsadern aufgeschlitzt. Jean Luc-Picards Kommandosessel, den der Star Trek-Fan Rockefeller bei einer konspirativen Privatauktion erstanden haben will. Die vielen Freunde, die ihn angeblich auf seinem Landgut in New Hampshire besuchen: Britney Spears, „Du hast sie knapp verpasst“. Kanzler Kohl, „reist mit dem Auto an.“ Die über den Tisch geschobene Privatnummer des amerikanischen Präsidenten: „Hier“, sagt Rockefeller zu Kirn, „ruf George an“.
Das Ende der Männerfreundschaft kommt im Jahr 2013, als das Gericht in L. A. Clark Rockefeller wegen Mordes an John Sohus anklagt. Kirn reagiert wie eine betrogene Ehefrau: Er nimmt Rache an Rockefeller/Gerhartsreiter, der ihm nicht nur die Freundschaft geraubt hatte, sondern – was viel schlimmer ist – in Kirn die ewige Sucht nach Reichtum und Glamour, den uramerikanischen Traum, geweckt hat. Gerade er als Autor hätte genauer hinsehen müssen. Doch er hat alle Unstimmigkeiten nicht wahrhaben wollen, da er Rockefeller als Romanfutter sieht und ihn sogar dann noch bei seine Kollegen verteidigt, als die Aufdeckungen in der Presse schon die Runde machen.
Kern rächt sich mit den Mitteln der Schreibwerkzeuge, nicht mit einem Nudelholz. „Blut will reden. Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade“ heißt Walter Kirns Buch, das kürzlich bei C.H. Beck in München erschienen ist und das sich so spannend liest wie die besten Kriminalromane. Dabei ist es witzig und stimmt einen nachdenklich, da man ständig in sich hineinhorcht, ob man nicht auch so geblendet worden wäre.
Michael Berwanger
by LiSe | 1. März 2015 | Blog, Kurzgeschichte
Ich fahr nicht gern mit der U-Bahn“, sagte Philip. „Aber wenn mein Auto streikt, bleibt mir nichts anderes übrig. Da hock ich dann und seh mir die Leute an, mit ihren Handys und Smartphones und Tablets, die sich für nichts anderes interessieren, und frag mich ernsthaft, was aus der Menschheit mal werden soll. Vor allem über die mit den E-Books wunder ich mich. So ein Teil ist doch sowas von seelenlos. Während ein Buch, das hat für mich was Sinnliches. Ein Buch hat für mich eine Seele.“
„Du bist absolut von gestern“, lachte Hannes. „Den E-Books gehört die Zukunft. Buchläden werden überflüssig, Hugendubel kann dichtmachen. Und ich überlege mir auch, so ein Teil anzuschaffen.“
Philip seufzte. Und dann wurde er lebhaft: „Hab ich dir eigentlich mal erzählt, wie ich Steffi kennengelernt hab? Ich bin in der U6. Neben mich setzt sich eine, die zieht aus ihrem Rucksack ein Buch. Der Distelfink von Donna Tartt. Ich bin sofort begeistert von der Frau. Den gleichen Roman habe ich nämlich in meiner Tasche. Ich kram ihn raus, sie sieht es, guckt mich an, als wär ich von einem andern Stern. Wir fangen an zu lachen. Und da sah ich, die Frau ist wunderschön. Wir sind gleich ins Gespräch gekommen, wie genial der Roman wär. Wenn jeder nur in sein E-Book gestarrt hätte, wär das nicht passiert, sie wäre an der nächsten Station ausgestiegen, und mein Glück mit ihr. Ich hab sie dann ins Rischart zu einem Cappuccino eingeladen. Und das war der Anfang. Wetten, dass du null Chance hast, eine Frau kennenzulernen, die sich nur für ihr elektronisches Teil interessiert? Ich setze einen Kasten Bier.“
Hannes nahm die Wette an. Da er selbst gern Krimis las, entschied er sich, um seine Charmeoffensive zu starten, für Arne
Dahls Falsche Opfer. Am nächsten Tag fuhr er mit der U6, sah sich nach einem Opfer um und hatte es schnell entdeckt: Ein junges Mädchen, das sich über ihr E-Book beugte. Hannes setzte sich ihr gegenüber und ließ seinen Rucksack auf ihre Füße fallen. „Entschuldigung, das war keine Absicht.“ – „Hä?“, machte sie, sah kurz auf und starrte wieder auf ihr Teil.
„Verzeihung, darf ich fragen, was Sie gerade lesen?“ – „Dürfen Sie nicht. Frage ich Sie vielleicht, was sie heute Morgen gefrühstückt haben?“
„Dürfen Sie gerne.“ Hannes zog seinen Krimi heraus. „Arne Dahl. Hab ich zu meinem Kaffee verschlungen, irre spannend. Das sollten Sie unbedingt …“ – „Sie nerven“, sagte sie, ohne aufzusehen.
„Das war nicht meine Absicht. Aber darf ich raten, was Sie so fasziniert? Ich tippe auf den Distelfink von Donna Tartt. Das soll ja ein ganz fantastischer Roman sein.“ – „Lassen Sie mich in Ruhe.“
Ihr giftiger Blick suggerierte ihm die Vorstellung von zwölf Flaschen Bier, die gerade in Philips Kühlschrank verschwanden. Aber noch gab er nicht auf.
„Eine letzte Frage“, er lächelte charmant, „warum lesen Sie nicht ein richtiges Buch? Eins zum Anfassen. Das ist doch viel sinnlicher.“ – „Mit Ihrer Sinnlichkeit gehen Sie mir auf den Geist. Außerdem sind Bücher von gestern. Und jetzt hören Sie auf mit Ihrem Gelaber.“
„Vielleicht haben Sie recht. Bücher sind von gestern. Aber Arne Dahl ist nicht von gestern.“ – „Krimis interessieren mich nicht. Ich lese Klassiker, Dostojewski und Tolstoi, wenn Ihnen das ein Begriff ist.“ Sie schaltete ihr E-Book aus und verstaute es in ihrer Tasche.
„Arne Dahl ist ein Klassiker“, sagte Hannes. „Der Klassiker unter den Krimiautoren. Ich würd es Ihnen gern mal leihen.“
Sie nahm das Buch und beäugte es. „Sind Sie vom Meinungsforschungsinstitut? Oder warum sind Sie so lästig?“
„Nein“, beteuerte er. „Ich finde es einfach nur toll, dass Sie sich für Klassiker interessieren. Deswegen würde ich Sie gern näher kennenlernen.“
Sie stand auf. „Ich muss raus. Da haben Sie Ihr Buch!“
Hannes winkte ab. „Ich schenke es Ihnen. Wollen wir uns morgen im Rischart treffen? Und Sie sagen mir, ob Sie vielleicht Ihre Meinung geändert haben? Um ehrlich zu sein, ich würde Sie einfach gern wiedersehen.“
Jetzt lächelte sie. Hannes triumphierte innerlich und holte im Geiste seine Bierflaschen wieder zurück.
„Morgen um zwölf im Rischart? Sie kommen?“ – „Ja“, sagte sie, „ich komme.“
„Wie heißen Sie?“ – „Das verrat ich Ihnen morgen.“
Sie stieg aus, lächelte ihm durch die Scheibe zu und ging beschwingt den Bahnsteig hinunter. Er sah ihr nach, wie sie das Tuch fester um ihre Schultern zog. Wie sie sich mit jemandem unterhielt. Weiterging.
Plötzlich stoppte. Umkehrte.
Hannes’ Herz machte einen Sprung. Dann sah er, wie sie den Krimi aus ihrer Tasche zog, ihn über einen Papierkorb hielt. Wie sie zögerte. Und ihn kurz entschlossen fallen ließ.
Hannes sprang auf, um seine falschen Opfer zu retten. Aber da schloss sich die Tür und die U-Bahn fuhr los. Er fluchte. Die Wette hatte er verloren. Und die Anschaffung eines E-Books würde er sich auf jeden Fall nochmal überlegen. Sonst würde er immer, wenn er das Ding in der Hand hatte, an seinen eben erlittenen Misserfolg denken. Und das musste nun wirklich nicht sein.
Gudrun Golch