[LiSe 10/14] Kurzgeschichte: Sonnenwasser

Ein Himmel, zum Zerreißen gespannt. Der zitternde Horizont, der Hügel, hinter dem sie ständig das Meer zu sehen glaubte, das leise Summen im Gras – das alles erinnerte sie an einen Film. Die unerträgliche Helligkeit hinderte sie daran, sich zu entspannen und ruhig zuzusehen. Von dem grellen Sonnenlicht taten ihr die Augen weh.

Auf der Leinwand waren nur sie und der Hund, aber das Mädchen wusste – jemand führt einen Film vor, und sie hat keinen Einfluss darauf. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Die kleinen Lebewesen – Insekten – gaben weiter ihre Laute von sich. Das Hin-und-her-Huschen der Eidechsen war ein Teil des Stummfilms. Der Wind machte gerade Mittagspause, und es gab niemanden, der die Wäsche auf den Leinen und die Markisen vor den Fensterscheiben zum Flattern gebracht hätte.

Es war ihr auch früher manchmal so vorgekommen, als wäre nichts real. Der Film lief, und das Mädchen konnte sich von der Seite sehen. Immer noch siebzehn Jahre alt, in ihrem Kleid, mit Sommersprossen im Gesicht. Um ihre Fesseln rankten sich wie Efeu die Riemchen ihrer Sandalen. Eine solche Leere hatte sie mitten in der Stadt noch nicht erlebt.

Es kann doch nicht sein, dass alle am Strand sind und die Häuser deshalb leer stehen? Diese Gärten, Stühle und aufgespannte Sonnenschirme, unter denen niemand sitzt. Als wäre etwas passiert, und die Menschen wären verschwunden, das Leben aber geht ohne sie weiter. Aus keiner einzigen Küche hörte man das Klappern von Geschirr, die Rufe von Kindern, Gespräche.

Sie blieb stehen und suchte nach einem Vogel oder einem anderen Geschöpf, das sich nicht in seinem Loch verkrochen und keine Angst davor hatte, sich draußen, in dem schaukelnden Zenit zu zeigen. Sie entdeckte nichts und niemanden. Die Zypressen am Wegrand waren in die Glut dieser Stunde gespießte Fische. „Charly, Charly, komm zurück! Hierher!“ Ihre Stimme klang dumpf, der Hund hörte sie und blieb neben ihr stehen .

Sie erinnerte sich an die heißen Tage ihrer Kindheit. Die steil abfallende Wiese, wo ihre Großmutter die heruntergefallenen Pflaumen auflas, zwischen all den Kräutern und Blüten. Sie spielte im Schatten eines Baumes mit dem Rücken zum Wald. Und alles war saftig und grün.

Hier gab es nicht ein Neutron jener Atmosphäre. Es war ein irrealer, betäubender Sommer. An der Grenze des Lebens. Bei all dem Licht wurde sie das Gefühl nicht los, dass sein schwarzes Auge sie von irgendwo her beobachtete. Seine lautlosen Schritte kamen bald näher, bald entfernten sie sich und verwandelten sie von einem jungen Mädchen in eine alte Frau.

Die Gebäude, die kleine Kapelle, sie selbst, alles wurde von den Sonnenspitzen durchdrungen. Sie gingen mitten hindurch, so dass es keinen Zentimeter Schatten gab. Alles stand für sich allein. Im hellen Schein seines Schmerzes. Solche Einsamkeit kannte sie nicht. Sie weckte einen unstillbaren Durst, obwohl sie immer wieder aus der Flasche mit Sonnenwasser trank.

Charly näherte sich der Stelle, an der er sonst sein Revier markierte, kam aber schnell wieder zurück. Die junge Frau spürte jetzt nicht mehr, dass hinter der nächsten Anhöhe das Meer auftauchen würde. Es kam ihr so vor, als gähnte dort ein Abgrund, in dem es einmal Wasser gegeben hatte, das längst in den Furchen der Erde versickert war. Seit einer knappen Stunde bewegten sie sich auf der bekannten Strecke mit diesem unbekannten Gefühl. Geht es dir auch so, Hündchen, flüsterte sie. Du bist der einzige weiße Schatten in dieser Welt. An diesem blendenden Nachmittag gab es nichts zu entdecken. Alles war längst offenbart .

Ihr Blick stieß gegen eine schwankende Mauer aus Luft und prallte daran ab. Irgendetwas bewegte sich dort. Etwas war geschehen und hatte die Luft zum Beben gebracht. Jene tiefe Vorahnung einer Bewegung, irgendein rätselhaftes Band spulte sich ab, verdrehte die offensichtlichsten Dinge und zeigte ihre verborgenen Seiten. Und allein die Sehnsucht des Mädchens nach einem Windhauch wehte die Eidechsen wie trockene Halme vom Weg.

Kurz bevor sie den absurden Wohnblock erreichten, in dem sie gewöhnlich verschwanden, hielt ein Auto neben ihr. Am oberen und unteren Ende der Straße herrschte völlige Leere. Woher und wie diese schwarze Limousine mit ihrem metallischen Glanz unter dem Himmel aufgetaucht war, wer am Lenkrad saß und warum sie anhielt – sich das zu fragen, blieb dem Mädchen keine Zeit. Sie verfolgte das Geschehen wie auf einer Leinwand, mit leicht zusammengekrampftem Magen und erwachter Neugier.

Das vordere Seitenfenster glitt langsam nach unten, eine grazile Guillotine. Ein Kopf mit üppigem, von Gel gebändigtem Haar erschien. In ihren Augen ein Feld mit Olivenbäumen. Ein Gesicht unbestimmbaren Alters mit dunkler Brille verzog die Lippen zu einem Lächeln. Sie fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“

An dieser Stelle reißt der Film. Im letzten Bild sitzt ein kleiner Hund auf dem Bürgersteig und wartet.
Tania Rupel-Tera

[LiSe 10/14] Lyrische Kostprobe: Tobias Roth – Tantalus

Kohlmeisen nisten in der Wand meines Hauses,
Seit der Wind wieder sanfter die Fassade –

Sie sind es,
Die Angelo Polizianos Frühlingsgedichte erfüllen,
Nicht wir.

Sie sitzen auf den Polsterquadern
Und springen und lassen sich
Fallen.

Hinter den Fenstern,
Meine Hand lag schon auf ihrer Hüfte;
Dann zog sie sich zurück.

proiecta vilior alga
Vergil, Bucolica, VII, 42

 

[LiSe 10/14] Literarische ÜbersetzerInnen (Folge 4)

Übersetzen ist wie Musizieren
Burkhart Kroeber, die deutsche literarische Stimme von Umberto Eco und Italo Calvino

Einen Riesenerfolg auf dem Büchermarkt zu landen, davon träumt jeder Verlag. Dass es ein 600-Seiten-Roman werden würde, der in einem mittelalterlichen Kloster spielt und der vordergründigen Handlung um ein paar handfeste Morde die gelehrten Auseinandersetzungen um den Armutsstreit zwischen Papsttum und Bettelorden beimischt, war so nicht vorhersehbar. Doch als Burkhart Kroeber das Debütwerk des Semiotikprofessors Umberto Eco noch als unkorrigiertes Fahnenexemplar in die Hände bekam, wusste er: „Das Buch will ich machen. Es hat mich gereizt, wegen der Vielfältigkeit der Themen und der Weltklugheit, die drinsteckt.“ Inzwischen ist Der Name der Rose weltweit millionenfach erschienen und er als Übersetzer italienischer Literatur eine Kapazität.

Mit Eco hat also alles angefangen, doch nur weil Kroeber „eine unbezähmbare Lust, ein fast sinnliches Verlangen danach“ verspürte, traute er sich an die Übersetzung. Denn seine Voraussetzungen waren nicht die günstigsten. Bis dahin hatte er nur Sachbücher aus dem Französischen, Englischen und Italienischen übersetzt und keine Erfahrung mit einem narrativen Text. „Da der Roman aber gesättigt ist mit historischem, philosophischem, denkerischem Material, wusste ich dank meiner Erfahrung mit Sachbuchtexten, wie man recherchiert. Und einmal den Ton gefunden, floss die Übersetzung so dahin, da die Sprache relativ homogen ist – der Erzähler ist ja ein greiser Benediktinermönch, der sich eine dramatische Woche aus seiner Jugendzeit in Erinnerung ruft.“ Auch Kroebers Leben wurde durch Eco verändert. Als Sachbuchlektor im Hanser-Verlag hatte er einen sehr begehrten Posten inne und nach seinem Studium der Ägyptologie und Romanistik die Jahre als „unabhängiger Literaturarbeiter“ eigentlich hinter sich. Nun setzte er alles auf eine Karte und wurde wieder freier Übersetzer.

Das war 1982. Seitdem hat er zwei Dutzend weiterer Bücher von Eco übersetzt, neben den fünf anderen Romanen auch Essays, Reportagen, Glossen, Parodien und Travestien, und war in diesen 32 Jahren mit dem geistigen Weg seines Autors so gut wie nie uneins. „Eco vertritt ja Meinungen, und denen konnte ich politisch folgen. Hätte er plötzlich einen rechtskonservativen oder irgendwie fundamentalistischen Weg eingeschlagen, wie es ja bei anderen Intellektuellen vorkommt, hätte ich den nicht mitgehen können. Man muss das Buch, das man übersetzt, auch mögen, sonst gibt man sich nicht die nötige Mühe. Das ist wie bei einem Musiker, der eine Sonate interpretiert. Er muss ein Gefühl dafür entwickeln, sonst wird das nichts.“ Sich vorher eingehend mit dem Autor zu befassen, seinem Leben, seinen Vorlieben, Abneigungen, Lektüren, ist für Kroeber hilfreich, aber keine Bedingung. „Eco setzt sich sehr gerne mit seinen Übersetzern auseinander bzw. zusammen. Doch es gibt gar nicht wenige Autoren, die niemanden an sich ranlassen, mit denen man nur über ihre Agenten kommunizieren kann. Und was Zitate oder Metaphern etc. anbelangt, da überlässt Eco es seinen Übersetzern, neue Bilder zu erfinden. Er will geradezu, dass etwas Neues kreiert wird.“

Neben Eco ist Kroebers Lieblingsautor Italo Calvino. „Der ist makellos, nicht wortreich, nicht geschwätzig, alles ist von einer kristallinen Klarheit. Da stimmt der Rhythmus, die Tonlage, die Klangfarbe, jedes Komma steht am richtigen Platz und hat seine Bedeutung. Calvinos Texte sind phantasievoll, nicht vorhersehbar, nie könnte man sagen, das kenne ich jetzt. Und er lässt seine Figuren für sich sprechen – am liebsten wäre es ihm gewesen, als Autor ganz zu verschwinden.“ Weil Calvino jeden Satz, jede Wortstellung sehr genau bedacht habe, sei es schwer, ihn adäquat zu übertragen. Wenn man das nicht berücksichtige, lese sich der Text holprig. Man müsse ihn musikalisch übersetzen, der Ton sei mindestens so wichtig wie der Inhalt. „Ist der Text für den deutschen Leser genauso verstehbar wie für den italienischen, dann habe ich es richtig gemacht. Man nennt das im Fachjargon Wirkungsäquivalenz, die Übersetzung soll die gleiche Wirkung erzielen wie das Original.“ Diese „Originaltreue“ brachte Kroeber neben vielen anderen Auszeichnungen 2011 den renommierten Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis ein, und zwar genau für ein Buch von Calvino. Auch bei seiner Neuübersetzung von Alessandro Manzonis Roman I promessi sposi – von Kroeber entgegen dem bisher üblichen Titel Die Verlobten weit passender mit Die Brautleute übertragen – war es sein Ziel, ja sein Ehrgeiz, jeden Satz möglichst genau dem Original nachzubilden. So ließ er vor allem Manzonis lange Satzperioden bestehen, die er einem an Kleist und Thomas Mann geschulten deutschen Publikum durchaus zumutbar fand. Desgleichen wollte er Manzonis unterschwellige bittere Ironie herausarbeiten. Und das ist ihm offensichtlich gelungen, die Kritiken sprechen von einer glänzenden Neu-übersetzung, hart und witzig, dort wo es angebracht ist.

Kroebers offensiv vorgetragene These, dass Übersetzer Zweitautoren sind bzw. Übersetzungen zwei Autoren haben, versteht sich als Beitrag zum Kampf gegen das Schattendasein der meisten seiner Kollegen. „Es ist ein langer Kampf um Gleichberechtigung, aber langsam wird’s besser. Eigentlich gibt es eine ganz einfache Lösung, um das leidige finanzielle Problem zu lösen. Wie einst auf jedes Kilowatt Strom ein sogenannter Kohlepfennig erhoben wurde, sollte jedes übersetzte Buch mit einem kleinen Aufpreis belegt werden. Als ich das vor gut zehn Jahren in einem Artikel für die FAZ schrieb, dachte ich, dass es zu einem Aufschrei der Verlage kommen würde. Aber die haben mich einfach totgeschwiegen.“
Katrina Behrend Lesch

[LiSe 10/14] Glückwunsch an das MLB

Im Waschsalon der Lyrikfront

Lesen in der Milchstraße, in einem „Büro“ der Literatur? Für mich als Jungautor vom Land in den Achtzigern ein kleines Abenteuer, so groß wie etwa im Kindergarten eine Halbe H-Milch auf Ex trinken. Zugegeben, auch mir schlug das Herz geschwind beim ersten Mal: Mehr kleiner Laden als Büro, angelaufene Schaufensterscheiben. Dahinter ein gutes Dutzend Diskutanten, viel Bärte und strubbeliges Haar, Bierflaschen schwenkend und Mienen, ernster als bierernst, wild gestikulierend, halb verschlafen, halb verschult. Auf dem improvisierten Schafott: ein junges Ding wird abgefragt. So schön und blond und zart im Mini mit viel Herz und Schmerz auf dem Papier. So hart verbal beharkt, mit nackter Angst im Ton, so ungeschützt, zerbrechlich – ausgesetzt dem ganzen Spott von jedem x-beliebigen Lyriklehrergott.

Doktor P. z. B. steckt noch in Cord-Pantoffeln, Unpromovierte in ihren Birkenstocks. Und aus Sockenlöchern spitzen scharfe Zehennägel. Die Helden laden ihre Waschtrommeln, packen die Anfängerin am Schopf und waschen ihr den Kopf. So lange Schleudergang, bis ihr alle Tränen ausgepresst sind und die Stimme den Dienst quittiert im Waschsalon der Lyrikfront. Ganz aufgelöst ist sie auf und davon, und ich wär’ ihr am liebsten nach. Aber bin, wie sich’s für einen braven Jung-AuTor gehört, solange sitzengeblieben bis ich endlich selbst dran war. Auf geht’s beim Schichtl! Vorwaschgang! Mir ist die Muffe ordentlich gegangen. Aber weil ich mich beim Lesen die ganze Zeit still gefragt hab, ob man die Milchstraße besser mit Hausschuhen oder mit Schuhsocken betreten sollte, ist mein Kopf oben geblieben. Deshalb bin ich in Jesuslatschen wieder gekommen: zur Klarspülung.
Anton G. Leitner

[LiSe 10/14] Das Vorbild war die Gruppe 47

Das Münchner Literaturbüro feiert seinen 30. Geburtstag mit Lesungen, Büchertagen sowie Werkstatt- und Lyrikpreis

Ein Stuhl, ein Tisch, eine Lampe: Eine junge Frau nimmt Platz, streicht zwei Papierbögen glatt und beginnt vorzulesen. „Heimatliebe“ heißt der Text, eine schnörkellose Geschichte über eine Dreiecksbeziehung. Nach zehn Minuten ist der Vortrag vorbei – so wollen es an diesem Abend die Regularien vom Münchner Literaturbüro (MLB), das zu seiner 1719. Lesung eingeladen hat. 1719 – das dürfte Münchner Rekord sein. Seit 30 Jahren veranstaltet das MLB in Haidhausen (offene) Lesungen, Lyrikwettbewerbe oder Büchertage und gehört damit zu den Säulen des Münchner Literaturbetriebs.

Anders als bei Poetry Slams, bei denen das Publikum per Applaus Noten verteilt, geht es in den MLB-Räumen in der Milchstraße 4 differenzierter zu: Es sind moderierte Lesungen mit Werkstattcharakter, mit noch nicht veröffentlichten Texten im Diskurs mit dem Auditorium. Nach dem Vortrag von Prosa und Lyrik wird sachkundig kritisiert oder gelobt, mal engagiert oder spröde, mal pauschal oder detailverliebt, mal geschäftsmäßig oder humorvoll. „Nehmen Sie die innere Bügelfalte weg“ heißt es da aus dem Auditorium. Oder: „Das sind alles Teflon-Geschichten, da bleibt nix hängen“. Oder: „Das war eine schöne, schlicht erzählte Story“. Knapp 40 ZuhörerInnen sind es bei diesem 1719. Abend, Stammgäste und Newcomer sitzen eng aneinandergereiht auf Klappstühlen, nippen an einem Glas Wein und lauschen den vorgetragenen Texten. „Unser Modell war die Gruppe 47, wir wollten einen basisdemokratischen Umgang mit Literatur“, erinnert sich Petra Lang, langjährige Vorsitzende, und Josef Rohrhofer, derzeit Vorstand des Literaturbüros, ergänzt: „Das entsprach in den frühen 80er Jahren durchaus dem Zeitgeist“ – schließlich entstanden damals Literaturbüros in Freiburg, Hamburg oder Berlin.

Seit 1984 haben Hunderte von bekannten und weniger bekannten Autoren in der Milchstraße gelesen; zu den Renommierten gehören unter anderem Wolfgang Bächler, Wolfgang Koeppen, Herbert Rosendorfer, Asta Scheib, Gerhard Köpf, Christian Enzensberger, Marianne Hofmann, Joseph von Westfalen, Ralf Bönt oder Anton G. Leitner (siehe auch nebenstehenden Kasten). Sie alle saßen auf dem „elektrischen Stuhl“, wie der Platz am Tisch neben dem Moderator scherzhaft genannt wurde. „Die Kritiken im MLB wirken“, sind sich die Organisatoren des Literaturbüros sicher. „Das zeigen die vielen Veröffentlichungen in renommierten Verlagen, Stipendien oder Preise“. Einen (unfreiwillig) bleibenden Eindruck hatte die Milchstraße auch beim Ost-Berliner Ministerium für Sicherheit (MfS) hinterlassen: Ein IM hielt in den Stasi-Akten fest, dass das Geld beim MLB nicht reiche und das Literaturbüro „schlecht organisiert“ sei.

Von „schlechter Organisation“ kann wohl kaum die Rede sein angesichts der Fülle von Lesungen, Wettbewerben, Fachgesprächen, Diskussionen und der Herausgabe etlicher Anthologien und Publikationen, die das MLB – natürlich alles ehrenamtlich – auf die Beine gestellt hat. Schon vor der Gründung des Vereins MLB hatte es im Haidhausen-Museum Werkstattgespräche zwischen 1978 und 1984 gegeben, 1980 folgten die ersten Haidhauser Büchertage – doch in feste Bahnen brachte Gründungsvater Kay Ken Derrick all diese Aktivitäten erst, nachdem das Literaturbüro 1984 ein eingetragener Verein mit einer festen Bleibe in der Milchstraße geworden war, der seitdem vom Kulturreferat des Stadt München finanziell unterstützt wird.

Die Freitagslesungen, die Haidhauser Büchertage, der Haidhauser Werkstattpreis und der Lyrik-Preis München – das sind die inhaltlichen Schwerpunkte, die sich das MLB seit Jahren setzt. Daneben haben das Büro oder seine Protagonisten immer wieder Publikationen und Anthologien herausgebracht, so etwa das „Literatur –Bulletin“, die Zeitschrift „Torso“ oder „Ausser.dem“. Vor vier Jahren erschien der Band „schöneböse Kindheit“, ein Textsammlung von 50 Geschichten aus der Kindheit. Diese Anthologie von MLB-Mitgliedern und anderen Autoren wurde allein in München auf 20 Lesungen vorgestellt. Die Büchertage gingen bislang 27 Mal über die Bühne, gedacht sind sie als Forum für Münchner Kleinverlage, Literaturzeitschriften und Autorengruppen, die sich in Lesungen vorstellen können. Diese Chance genutzt haben unter anderem die SchreiberInnen der Münchner Zeitschrift BISS.

Den Lyrik-Preis München gibt es seit 2010, er wurde ins Leben gerufen von Stein Vaaler, Hans-Karl Fischer und Kristian Kühn. Die Vorrunden laufen in der Milchstraße, die Endausscheidung geht einmal im Jahr im Gasteig über die Bühne, wo eine Fach-Jury den mit 1000 Euro dotierten Lyrik-Preis München vergibt. Dazu erklärt MLB-Vorsitzender Rohrhofer: „Ohne die Förderung durch die Landeshauptstadt München, insbesondere durch das Kulturreferat und durch die Stadtbibliothek sowie die Gasteig GmbH war und wäre die Arbeit des MLB finanziell nicht zu stemmen“.

Während der Lyrik-Preis München in diesem Oktober zum 5. Mal verliehen wird, ist der Werkstattpreis mit dem Moderator Rainer Kegel schon lange volljährig. An elf Offenen Abenden in der Milchstraße wählt das Publikum aus bis zu sechs Beiträgen den Tagessieger, der sich dann mit den weiteren Vorrundenbesten im Gasteig messen muss. Im Vortragsaal der Stadtbibliothek kürt das Auditorium per Stimmzettel den Sieger. Tagessiegerin bei der 1719. Lesung wurde übrigens Miriam Nonnenmacher – ihre Dreiecksgeschichte „Heimatliebe“ fand den größten Beifall. MLB-Tagessieger zu werden, kann Folgen haben: Uwe Tellkamp schaffte das im Jahr 2001, bevor er 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und 2008 mit „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis.
Ina Kuegler

[LiSe 09/14] Rezension: Schamrock I und II

Als Augusta Laar, Alma Larsen und Sarah Ines Struck 2012 das Schamrock-Festival der Dichterinnen auf die Beine stellten, handelte es sich um ein wagemutiges Experiment. 47 deutschsprachige Dichterinnen trugen in der Pasinger Fabrik aus ihren neuesten Werken vor. Das Spektrum reichte von klassischen Formen über themengebundenes Schreiben und lyrische Prosa bis zu Cross-Art-Projekten und Perfomances. Erstmals sollte ausschließlich Frauen eine Bühne im Literaturbetrieb geboten und nicht zuletzt zum Aufbau eines Netzwerks beigetragen werden. Die Ergebnisse sind nun in einer Anthologie erschienen. Vorangestellt ist ihr eine „Gruszbotschaft, etwa“ von Friederike Mayröcker, eine der ganz großen Lyrikerinnen im deutschen Sprachraum. Sie ist selbst mit zwei Texten in der Anthologie vertreten und gab auch das Stichwort für den Titel: „hingerissen in eurer Mitte“. Die Anthologie enthält aktuelle und teils bis dahin unveröffentlichte Werke von Marlene Streeruwitz, Ruth Klüger, Martina Hefter, Tanja
Dückers, Barbara Yurtdas und vielen anderen Dichterinnen, auch aus Südtirol, Finnland und den USA. Sie geben einen Einblick in die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart und stimmen ein in die zweite Ausgabe des Festivals vom 24. bis 26. Oktober in der Pasinger Fabrik (wir berichten ausführlich in der Oktober-Ausgabe der LiteraturSeiten).
Ursula Sautmann

„hingerissen in eurer Mitte. Schamrock-Festival der Dichterinnen 2012“.
Hrsg. von Augusta Laar, Alma Larsen, S. I. Struck.
edition monacensia, Allitera Verlag München 2013, 14,90 Euro, Kalender

[LiSe 09/14] Es droht ein Massensterben von Buchläden

Börsenverein des Deutschen Buchhandels warnt vor den Folgen des Freihandelsabkommens (TTIP)

Interview mit Alexander Skipis

Mehr Wachstum, mehr Jobs, mehr Geld, keine Zölle: das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen EU und USA klingt wie Weihnachten und Ostern zusammen. Seit Monaten wird in Brüssel verhandelt – hinter verschlossenen Türen. Schriftsteller, Verleger und Buchhandlungen befürchten, dass mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens die Buchpreisbindung für gedruckte Bücher und für E-Books gekippt wird. Was das bedeuten könnte, wollten die „LiteraturSeiten München“ von Alexander Skipis wissen, dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Frankfurt).

LiteraturSeiten (LS): Was bedeutet und was bringt eigentlich die Buchpreisbindung?

Alexander Skipis: Die Buchbranche ist ein wichtiger Kulturzweig in Deutschland, der keine direkten staatlichen Subventionen erhält und marktwirtschaftlich organisiert ist. Ziel der Buchpreisbindung ist es, das Buch als Kulturgut vor dem Preiswettbewerb zu schützen. Jedes in deutscher Sprache erscheinende Buch und E-Book hat für mindestens 18 Monate einen vom Verlag festgesetzten Preis. So garantiert die Buchpreisbindung, dass es ein vielfältiges Buchangebot und ein weit verzweigtes Netz an Buchhandlungen gibt. Verlage können durch die Preisbindung eher auch Titel jenseits der Bestseller auf den Markt bringen. Das Ergebnis: Die Titelvielfalt auf dem deutschen Buchmarkt ist eine der größten weltweit. Die Buchpreisbindung sichert so die Qualität und Vielfalt auf dem Buchmarkt und trägt in erheblichem Maße zur Kultur und Gesellschaft in Deutschland bei.

LS: Welche Gefahr sehen Sie in den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen für die deutsche Buchkultur?

Skipis: Da der kulturelle Sektor nicht aus dem Verhandlungsmandat ausgeklammert wurde, stehen beim Freihandelsabkommen die flankierenden Schutzmaßnahmen zur Disposition, die für den Buchmarkt überlebensnotwendig sind. Den großen amerikanischen Online-Firmen wie Amazon, Google oder Apple ist die Buchpreisbindung schon lange ein Dorn im Auge. Ohne Zweifel werden sie sich massiv dafür einsetzen, dass sie zu Fall gebracht wird. Ohne Preisbindung stehen die Vielfalt und die Qualität des Buchmarkts in Deutschland auf dem Spiel. Es würde ein Massensterben von Buchhandlungen eintreten. Das können Sie in allen Ländern ohne Buchpreisbindung sehen. In der Folge würden Verlage nur noch leicht verkäufliche Massenware produzieren, neue Autoren hätten es schwer und den Lesern stünde eine deutlich geringere Auswahl zur Verfügung. Auch die Preise würden letztlich steigen. Auch das sieht man in Ländern ohne Buchpreisbindung. Der Vergleich mit dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt, dass dort der durchschnittliche Buchpreis höher ist als hierzulande. Da die Gespräche zum TTIP hinter verschlossenen Türen geführt werden, ist für die Öffentlichkeit und auch für uns völlig intransparent, ob nun die Preisbindung und urheberrechtliche Fragen Gegenstand der Verhandlungen sind oder nicht.

LS: Die französische Regierung hat darauf gedrängt, die Kultur aus den Verhandlungen auszuklammern. Wie verhält sich die deutsche Regierung?

Skipis: Der Börsenverein hat sich schon zu Beginn der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen vehement für eine kulturelle Ausnahme eingesetzt. Die Bundesregierung hat diese Forderung allerdings in der letzten Legislaturperiode nicht aufgegriffen. In der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung für diese Legislaturperiode ist die Ausnahme für den Kultursektor im Freihandels-abkommen aufgenommen. Deshalb erwarten wir jetzt, dass die Bundesregierung sich auch entsprechend dafür auf europäischer Ebene einsetzt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters macht sich auf europäischer Ebene für eine kulturelle Ausnahme stark, der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich ebenfalls in diese Richtung geäußert.

LS: Bei den Verhandlungen ist offenbar strittig, ob E-Books Kulturgüter oder Dienstleistungen sind. Wenn das digitale Buch nur eine Dienstleistung ist, fällt es dann noch unter den Kultursektor?

Skipis: Sie weisen da auf einen sehr wichtigen Punkt hin. In der Tat sind wir sehr aufmerksam, dass nicht Teile des Kultursektors, nur weil sie nach der Nomenklatur der EU unter „Dienstleistungen“ oder „Telekommunikation und Medien“ fallen, auf diesem Weg doch verhandelt werden.

LS: Warum ist die Buchpreisbindung für digitale Bücher wichtig? Hätte das Ende der E-Book-Preisbindung Auswirkungen auf den Buchhandel, die Verlage, die Print-Bücher, die Autoren, die Leser?

Skipis: Für die kulturelle Bedeutung macht es keinen Unterschied, ob Bücher digital oder gedruckt vorliegen. Der Wegfall der Preisbindung für E-Books hätte fatale Folgen. Deshalb ist die Buchpreisbindung hier genauso wichtig. Auch hier würde ein Preiswettbewerb der Qualität und Vielfalt schaden. Zudem befürchten wir, dass dies auch Einfluss auf die Preisbindung für Print-Bücher hätte.

LS: In Bremen haben Buchhändler gegen TTIP demonstriert und ihre Schaufenster mit Krepp-Papier zugeklebt. Können Sie sich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch andere Protestformen vorstellen?

Skipis: Wir appellieren an unsere Mitglieder, direkt ihre Bundestagsabgeordneten auf das Thema anzusprechen. Zudem sollten sie ihre Kunden und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren. Es kann nicht eindringlich genug darauf hingewiesen werden, welche Konsequenzen das Freihandelsabkommen für unsere Branche haben könnte.

LS: Warum gründen die deutschen Verlage und der Buchhandel keine eigene Online-Plattform?

Skipis: Es gibt solche Plattformen bereits. Ein Beispiel ist buchhandel.de, das aktuell weiter ausgebaut wird. Kunden können darüber E-Books kaufen oder Bücher bestellen und in einer Buchhandlung vor Ort abholen. Der Buchhandel und die Verlage selbst sind hierzulande digital gut aufgestellt und begegnen den aktuellen Entwicklungen mit innovativen Ideen. Inzwischen bieten zwei Drittel der Verlage E-Books an und 80 Prozent der Buchhandlungen haben einen Internetauftritt mit eigenem Online-Shop. Beim Verkauf von E-Books hat die deutsche Buchbranche zudem im vergangenen Jahr mit dem „Tolino“ eine erfolgreiche Alternative zu Amazons Kindle geschaffen. Innerhalb kürzester Zeit ist die Allianz von Thalia, Hugendubel, Weltbild und der Telekom zum schärfsten Konkurrenten des Kindle geworden. Nur ein halbes Jahr nach seiner Einführung lag der Marktanteil des Tolino bei 37 Prozent, gegenüber dem Kindle mit 43 Prozent.
Interview: Ina Kuegler

[LiSe 07/14] Lyrische Kostprobe

Verscheucht wurden sie wie fremdartige Tiere,
Die Scharfsinnigen, geköpft wie
Die Hügelkuppen vom Nebel, sie bauten sich
Woanders die Spiegel des Himmels, und du
Trauerst dem alten Haus nach, aus dem sie flohen.

HANS-KARL FISCHER