[LiSe 03/14] Ein Krieg von bösartiger Sinnlosigkeit

Das Literaturhaus erinnert mit einer Ausstellung an den Schriftsteller und Soldaten Robert Musil

Der Gesang des Todes“ ist die neue Ausstellung des Literaturhauses München über „Robert Musil und der Erste Weltkrieg“ überschrieben. Sie versteht sich als Beitrag zum literarischen Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor hundert Jahren. Der österreichische Schriftsteller war aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt, und er hat seine Eindrücke und Erfahrungen in zahlreichen Texten höchst subtil und manchmal verstörend direkt beschrieben. Die Ausstellung macht die ganz persönlichen Beobachtungen eines Literaten in einer Ausnahmesituation sicht- und hörbar, ergänzt die Eindrücke durch Bilder und Exponate, und hilft mit Begleitveranstaltungen, sich ein Bild zu machen. Einem Urteil über den Schriftsteller und seine Haltung zum Krieg will sich die Ausstellung ausdrücklich verweigern.

„10. Oktober 1915: Der Laut des Geschosses ist ein anschwellendes und, wenn der Schuss über einen fortgeht, wieder abschwellendes Pfeifen, in dem er ei-Laut nicht zur Bildung gelangt. Große Geschosse nicht zu hoch über der eigenen Stellung lassen den Laut zum Rauschen anschwellen, ja zu einem Dröhnen der Luft, das einen metallischen Beiklang hat. So gestern auf dem Monte Carbonile, als die Italiener von der Cima Manderiolo auf den Pizzo di Vezzena schossen und die Panorotta über uns weg auf die italienischen Stellungen. Der Eindruck war der eines unheimlichen Aufruhrs in der Natur. Die Felsen rauschten und dröhnten. Gefühl einer bösartigen Sinnlosigkeit.“ So schreibt ein Mann in sein Tagebuch, der von Kindesbeinen an in Militärschulen ausgebildet wurde und sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. 1915 hat er allerdings auch schon eine Menge anderer als von militärischer Zucht und Ordnung und den Geräuschen des Krieges definierte Erfahrungen gemacht. 1901 absolvierte er, im Alter von 20 Jahren, sein Examen als Ingenieur, studierte ab 1903 Philosophie und Psychologie in Berlin, entwickelte 1906 den Musilschen Farbkreisel und promovierte 1908 über das Thema „Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs“, eines Physikers, der sich mit Fragen der Philosophie auseinandersetzte.

Als Robert Musil 1914 in den Krieg zieht, ist er Reserveoffizier, seit drei Jahren verheiratet und aus Überzeugung in den Südtiroler Bergen, zunächst an der Front, dann in der Etappe. Er erlebt den Gebirgskrieg mit allen Sinnen, und er beschreibt seine Erlebnisse mit Worten, die dem Leser noch heute nahe gehen. „Über ihn schossen sie, Freund und Feind, und er lag zwischen beiden, von beiden verlassen wie Brot, das gegessen ist, von beiden mit der gleichen Herzlosigkeit bedroht. Shrapnels zerrissen die Luft, von Granaten aufgeworfene Erde überstäubte ihn, er konnte nicht flüchten, noch Schutz suchen; eine namenlose Angst, Einsamkeit und Verachtung quälten ihn, machten ihn erstarren, dann verlor er das Bewusstsein“, heißt es in „Ein Gesang des Todes“, und weiter: „Die Kriegsmaschine arbeitete langsam und rostig.“ Die Ausstellung verfolgt die biographischen Stationen und stellt den Bezug her zu den literarischen Beiträgen des Autors in Rahmen von Werkinseln. So wird, als Beispiel, der Fliegerpfeil aus einem italienischen Flugzeug, der Musil nur knapp verfehlt, in der Erzählung „Die Amsel“ verarbeitet.

Die Ausstellung vermittelt, wie ein Beteiligter den Krieg erlebt hat. Karolina Kühn, gemeinsam mit Literaturhausleiter Reinhard G. Wittmann im Kuratorium, lässt den Autor selbst sprechen und den Besucher so ganz nah heran an eine Erfahrung, die viele heute zum Glück nur vom Hörensagen kennen. Musil, das wird eindrücklich gezeigt, war einer von vielen, aber ganz einzigartig in der Art, wie er seine Erlebnisse und Eindrücke in Worte fasste. Und natürlich haben sie auch nach 1918 eine große Rolle in seinem Leben und seinen Werken gespielt, auch wenn er, wie Kühn betont, den Krieg als solchen aus den veröffentlichten Texten eliminiert hat.

„Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben. Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl am drückendsten in Deutschland empfunden“, formuliert Musil um 1918, im Rückblick auf den Kriegsausbruch und die weit verbreitete Begeisterung. Hat Musil seine Beteiligung bereut? War er Militarist? Und wird er zum Pazifisten, als er 1922 schreibt: „Wir waren früher betriebsame Bürger, sind dann Mörder, Totschläger, Diebe, Brandstifter und ähnliches geworden…“? Auf diese Fragen wird jeder Besucher seine eigenen Antworten suchen (müssen).
Ursula Sautmann

Die Ausstellung im Erdgeschoss des Literaturhauses ist Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5/3 Euro (Studierende zahlen an Montagen 2 Euro).

[LiSe 02/14] 8. Münchner Bücherschau junior 2014

Am 8. März ist es wieder soweit und das Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz wird zum Kinderbuch-Eldorado für alle Kinder von drei bis 13 Jahren. Rund 5000 Bücher und Kindermedien stehen bereit zum Schmökern und Entdecken und ein kunterbuntes Rahmenprogramm mit bekannten Autorinnen und Autoren wird für Besucherandrang sorgen. Ergänzend gibt es Sonderausstellungen zu den Illustrationen aus den beiden Bilderbüchern „Die Tränen des Kamels“ von Linda Wolfsgruber und „Frechvogel und Mutkröte“ von Daniela Chudzinski, die auch im Kindergarten- und Schulklassenprogramm lesen wird.

Aus ihren neuesten Büchern lesen Ulrich Hub, Christine Merz, Isabel Abedi, Annette Langen, Benedikt Weber und viele andere. Mit Peter Laufmann erfahren die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer spannende Details über die Migranten der Natur oder die Älteren mit Bestsellerautor David Safier über Widerstand im Warschauer Ghetto. Kinder und Eltern sind bei der Münchner Bücherschau junior wie immer eingeladen mitzumachen! So z.B. am Samstag, 8.3., wenn es heißt „München ist vielsprachig!“ oder bei dem Workshop „Geniale Bauprojekte mit elektronischen Bauteilen“ am Sonntag, 9.3. Es gibt spannende Exkursionen ins Funkhaus des Bayerischen Rundfunks, zum Verlag arsEdition, in die Buchhandlung Lesetraum.de. und in die Münchner Residenz. Spontan mitmachen kann jeder bei dem offenen Werkstattprogramm von Kultur & Spielraum. Es entstehen eigene Bücher oder Bilderbücher werden als Ausgangsmaterial genutzt, um mit Stop-Motion-Technik Kurzfilme und Fotosequenzen herzustellen, die dann bei einer Filmmatinee am 16. März präsentiert werden!

Das tägliche Kindergarten- und Schulklassenprogramm wird ergänzt durch ein Halbtagsseminar „Apps & Co in Kindergarten und Grundschule“ für ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen.

Münchner Stadtmuseum am  St.-Jakobs-Platz vom 8. bis 16. März, täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr

Termine/Karten: www.muenchner-buecherschau-junior.de

[LiSe 02/14] Rezension: Von Köln nach Berlin und zurück

Gisa Klönne, preisgekrönte Krimi-Autorin, hat einen packenden Familienroman geschrieben

Endstation Gewerbepark. Im strömenden Regen liegt der Zugführer Wolfgang Berger erstochen neben seiner abgestellten S-Bahn. Ein angetrunkener Passant, der die Streife gerufen hatte, will gesehen haben, wie ein schemenhafter Mann in dunklem Mantel floh.

Das Areal um den Gewerbepark in Köln gehört zu jenen lieblosen Orten, wie sie nur die Vorstädte der Metropolen bieten können, egal ob Köln, München oder Berlin. Die Großstädte kippen ihren Müll dorthin, genauso wie ihre sozialen Randexistenzen: schlechtbezahlte Arbeiter, Künstler am Existenzminimum, geduldete Exilanten und Huren samt Zuhälter.

Als zwei Tage nach dem Mord noch eine Billigpizzeria in Flammen aufgeht, der Besitzer dabei angekettet verkohlt und eine Prostituierte russischer Herkunft beinahe erstickt, wirft die Suche nach den Tätern und die Querverbindungen beider Fälle immer neue Fragen auf für das ermittelnde Team um die Kölner Hauptkommissarin Judith Krieger. Eine Suche zwischen Abfall und Macht, zwischen Kunst und Ausbeutung, hineingezwängt in ein Köln mit trüben, warmen, verregneten Januartagen.

Mit diesem Setting beginnt Gisa Klönnes preisgekrönter Krimi „Nacht ohne Schatten“, für den sie zu Recht den Friedrich-Glauser-Preis erhalten hatte. Die Journalistin, Politologin, Schriftstellerin und engagierte Frauenrechtlerin Gisa Klönne schreibt seit 2001 neben ihrer Redaktions- und Lehrtätigkeit Kurzgeschichten und Krimis, ist Mitglied der Autorengruppe „Das Syndikat“ und Sprecherin der „Sisters in Crime“. Dass Spannung nicht zwangsläufig an Leichen entlang erzählt werden muss, hat sie nun mit dem 2013 beim Münchner Piper Verlag erschienen Familienroman „Das Lied der Stare nach dem Frost“ bewiesen.

Eine Musikerin, Mitte Vierzig, begibt sich nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter auf die Suche nach ihrer Vergangenheit, die nur als Erinnerungsfetzen vorhanden ist. Dabei spielt die Unklarheit, ob der Tod Unfall oder Suizid war, zusätzliche eine wichtige Rolle. Die Barpianistin Rixa Hinrichs – aufgewachsen in Köln mit Wohnsitz in Berlin – reist in die ehemalige DDR, nach Sellin, Poserin und Klütz, wo sie als Kind immer die Sommerferien bei den Großeltern zugebracht hatte, in ein Land das, monitär ärmer als die BRD, doch soviel reicher an Leben und Gefühl war. Sukzessive findet sie Berichte und Zeitzeugen ihres Großvaters, der als Pfarrer der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit alles andere als ein christliches Vorbild gewesen zu sein scheint. Und langsam gibt die Geschichte ihre Grausamkeiten preis, wie sie in allen Kriegshistorien stecken.

Gisa Klönne gelingen in den Vor- und Rückblenden wunderbare innige Porträts dreier Generationen, die alle gleichsam in Schuld und Schmerz verstrickt sind. Die Frage, ob Erinnerung Wahrheit oder nur Verdrängung anbietet, bleibt dabei offen.

In diesem Jahr feiert Gisa Klönne ihren fünfzigsten Geburtstag. Wir gratulieren und wünschen ihr viel Kraft für weitere erstklassige (Krimi)-Literatur.
Michael Berwanger

Gisa Klönne
Das Lied der Stare nach dem Frost
Roman, gebunden 480 Seiten
Pendo im Piperverlag, München 2013
19,99 Euro

[LiSe 02/14] Kurzgeschichte: Die Schwäne

Der Park war tot. Tot wie der Großvater in der kalten Leichenhalle beim Friedhof hinter dem Wald, wo ich still sein musste, still wie die Toten. Dabei hätte ich gerne gesungen, weil es so gut hallte hier, und den Großvater hätte es sicher nicht gestört.

Gelb war der Großvater. Gelb wie die Kerzen, die ich anzünden sollte in der Kirche. Kalt und dunkel und still war es da, dass es gehallt hat, als ich die Münze in den großen Metallkasten warf. Aber da hatte der Großvater noch gelebt, obwohl alle nur flüsterten, wenn sie über ihn sprachen.

Weiß waren die Hände der Mutter. Weiß und kalt wie die Winterabende, wenn sie das Müdebinichgehzurruh mit mir sprach und sie meine Hände zum Kreuzzeichen an Stirn und Brust und Schultern führte. Weiß wie die Schwäne auf dem Teich waren die Hände der Mutter.

Hart war die Bank hier im Park, wo ich saß und den Schwänen zusah. Hart war die Bank, weil die Mutter fort war. Aber sie würde bald zurück sein und mir Lakritz bringen, weil ich auf sie wartete und brav war und den Schwänen zusah.

Kalt wie die Hände der Mutter war es im toten Park, wo es faul und modrig roch. Ich zitterte und hatte die Arme dicht um die Knie geschlungen und die Nase in den Spalt zwischen die angewinkelten Knie gedrückt. So saß ich und beobachtete die Schwäne: große weiße Segelboote auf dem Ozean.

Dann die Schritte. Schwere Schritte, anders als die leichten Schritte der Mutter. Schlurfende Schritte auf dem Kiesweg des toten Parks, das Knirschen der Kiesel, langsame Schritte, die lauter wurden, näher kamen, immer näher, so ging die Mutter nicht.

Und plötzlich das Keuchen. Keuchende Schritte. Das Keuchen des Großvaters in der Stube, singende Kessel, abfahrende Lokomotiven, der Großvater wenn seine Hand auf meinen Kopf sank, die Hand des Großvaters mit dem Geruch von Pfeifentabak und Seife.

Es war nicht der Großvater. Ein massiger Leib neben mir auf der Bank. Schlaffe Wangen, wässrige Augen, riesige Hände, gelbliche Hände, gefaltet wie die Hände des Großvaters in der Leichenhalle.

Das Zittern war jetzt überall. Mein Atem und meine Knie zitterten vor Kälte und Furcht. Die Schwäne hinter dem Ufergestrüpp: blitzten auf, huschten vorbei, waren verschwunden.

Dann das Blinken. Eine Münze in der Hand des Mannes. Wie ein Zauberer im Zirkus hielt er sie ins Licht, kratzte mit ihr über die abblätternde Farbe der Bank, schob sie zu mir hin, nickte und sah hinüber zum Teich.

„Arme Viecher das. Immer dasselbe. Gehen alle ein, wenn der Winter hart wird. Kümmert sich ja kein Mensch drum. Hinterher sammeln sie die Kadaver ein, damit sich die Leute nicht dran stören.“

Leise sprach der Mann. Seine Augen blickten mich nicht an. Er hustete lange und stand sehr langsam auf. Wieder das Keuchen, wieder die schlurfenden Schritte auf dem Kies, dann hatte das Licht ihn verschluckt.

Schnell die Münze in die Tasche stecken, bevor die Mutter zurück war. Bald würde sie kommen und mich nach den Schwänen fragen. Ich sah den Großvater vor mir und hätte gern gewusst, wie es war, tot zu sein. Ich wollte keine Schwäne mehr sehen, ich wollte die Mutter nicht sehen, ich sehnte mich nach der Sonne und wollte die Augen nie wieder öffnen.
Jürgen Flenker

[LiSe 02/14] Lyrische Kostprobe 2: pergamin

du findest mich
wieder eine windgasse
im haar fern der insel lentigo
und küsst die rücken der
gespenster im gegenlicht

im geäst die dunkelalben
wo sie ihre augen brauen
gegen deine schläfen lehnen
zwischen pergamin

die wiesen versteinern
du fädelst mein haar ein
unter der haut liegt die heimat

Nadia Wünsche

[LiSe 02/14] Lyrische Kostprobe 1

november, richtung fluss/ich laufe langsam/bin müde/grundlos/brunnenvoll
ich frage immer: stein oder schere? stein oder schere?/schwarze tiere hängen
in den bäumen/sind blätter und können nicht fliegen/dort das haus/sehr hoch
hat zwei türme/in die man nicht kommt/jemand öffnet ein fenster/als stießen sich
vögel ab (in flügel geschnürtes) und fielen nach oben/wie in ein sieb.

Janin Wölke

[LiSe 02/14] Büchersammler (Folge 5)

Kunstwerke aus Papier und Pappe

Hubert Kretschmer reist um die halbe Welt auf der Suche nach Künstlerbüchern

Ein Buch ist ein Buch. Die Leserinnen und Leser der LiteraturSeiten werden da sofort zustimmen können. Doch manchmal ist ein Buch eben doch nicht nur ein Buch, sondern mehr als reines Schriftgut. Genau dieser Dimension widmet sich Hubert Kretschmer. Er sammelt Künstlerbücher, die jedes Mal ganz neu und jedes auf seine eigene Weise vom Leser gelesen werden wollen. Und er sammelt allerlei Medien, die in kleinen Auflagen das Licht der Welt erblicken: Flugblätter, Zines (Publikationen), Multiples, Plakate, Zeitschriften… In einem Archiv stellt er seine Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung.

„Sieg“ heißt das Werk, das Hubert Kretschmer immer wieder gern in die Hand nimmt. Es kommt recht unprätentiös und ein wenig unfertig daher. Es besteht aus Pappe und sieht aus wie der Einband eines Buches. Doch es fehlen die Seiten. Keinesfalls aber fehlt es an einer Geschichte. Eine gemalte Faust erzählt sie, auf den vier Seiten des „Einbands“. Denn die Faust, die Christoph Mauler 1991 in fein abgestimmten Grautönen auf schwarze Pappe bannte, sieht auf jeder Seite anders aus und führt das Symbol in seiner bekannten Bedeutung ad absurdum. Die Faust ist nicht heil, der Sieg ist hinterfragt.

Die Werke, die Hubert Kretschmer in seinem Untergeschoss in der Türkenstraße sammelt, sind keine „normalen“ Bücher. Sie fordern mehr als nur Kenntnisse des Alphabets. Sie wollen verstanden werden in ihrer Gesamtheit aus Zeichen, Materialien, Farben und Formen. Wer die Voraussetzungen dieser Art von Schriftgut verstehen will, kann ein ganz normales Buch zur Hand nehmen. Es ist Kretschmers Lieblingsbuch, eine Art Manifest mit dem Titel „Second Thoughts“, das der Mexikaner Ulises Carrión 1980 herausgebracht hat. Es handele sich, sagt Kretschmer, um das wichtigste Buch über Künstlerbücher, es definiere Bücher als „eine Folge von Räumen“.

Gelesen hat Kretschmer schon als Kind gern und viel. Und immer hat er parallel auch selber kleine Heftchen gestaltet, Malbücher gebastelt, Comics gesammelt und Blätter gebündelt. Er wollte die Dinge zusammenhalten. Seine frühen Vorlieben mündeten einerseits in den Beruf des Kunstpädagogen, andererseits in diverse Aktivitäten als Verleger, Sammler und Künstler. Aus „schlechten“ Fotos macht er Bilder, die die Erwartungen des Betrachtenden unterlaufen. Mit seiner Sammlung trat er 1979 an die Öffentlichkeit, im Rahmen von drei Ausstellungen über Künstlerbücher 1979 in der Produzentengalerie in der Adelgundenstraße. Es folgte die Gründung von Verlag & Distribution Hubert Kretschmer. Der Alltag des Sammlers bestand aus Besuchen von Kunstmessen in ganz Europa und bis nach Amerika. Heute schicken ihm die Autoren von künstlerischen Druckerzeugnissen ihre Werke oft ungefragt und kistenweise zu. Die Liebe zu Reisen in Ateliers, Galerien, Buchhandlungen in den Hauptstädten der Welt ist geblieben. Schließlich gilt es, am Netzwerk zu spinnen für Künstler, die alles, was aus Papier oder Pappe ist, gestalten zu kleinen Kunstwerken, zu Werbemitteln in eigener Sache.

In den 70ern und 80ern erlebte diese Art von Publikationen eine Art Hoch-Zeit, in den 90ern entzog das Internet diesem Medium kurzzeitig die Basis, inzwischen, seit etwa 2005, gibt es ein Revival. Die jungen Leute, erzählt Kretschmer, verlangt es wieder nach Sachen, die man in die Hand nehmen kann. Das Ergebnis sind neben Künstlerbüchern Zeitschriften, Flugblätter, Zines, Multiples, Plakate und andere Medien. Kretschmer sammelt und archiviert  sie. Entstanden ist so ein Archiv aus 400 Kartons und 60 Bananenkisten, in denen die Sammelobjekte fein geordnet lagern. Das Online-Archiv  www.archive-artist-publications.eu bietet den Buchkünstlern eine internationale Plattform und dokumentiert ganz nebenbei, aber durchaus mit Absicht, den Zeitgeist und seine Entwicklung. Denn die Druckerzeugnisse stellen Werbemittel der Künstler in eigener Sache dar und spiegeln so die Kunstströmungen der vergangenen drei Jahrzehnte.
Ursula Sautmann

[LiSe 02/14] Kolumne: Dichters Kriegston

1814 war doch jenes Jahr, als Bayern tatsächlich Tirol an Österreich abgab und Napoleon zum Nachdenken nach Elba geschickt wurde. Scrawlen wir weitere 100 Jahre rückwärts und richten unser durch 69 Friedensjahre empfindsam geschliffenes Fernglas auf das Jahr 1714, so sehen wir Österreich in einen seiner Türkenkriege ziehen, und dazwischen, in Frankfurt (a. M.) anno 1759, entdecken wir – Goethe! Den neunjährigen Knaben, wie er verletzte, verwundete und verstümmelte Männer sieht, die durch die Straßen der Stadt am Karfreitag, dem 13. April, zurückgeschleppt werden vom Schlachtfeld in Bergen, dem heutigen Bergen-Enkheim, einen Steinwurf von Frankfurt entfernt. Das elterliche Haus, am Hirschgraben, gerade frisch renoviert, war schon im Januar 1759 von französischen Soldaten besetzt worden. Graf Thoranc, 40, lebte monatelang dort mit seinen Leuten. Der Vater des Dichters entging (als Anhänger Preußens) wegen einer unbeherrschten Äußerung nur knapp französischer Militär-Gefangenschaft und Tod. Dennoch schildert Goethe das alles in leicht amüsiertem Ton, als er es 1810 in „Dichtung und Wahrheit“ zu Papier bringt, und das bleibt auch so.

Die Kanonade von Valmy, die „Campagne“ in Frankreich sollte nicht sehr viel anders bebildert werden, und über die Ereignisse 13 Jahre später – Goethes Weimarer Haus am Frauenplan wurde während der Schlacht Napoleons bei Jena ebenfalls von Soldaten besetzt – schwieg der Dichter sich aus. Die Verwundeten, so wird in Dokumenten berichtet, verbluteten schreiend vor Schmerzen auf dem Schlachtfeld von Jena – die „schöne Literatur“ dagegen wandte sich den strahlenden Siegern zu oder schwieg. Die Qualen der Soldaten, die Schreie von Mann und Pferd wurden wenig beschrieben, wenig gelesen. Der Krieg hatte meist eine gute Presse, seine Schrecken vergaß man schnell, und so mag es schon sein, dass vor 100 Jahren, wie wir jetzt allenthalben lesen, die deutschen Soldaten anfangs von einer Woge der Begeisterung nach Verdun und Allenstein (alias Tannenberg) getragen wurden.

Die deutschen Dichter dagegen teilten im Juli/August 1914 keineswegs, wie heute viele Journale melden, in ihrer Mehrheit Ernst Jüngers Kriegshurra, auch nicht die Münchner wie Heinrich Mann, Feuchtwanger, Brecht, Wedekind; nicht zu vergessen die Österreicher Kafka und Georg Trakl oder weiter im Norden Tucholsky oder Remarque. Rilke fabulierte schmerzergriffen von „Kriegsgöttern“.

„Although it was a clear French victory…Ferdinand was able to slip away…“, so schmerzfrei schildert dagegen English Wikipedia das Gemetzel vor Goethes Haustür anno 1759, in dem Ferdinand von Braunschweig und die Preußen besiegt wurden. Auf Deutsch heißt es zackig : „Verluste: Frankreich 4000; Preußen 2373“.
W.H.