[LiSe 12/18] Rezension: Vierundzwanzig Rechenmaschinen

Von Michael Berwanger

Vierundzwanzig Biedermänner im Dreiteiler, Überzieher und steifem Hut finden sich in Berlin beim Reichstagspräsidenten ein. Es ist der 20. Februar 1933, an dem sich die Führungselite mit Hitler trifft, um das neue System mit altem Geld zu versorgen. Am Ende des Treffens ruft Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank: „Und nun, meine Herren, an die Kasse!“. Schon die Eingangsgeschichte von Vuillards „Die Tagesordnung“ macht deutlich, worum es geht: Um Wegbereiter, Steigbügelhalter und Gewinnler korrumpierender Macht. In 16 kurzen Kapiteln verhandelt Vuillard dieses Thema und allen wird klar: „… der Thron aber bleibt, wenn der kleine Haufen Fleisch und Knochen verschimmelt. … so heißen die Vierundzwanzig weder Schnitzler noch Witzleben … sie heißen BASF, Bayer, Agfa, Opel … Siemens, Allianz … der Klerus der Großindustrie … vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle.“

Èric Vuillard
Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten
Matthes & Seitz
Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Liebe und Zweifel

Von Wolfram Hirche

Eine Ehe in Briefen“ zwischen Theodor und Emilie Fontane von 1852 bis 1898 mit klugen Kommentaren könnte manche bröckelnde Beziehung unter dem Weihnachtsbaum retten. Die beiden Briefschreiber, die sich von Kindheit an mochten, finden trotz heftiger Zweifel immer wieder zusammen. Sie reflektieren sowohl Theodors Reiselust als auch seine berufliche Bindungsschwäche. Emilie ist ökonomisch abhängig und in ständiger Sorge um die gemeinsame Existenz und die ihrer vier Kinder. Sie kritisiert „Theo“ immer wieder heftig, weil er Festanstellungen nach kurzer Zeit kündigt. Als ihr „Herzensmann“ in Frankreich 1870 in Kriegsgefangenschaft gerät, steht alles auf der Kippe. Doch gelingt es Theodor, Zeitungsartikel und später erfolgreich Romane zu schreiben, sodass Emilie immer von neuem Hoffnung schöpft. Die Briefe reichen bis zum Todestag des berühmten Autors.

Emilie & Theodor Fontane
Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles
Eine Ehe in Briefen
320 Seiten
Aufbau Verlag Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Normal und ausgestoßen

Von Slávka Rude-Porubská

Die Früchte sind zwar glänzend, aber steinhart und gänzlich ungenießbar, zum Wegwerfen. Mit dem „Birnenfeld“ zieht Nana Ekvtimishvili in ihrem Roman die Grenze zwischen der Plattenbausiedlung am Rande von Tbilisi und dem Heim für geistig Behinderte; zwischen der Welt der Normalen und der Ausgestoßenen. Hier, in der „Debilenschule“, landen im postsowjetischen Chaos der 1990er Jahre nämlich auch Kinder, die von ihren Eltern verstoßen oder von den Ämtern als schwer erziehbar abgetan wurden. Den lieblosen Mikrokosmos lernt man aus der Perspektive der Internatsältesten, der 18-jährigen Lela, kennen. Selbst von klein auf missbraucht von dem verhassten Geschichtslehrer Wano wird sie zur Vertrauensperson für die kleinen Zöglinge, insbesondere den Jungen Irakli, der von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert werden soll. Ein überzeugendes, schonungsloses Debüt mit einer starken Protagonistin.

Nana Ekvtimishvili
Birnenfeld
Aus dem Georgischen von Ekaterine Teti und Julia Dengg
Roman, 221 Seiten
Suhrkamp Berlin, 2018
16,95 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Ist das denn möglich?

Von Ursula Sautmann

Der Wolf ist die Hauptfigur im Debutroman der Schweizerin Gianna Molinari. Aber gibt es ihn überhaupt? Am Ende, und das darf hier verraten werden, ist die Fallgrube für ihn fertig. Eine neue Geschichte könnte beginnen. Die Ich-Erzählerin, Nachtwächterin in einer Fabrik, die geschlossen wird, will das Endgültige nicht anerkennen. Sie beobachtet genau und skizziert, was sie sieht und denkt. Diese Skizzen und dazu ein paar Fotos (man muss auch da genau hinschauen) sind fast das Schönste an dem Buch. Denn auch sie sind vollkommen und zugleich unfertig. Und sie nehmen den Leser mit in Welten, die um die Ecke liegen. „Das Festland ist nicht fest, das Festland bewegt sich, weil die Erdplatten sich bewegen …“, ein Schlüsselsatz in dem Roman: Ein wunderbares Buch für Menschen, die Präzision ebenso lieben wie Fiktion und Magie. 2018 gelangte Molinari mit ihrem Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Gianna Molinari
Hier ist noch alles möglich
Roman, 192 Seiten
Aufbau Verlag Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 11/18] Schönes Babel

Das 9. Literaturfest München vom 14. November bis zum 2. Dezember will nationalistischen Dünkel überwinden und das Miteinander betonen. Mehr als 80 Autorinnen und Autoren stellen sich vor.

Von Ursula Sautmann

Babel, das bedeutet Vielfalt und Überfluss. Babel oder Babylon hat profitiert vom sprichwörtlichen Sprachgewirr, war ‚Tor‘ zur Welt und zweimal in seiner bewegten Geschichte die größte Stadt überhaupt. Doch Babel steht auch für bedrohliche Verwirrung. Wo viele Sprachen gesprochen werden, kann es zu Verständigungsproblemen kommen. Den Organisatoren des Literaturfests geht es um das „schöne Babel“, das Konzert aus Literaturen internationaler Provenienz. Tanja Graf, Geschäftsführerin des Literaturfests und Leiterin des Literaturhauses, betont: „Europa brennt uns auf den Nägeln, die Weichen für die Zukunft unseres Kontinents werden jetzt gestellt.“ Es gilt, die sprachliche Vielfalt zu feiern. (mehr …)

[LiSe 11/18] Kolumne: Ausgeweint

Selbstauflösung, große Sache das! Schwer im Kommen. Müllsäcke, italienische etwa, wie man hört. Oder die Plastik- Milchkapsel, die sich in heißem Kaffee auflöst. Ganz so weit ist es mit dem leblosen menschlichen Körper noch nicht, aber auch er, immerhin – was wäre hier los, wenn er es gar nicht täte!

Doch Schluss mit diesem Novemberthema – richten wir den Scheinwerfer lieber auf den Literaturnobelpreis, den alternativen natürlich, der vor einigen Wochen an die frankophone Dichterin Maryse Condé vergeben wurde von einer schwedischen Spontan-Jury, die sich demnächst wieder selbst auflösen wird. Dadurch kann es gar nicht erst zum Skandal kommen. Bravo! Vorbild war sicher der Deutsche Buchpreis, dessen Jurys nach Wahl der Longlist (20 Romane), Shortlist (6) und First Place sich sofort in alle Winde zerstreuen. Dabei könnte sie sich durchaus noch eine Ehrenrunde gönnen, die Jury 2018, denn ein Roman wurde Nummer eins, der unlesbar ist aber originell – und das muss der Jury erstmal einer nachmachen.  (mehr …)

[LiSe 11/18] Das Künstlerbuch – ein Kunstwerk

AAP Archiv Künstlerpublikationen

Im „Haus der Kunst“ ist Hubert Kretschmers Archiv noch  bis zum 9. Juni 2019 zu sehen.

Von Christine Erfurth

„Autoren schreiben keine Bücher: nein, sie schreiben Texte, die zu gedruckten Objekten werden“, sagt Roger Chartier – ein Satz, der für die Arbeit des Münchner Sammlers Hubert Kretschmer geschrieben zu sein scheint.

Der Künstler, Lehrer und Verleger sammelt seit 1980 vielfältige Künstlerpublikationen und archiviert mittlerweile rund 50.000 Medien aus insgesamt 76 Ländern in der Münchner Türkenstraße. Sein „Archive Artist Publications“ ist aktuell und noch bis zum 9. Juni 2019 (10 bis 20 Uhr) in Form einer beachtenswerten kleinen Ausstellung im „Haus der Kunst“ in der Prinzregentenstraße zu Gast. (mehr …)

[LiSe 11/18] Buchempfehlungen vom Buchpalast

Die Buchhandlung „Buchpalast“ in der Kirchenstraße 5  empfiehlt diese beiden Neuerscheinungen.

Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer
Beck Verlag

In der Woche der unabhängigen Buchhandlungen wird der Buchpalast zur Bühne seiner Palastschätze. Am Autorensamstag (3.11.) können Sie bei uns mit der Kunsthistorikerin Susanna Partsch ins Gespräch kommen. Ihr erhellendes Buch über die Kunst der alten Meister fesselt wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail im rasanten Wechsel. Ein Buch mit Weihnachtsgeschenkpotential für Jung & Alt, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte. (mehr …)