[LiSe 07-08/26] Das ganz große Drama

Die literarische Verwertung des Fußballs hat eine lange Tradition, die über alle Genres hinweg bis zur diesjährigen Weltmeisterschaft reicht.

Von Markus Czeslik

„wenn er beim eckball wie / eine blonde katze aus dem / tor stürmt auf einer welle / der begeisterung durch die / blauen lüfte fliegt …“

So dramatisch klingt die Ode, die Albert Ostermaier dem damaligen Titan im deutschen Tor, Oliver Kahn, aufs Fußball-Trikot schrieb („Flügelwechsel, Insel 2014). Es ist nicht überliefert, ob der Münchner Autor auch Kahns Nachfolger Manuel Neuer eine Ode singen wird. Aber überliefert ist, dass Fußball und Pathos eine perfekte Symbiose eingehen. Deutschlands Volkssport Nummer 1 gleicht – so der Buchautor und Sportjournalist Christoph Biermann – einer „Schicksalsaufführung“. Dies umso mehr, wenn 48 Nationen um die Weltmeisterkrone kämpfen. Ein Drama aus Schweiß und Tränen, Erlösung und Verzweiflung, bei dem Mythen geboren und Träume beerdigt werden. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Kolumne: Zehn wackeln froh

Jetzt sieht man sie wieder allerorten. Jetzt kommen sie wieder nach draußen, ans Licht, dürfen zappeln und tief einatmen, sind frei und sockenlos: die Zehen. Wie die sich so – ob lang, kurz, dick, dünn, krumm, gerade, sauber, schmutzig, gut oder schlecht gelaunt, lackiert oder ungeschminkt – nach langer Dunkelheit aus den Sandalen, Flip-Flops oder sonstigen Schlappen nach der Sonne recken, erinnert natürlich an den Gefangenenchor aus Beethovens Fidelio. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Lyrische Kostprobe

So tanzt ein Luftikus
Friedrich Ani, geboren 1959 in Kochel am See, erhielt unter anderem sieben Mal den Deutschen Krimipreis. Mit „Drüben tanzt ein Luftikus“ legt der Autor 141 Tanka vor. In dieser klassischen japanischen Kurzgedichtform (5 Verse, 5-7-5-7-7 Silben) erzählt er von Herkunft und Familie, vom Älterwerden und von Kindheitserinnerungen, von Natur und Stadt, von Verlust und Liebe und politischer Gegenwart. Die Gedichte in ihrer Verknappung und scheinbaren Schlichtheit sind von biografischen Spuren durchzogen und zugleich thematisch breit gefächert.                  red

Flickst unsre Nähe
wenn mein Wegsein sie zerriss
Bald komm ich wieder
Dann beginnt das Nahsein neu
Jubel liebste Näherin
* * *
Wer jetzt zu Haus bleibt
wird im Winter finster sein
Heute Herbstlicht satt
Eiskaffee in den Cafés
Drüben tanzt ein Luftikus

Friedrich Ani:  Drüben tanzt ein Luftikus
141 Tanka
Hardcover, 184 Seiten
Allitera Verlag München 2026
20 Euro

[LiSe 07-08/26] „Was liest du denn da?“ (Folge 6) Ein Toter, vier Verdächtige …

Von Ursula Sautmann

Spätabends auf dem S-Bahnhof am Marienplatz, hinter mir liegt ein erbauliches Konzert, vor mir eine meist wenig erbauliche Heimfahrt. Ich muss warten und finde einen Sitzplatz neben einem jungen Mann, grauer Hoodie, weite Jeans, Sporttasche. Er ist vertieft, so vertieft, dass er den Blick nicht lösen kann. Das Buch liegt auf seinen Knien, er sitzt so tief gebeugt, dass ich unmöglich auch nur eine Ecke des Buches sehen kann. Endlich, er schaut kurz auf, ich kurz um die Ecke: „One of us is lying“, lese ich. Mein erster Gedanke: Oh Schreck, Englisch! Ich sollte nicht so schreckhaft sein. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Kurzgeschichte: Dieser Mann beobachtet uns

Von Emil Hinterstoisser

Dieser Mann beobachtet uns, sagte Josefine. Dieser Mann mit den dunklen, langen Haaren und dem dunklen, langen, vollen Bart hatte eine Kurve um uns gemacht, dabei grüßend genickt und sich nahe von uns ins Gras gesetzt, zu nahe, wie Josefine fand, und nicht nur Josefine fand das, auch ich fand, dass er sich zu nahe zu uns ins Gras gesetzt hatte. Er saß nicht frontal zu uns, nein, ich würde sagen, er saß in einem Winkel von etwa fünfunddreißig Grad zu uns, doch wenn er seinen Kopf um fünfunddreißig Grad drehte, blickte er frontal zu uns, was er gerade tat, als ich zu ihm hinüberblickte, und so blickten wir uns kurz in die Augen, ehe er seinen Kopf drehte, in welche Richtung und um wieviel Grad weiß ich nicht mehr, jedenfalls drehte er ihn, um nicht mehr frontal zu uns zu blicken. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen diese Neuerscheinungen:

Andréa Ager-Hanssen: Chaos

Hedda hat eine Lebenskrise. Ihre Masterarbeit raubt ihr den letzten Nerv, während sie von ihrem Freund, der ihr eigentlich zu Füßen liegt, schwanger ist. Und dann taucht auch noch ihr Vater wieder auf – Ex-Dotcom-Milliardär, charismatisch, ambitioniert, na ja: größenwahnsinnig und immer gerade so am Rande der Legalität balancierend. In der Folge trifft Hedda eine Reihe semiguter Entscheidungen, denn semigute Entscheidungen liegen nun mal in der Familie, und diese Tradition schreibt sie mustergültig fort. (mehr …)

[LiSe 07-08/26] Empfehlungen der Redaktion – Bücher für den Sommerurlaub

Im Rückspiegel
Die Idee, dass sich zwei alternde „Jungs“ (Ü 60) auf eine Reise zu ihren Wurzeln begeben, ist zugegebenermaßen nicht neu. Aber eine Roadnovel hat immer etwas Verführerisches. Martin Fuchs schickt in seinem Roman „Das endlose Blau“ nicht nur zwei alte Medien-Macker auf den Weg, sondern gesellt ihnen noch eine junge queere Person, die als Anhalter mitreist, und eine Exfreundin dazu, die erfreulich den Blickwinkel der Babyboomer um junge und weibliche bzw. diverse Themen erweitern. Ein geschasster Fernsehredakteur lässt sich spontan von seinem ehemaligen Kollegen, genannt „Chief“, zu einer Rundreise durch die Alpen bis an die ligurische Küste überreden. Beide haben Zeit, genügend Geld und einen protzigen Dienstwagen aus der Abfindung. Der Trip in die Vergangenheit nimmt interessante, manchmal pittoreske Wendungen. Es entsteht dabei das Abbild der westdeutschen Gesellschaft der 1970er Jahre. Dabei ist Fuchs’ Roman kein larmoyanter Abgesang. Eher lässt er uns über eigene Ansichten, Vorlieben und (Fehl-)Entscheidungen nachdenken. Ein sommerliches Lesevergnügen mit Tiefgang.
Michael Berwanger (mehr …)