Von Ursula Sautmann
Spätabends auf dem S-Bahnhof am Marienplatz, hinter mir liegt ein erbauliches Konzert, vor mir eine meist wenig erbauliche Heimfahrt. Ich muss warten und finde einen Sitzplatz neben einem jungen Mann, grauer Hoodie, weite Jeans, Sporttasche. Er ist vertieft, so vertieft, dass er den Blick nicht lösen kann. Das Buch liegt auf seinen Knien, er sitzt so tief gebeugt, dass ich unmöglich auch nur eine Ecke des Buches sehen kann. Endlich, er schaut kurz auf, ich kurz um die Ecke: „One of us is lying“, lese ich. Mein erster Gedanke: Oh Schreck, Englisch! Ich sollte nicht so schreckhaft sein.
„One of us is lying“ ist ein von Anja Galić ins Deutsche übersetztes Buch von Karen M. McManus. Es handelt von fünf Schüler*innen einer Highschool. Einer stirbt, die Polizei geht von einem Mord aus, vier Mitschüler*innen geraten in Verdacht, sie waren dabei, als ihr Mitschüler starb. Die Geschichte wird entwickelt aus den jeweils wechselnden Perspektiven der vier, es gibt zahlreiche Wendungen, ich lerne alle fünf gut kennen: ihre Familienhintergründe, ihre Geheimnisse, ihre jugendlichen Nöte. Und natürlich spielt Social Media eine entscheidende Rolle.
Die Charaktere sind bisweilen reichlich klischeehaft: die reiche Überfliegerin, der arme Drogendealer, der des Dopens verdächtige Baseball-Crack. Und natürlich gibt es eine Liebesgeschichte, toxische Verhaltensweisen, Mobbing, ahnungs- bis gefühllose Eltern und eine zunächst geheim gehaltene homosexuelle Beziehung. Dies alles – das leuchtet auch zwei Generationen später widerstandslos ein – ist durchaus nah an der Lebenswirklichkeit junger Menschen. Ich halte 475 meist spannende Seiten lang durch und wundere mich ein bisschen, dass sich der Highschool-Skandal in Wohlgefallen auflöst, weil die verdächtigen Vier zusammenhalten und sich gemeinsam auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein, und irgendwie beruhigend.
Der Debütroman der Amerikanerin, 2018 auf Deutsch erschienen, ist ein Bestseller und der erste Band einer Trilogie. Es gibt eine Serie, und das kann ich, der Anlage des Werks folgend, nachvollziehen. Ich beschließe dennoch, beim nächsten Mal, wenn ich einen ersten Blick auf das Buch einer lesenden Mitbürgerin, eines lesenden Mitbürgers erhasche, einen zweiten Blick auf ihr/sein Alter zu werfen.
Karen M. McManus: One of Us is Lying
Aus dem Amerikanischen von Anja Galić
Thriller, Hardcover, 448 S., Penguin, München 2018, 20 Euro
In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.
