Im Rückspiegel
Die Idee, dass sich zwei alternde „Jungs“ (Ü 60) auf eine Reise zu ihren Wurzeln begeben, ist zugegebenermaßen nicht neu. Aber eine Roadnovel hat immer etwas Verführerisches. Martin Fuchs schickt in seinem Roman „Das endlose Blau“ nicht nur zwei alte Medien-Macker auf den Weg, sondern gesellt ihnen noch eine junge queere Person, die als Anhalter mitreist, und eine Exfreundin dazu, die erfreulich den Blickwinkel der Babyboomer um junge und weibliche bzw. diverse Themen erweitern. Ein geschasster Fernsehredakteur lässt sich spontan von seinem ehemaligen Kollegen, genannt „Chief“, zu einer Rundreise durch die Alpen bis an die ligurische Küste überreden. Beide haben Zeit, genügend Geld und einen protzigen Dienstwagen aus der Abfindung. Der Trip in die Vergangenheit nimmt interessante, manchmal pittoreske Wendungen. Es entsteht dabei das Abbild der westdeutschen Gesellschaft der 1970er Jahre. Dabei ist Fuchs’ Roman kein larmoyanter Abgesang. Eher lässt er uns über eigene Ansichten, Vorlieben und (Fehl-)Entscheidungen nachdenken. Ein sommerliches Lesevergnügen mit Tiefgang.
Michael Berwanger

Martin Fuchs: Das endlos weite Blau
Roman, 236 Seiten
Achter Verlag, Weinheim 2026
17 Euro

Echte Amerikaner?
Die Geschichte mit dem Titel „Real Americans“ beginnt mit Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die sich in den superreichen Abkömmling einer Pharmadynastie verliebt. Der Sohn aus dieser Beziehung soll über seinen Vater nichts erfahren, forscht aber – erfolgreich – nach. Die Mutter von Lily ist einst aus Maos China geflohen. Auf mehr als 500 Seiten kann man die drei Generationen und ihre Bemühungen, sich im vom Rassismus geprägten Alltag in den USA zurechtzufinden, begleiten. Außergewöhnlich ist die besondere Perspektive einer ursprünglich chinesischen Familie, die Rolle, die gentechnische Experimente spielen, und die magische Fähigkeit, die Zeit anzuhalten. Und wir erfahren, wie es im China der Kulturrevolution ganz konkret und menschenverachtend brutal zuging. Für Spannung sorgt die Situation des Sohns, der für die dritte Generation steht und die Bürde einer wechselvollen Familiengeschichte zu tragen hat. Trotz (oder gerade wegen?) inhaltlicher und stilistischer Schwächen bleibt der Familienroman der Erinnerung an Rachel Khong, geboren in Malaysia und aufgewachsen in den USA, im Kopf und wirft Fragen auf.
Ursula Sautmann

Rachel Khong: Real Americans
Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler
Roman, 528 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Köln 2026
24 Euro

Ein alter Apfelbaum
Nelka, die im Krieg von den Nazis verschleppt worden ist, muss auf einem norddeutschen Gutshof Zwangsarbeit leisten. Ihr Vater hatte Nelka früh im Obstbau unterrichtet, und schon als Kind hatte sie ihm beim Veredeln der Apfelbäume geholfen. Dank dieses Wissens kann sie sich anfänglich der Zudringlichkeit des Gutsverwalters erwehren. 50 Jahre später kehrt Nelka an den Ort ihrer Leiden zurück und will den Täter stellen. In Rückblenden des Erzählstroms werden Opfer und Täter wiederholt von Erinnerungen heimgesucht. Für Nelka ist Erinnern schmerzlich, tröstlich allein der Gedanke an die lebensbejahende, kraftspendende Verbindung mit jungen Frauen während der Sklaverei, die die Autorin in klarer Sprache einfühlsam beschreibt. Als Nelka schließlich dem Täter begegnet, zeigt sie ihm eindrucksvoll die Überlegenheit von Lebensmut und Menschlichkeit. Svenja Leiber gelingt es, Verdrängung von Nazigewalt und das Angehen dagegen greifbar zu machen. Die Idee zum Buch kam ihr durch einen alten Apfelbaum, der – Zeuge der Geschichte – von Zwangsarbeitern gepflanzt worden war. Ergreifend.
Stefanie Bürgers

Svenja Leiber: Nelka
Roman, 200 Seiten
Suhrkamp, Berlin 2026
24 Euro

Feinsinniger Stilist
Mit Pascal Mercier sind wir im „Nachtzug nach Lissabon“ gefahren, wir haben „Das Gewicht der Worte“ gespürt und „Perlmanns Schweigen“ kaum ausgehalten. Der vorliegende Band aus seinem Nachlass versammelt fünf bewegende Erzählungen, die jede für sich an einen existenziellen Kern rühren: ein Mann, der ein Todesurteil fürchtet und seine Zeit davonrinnen sieht. Einer, der vergeblich alte Zeiten heraufzubeschwören versucht, einer, der vor dem Lärm der Zeit ins Lesen flüchtet, bis er es nicht mehr aushält – und einer, der nicht loslassen kann von dem, was über Jahrzehnte sein Heim, sein Leben war. Dazu das Paar, das erkennen muss, wie sich Dankbarkeit über den Fluss der Zeit hinweg ins Gegenteil verkehrt. Es ist die gekonnte Mischung aus Unaufgeregtheit und Bedrohlichkeit, die den Ton vorgibt und diese Schicksale unvergessen macht. Es ist das beharrliche Kreisen um ein zentrales Motiv, das aus immer neuen (allerdings ausschließlich männlichen) Perspektiven beleuchtet wird. Am Ende bleibt die Wehmut, dass Mercier, der feinsinnige Stilist und erzählende Philosoph, viel zu früh aus dem Fluss der Zeit gefallen ist.
Markus Czeslik

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit
Erzählungen, 112 Seiten
Carl Hanser Verlag, München 2026
22 Euro

Vom Lieben und Lügen
Für den verwitweten Übersetzer Eli fühlt sich die Begegnung mit der Cellistin Lia an, als würde er eine kostbare Gabe aus dem längst leer geglaubten Sack mit Gottesgeschenken auspacken. Alles ist da: Nähe, Neugierde und allmählich auch der Mut, sich nach dem Tod seiner Frau Oschra auf eine neue Beziehung einzulassen. Auch der Hund Felix ist da, auf den Eli während Lias Konzertreise aufpassen soll – und dabei versagt …
Der israelische Autor Dror Mishani schafft es meisterhaft, die in der Du-Form erzählte Liebesgeschichte mit Krimi-Elementen zu versetzen und durch das von Eli aufgebaute Lügengebäude auch die Lesenden wiederholt auf falsche Fährten zu schicken. Warum verpasst Eli jede Gelegenheit, die wahre Version über den Abendspaziergang mit Felix zu erzählen? Wie hält seine Verschleierungstaktik den Aufklärungsversuchen der Polizei stand, die wegen möglicher Hunde-Entführung und Erpressung ermittelt? Aus welchen Gründen ziehen wir überhaupt die Lüge der Wahrheit vor? Psychologisch spannend und literarisch äußerst geschliffen umgesetzt.
Slávka Rude-Porubská

Dror Mishani: Nicht
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Roman, 192 Seiten
Diogenes, Zürich 2026
25 Euro

Haiku-verzaubert
Herausgeberin Miki Sakamoto lässt in die intimen Gedanken der Poet*innen eintauchen, die über das Leben schreiben – in einer speziellen, japanischen Dichtform, mitunter der kürzesten der Welt: dem Haiku.
Faszinierend dabei ist, dass einige dieser Gedichte zeitlos sind und noch immer ihre starke Wirkung in der Gegenwart entfalten. Sie stammen teilweise aus dem 6. Jahrhundert und treffen Empfindungen, die von bestimmten Momenten im Alltag ausgelöst werden: einzigartige Schönheit des Fujis, Vielfalt der Natur, Ohnmacht des Alterns, Sehnsucht nach Glücksmomenten, Reflexion über persönliche Erfahrungen, lustige Momente in zwischenmenschlichen Beobachtungen, Einsichten aus dem Arbeitsleben.
Flüchtig oder intensiv geschrieben – die Zeilen bewegen so sehr, dass sie Lust machen, selbst Haiku zu verfassen: im Rahmen einer Reise nach Japan oder eines Spiels, bei dem man sich gegenseitig Haiku vorliest. Einfach und gleichzeitig tiefgründig formuliert, trauen sich Groß und Klein, diese Kunst nachzuahmen.
Sevda Cakir

Zauber des Haiku
Herausgegeben und übertragen von Haiku, 189 Seiten
C.H. Beck, München 2025
22 Euro

Was Macht macht
Ab und zu muss das ja sein: Klatsch und Tratsch. Kann man konsumieren wie nichts, geht einem runter wie Öl den sonnenverbrannten Rücken.
Bei der französischen Autorin Karine Tuil lässt sich dieser Kram dann auch noch ganz ohne Peinlichkeitsgefühle genießen, was ihren Titel „Die Liebeshungrigen“ unwiderstehlich und zu hoher Kunst macht. Und dass es da im und um den Pariser Élysée-Palast, der Regierungszentrale Frankreichs, ohnehin ganz anders zugeht als zum Beispiel im so sachlichen wie unkreativen parteipolitischen Berlin, wissen wir längst.
Der Protagonist, Dan Lehmann, war fünf Jahre lang Präsident der Grande Nation. Das ist jetzt vorbei. Er kämpft mit Leere und Sinnsuche, weiß um seine Fehler und Fehltritte. Aber was hilft’s? Tuil legt die Schwächen von Männern mit Macht bloß, zeigt sie überfordert, zeigt sie menschlich (und von reflektierenden Frauen abhängig). In lockeren Sätzen und gebettet auf viel Gossip geht es am Ende um alles. Liest sich weg wie nichts und hat Tiefe.
Katrin Diehl

Karine Tuil: Die Liebeshungrigen
Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
Roman, 400 Seiten
dtv, München 2026
25 Euro