Von Anna Funk

Im Roman „Tägliche Eroberung der Freiheit“ überdenkt der junge Ich-Erzähler die elterlichen Glaubenssätze und fragt sich, ob der Blick eines Kindes auf die Welt nicht besser sei als die vermeintlich wohlmeinende Erwachsenenperspektive.

Übrigens: Ebenso wenig wie ich weiß, woher dieser bittere Daseinsschmerz kam, weiß ich, woher dieser hohe Anspruch an das Leben kam, daran, dass es eine Freude bereiten und Glück bringen sollte. Ich weiß bis heute ebenso wenig, ob es gesund und normal ist, diese Erwartungshaltung an das eigene Leben heranzutragen oder ob dieser Anspruch vermessen und folglich dumm ist. Wie viel Glück darf man erwarten? Darf man überhaupt ein Glück erwarten? Wie klug ist es, pessimistisch zu sein? Wie viel Leid kann es ersparen, nie etwas Gutes und Schönes zu erwarten? Und wie sicher ist es, dass man schrecklich enttäuscht wird, wenn man sich die Gläser des Optimismus in das eigene Brillengestell aufschwatzen lässt oder selbst einsetzt? Und woher kam er denn überhaupt, dieser optimistische Blick, an dem man zwangsläufig scheitern musste? Was waren das denn für Menschen, die ihn hatten, diesen optimistischen Blick? Woher nahmen sie ihn? Oder war es die große Lüge der Erwachsenenwelt an die vermeintlich glücklichen Kinder? Gerade an die glückliche-Kindheit-Kinder. Die Kinder mit dem vermeintlich behüteten Elternhaus, die Kinder, denen ihre Eltern genau mitgaben, was richtig und was falsch sei, und die Kinder, die in dem Grundglauben programmiert wurden, es gäbe eine Gerechtigkeit, eine Ordnung, einen Sinn und eine Selbstverständlichkeit, dass das Leben gut gelinge und schön sei.

All diese Lügen, die schon das kleine Kinderleben von Anfang in eine Richtung lenkten, in der man doch nur unglücklich werden KONNTE! Denn die Erwachsenen hielten ihren Kindern gegenüber ja diesen verlogenen Anschein aufrecht, dass die Dinge einen Sinn hätten! „Lern fleißig für die Schule, geh in den Sportverein, iss gesund!“ All diese Lügen, die die unschuldigen Kinder in ein genauso sinnlos anstrengendes, abstoßend übereifriges Leben hineintrieben, in dem die größte Sehnsucht letztlich nur noch die nach dem Ende sein konnte!

Und das Atemberaubende und Unerhörte dabei war, die Erwachsenen wussten das oft sogar! Sie wussten es tief drinnen, dass es LÜGEN waren, die sie ihren Kindern erzählten, dass es Wege ins Unglück waren, die sie ihnen beibrachten, und trotzdem schwatzen und lehrten sie fröhlich und eifrig und überzeugt und gescheit das alles weiter! Obwohl sie es doch genau wussten! Tief drinnen! Doch warum taten sie so? Warum gaben sie diese kollektive Lüge weiter, von Generation zu Generation? Weil ihnen nichts Besseres einfiel? Weil sie es selbst auch nie anders beigebracht bekommen hatten? Weil sie sich gar nicht trauten sich einzugestehen, dass das alles alles alles doch nicht richtig sein konnte? Weil sie keine Alternativen anzubieten hatten, die erprobt und für gut befunden worden waren? Oder war es vielleicht– und nun wird es schonungslos – ein Neid, eine Angst, die Kinder könnten der Wahrheit näherkommen als sie selbst? Könnten ein erfüllteres und weniger erbärmliches Leben haben als sie selbst? Um es auf die Spitze zu treiben: War es am Ende nicht der tiefe Glaube der Erwachsenen, es besser zu wissen, sondern der Neid auf diese reinen, noch vollkommen freien Leben mit allen Möglichkeiten vor sich, wie Samen, die sich zu unendlich magischen blauen Blumen entfachen könnten? War es der Neid der Erwachsenen auf die Chance eines wahrhaft großes Lebens, und deshalb, aufgrund diesen Neides galt es, die kleinen Kinderleben in ihrem Höhenflug auf die Erde herunterzubrechen, mit Hilfe von vermeintlichen Erkenntnissen, die eine Bedienungsanleitung für das richtige Leben darstellen sollten, insgeheim aber ein Rezept der Freud- und Sinnlosigkeit waren, und die mit Hilfe von Frustration, Läuterung und Misserfolg arbeiteten, mit denen diese unverbrauchten Menschen, die noch an des Lebens Anfang standen, dann beschnitten, gebrochen und eingenordet wurden? Geschah all dies durch einen eigentlich bösartigen Argwohn der Erwachsenenwelt? Eine Schadenfreude, die dann die Großväter und Großmütter sich heimlich zuflüsterten, wenn sie auf ihre Kinder blickten, die dann selbst inzwischen Väter und Mütter waren: Haha, nun ist sie, die Tochter, auch alt geworden! Haha, nun hat er, der Sohn, auch nicht das erreicht, was er eigentlich wollte! Wieso sollte es ihnen anders gehen als uns?

In meinen dunklen Stunden dachte ich mir, ich hätte doch nun mit meinen zehn Jahren schon genug Leben gehabt, und es noch fortzusetzen sei eigentlich nicht wirklich nötig. Was sollte schon noch kommen? Und nur die Gewalt dieses Rätsels, ob das menschliche Schicksal wirklich so traurig, so unlebenswert und so zum Unglücklichsein verdammt war, ließ mich meinen Schmerz sein lassen, so dass sich meine von tief unten aufsteigende Neugierde durch die Poren des Steines, der mir schwer auf dem Herzen lag, ihren Weg bahnte und ich letztlich weitermachte, wenn auch immer wieder nur mit einem „Irgendwie“.

Die in München lebende Schauspielerin, Regisseurin und Lehrerin Anna Funk schreibt lyrische Vortragstexte, manchmal auch in Mundart, Theaterstücke wie „Kreisel“, „Mittelpunkt“ und „3Sis!“, die in den letzten Jahren in München uraufgeführt wurden, sowie Prosa, die sich noch nach einem Verleger sehnt.

Beim Haidhauser Werkstattpreis am 10.10.2026 hat Anna Funk den 3. Platz errungen.