Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Aber dann war eine große Tageszeitung schneller und Nachschieben schmeckt lau. Tja, Dinge liegen in der Luft, werden eingesogen, und wer zuerst ausspuckt, hat gewonnen. Wenn Sie also mehr erfahren wollen, über das augenfällige Phänomen, dass es Bücher, dass es Literatur in die Etagen der Modebranche geschafft haben, dann googeln Sie das mal. In der Zwischenzeit denke ich darüber nach, ob ich mir eines von diesen süßen Täschchen von Dior kaufe. Genau!, eines von denen mit dem Cover von einem Klassiker vorne drauf: „Les fleurs du Mal“. „Dracula“, „Ulysses“ … ? Die sehen echt très chic aus, sind allerdings auch très chers (omg). Dafür passt in so eine bag aber auch was rein, jedenfalls mehr als ein Lippenstift. Vielleicht noch ein Buch? Dazu eine kleine Brille?

A propos Brille. Viele Models tragen gerade nicht nur très sophisticated Brillen auf ihren schönen Nasen, sondern auch ein très sophisticated Buch unterm schlanken Arm. Manchmal erfährt man dann im Kleingedruckten – dort, wo die ganzen Kleiderlabels und Preise stehen – auch, was Model Thes, Kim oder Valery im echten Leben gerne so lesen. Das interessiert mich total. Und ja, endlich ist es so weit: Bücher machen fancy, machen distinguiert. Das ist doch schön, oder?, auch wenn sie bei diesen coolen settings in Paris, New York oder Mailand und auf Hochglanz serviert fast ein wenig wie überrumpelt rüberkommen und so, als müsste man sie sich die erst mal leisten können.

Aber wie gesagt, das Thema ist durch, ich war zu langsam, halte den Schnabel und beschäftige mich mit meinen Spam-Mails. Weniger schön, weniger literarisch.

Obwohl. Ich bin immer wieder erstaunt, wie mich Ansagen wie „Hallo, ich bin Gordon.“ (und Gordon geht es gerade wirklich schlecht und er braucht Geld, viel Geld und das ausgerechnet von mir) oder „Guten Tag, ich heiße T.“ (und auch T. geht es verdammt schlecht und auch sie braucht Geld) in den Bann ziehen. Dabei fängt jeder blöde Stuhlkreis so an, jeder next-try, eine fremde Sprache zu lernen: „Ich heiße Klaus“, „Ich bin Farah“, „Mein Name ist Sasha“. Diese existenziellen Drei/Vier-Worte-Sätze besitzen in ihrer Reduktion ein Maximum an Potenzial. Sie versprechen Geschichten und berühren mich zutiefst (und natürlich berühren mich auch Gordon und T. irgendwie). Aus heiterem Himmel bekomme ich ein Gegenüber, das mit maximaler Direktheit und ungefragt eine Verbindung zu mir herstellt. Es fordert und kriegt meine Aufmerksamkeit.

Und klar wissen Autor*innen schon immer um die Kraft der simplen Anfänge … – „Ich heiße Fatima.“, „Ich bin nicht Stiller.“, „Ich heiße Mary Katherine Blackwood.“, „Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein böser Mensch.“, „Lieber Gott, ich heiße Oskar.“, „Nennt mich Ishmael.“  – … und haben mich ganz einfach am Haken.

Dika