Eine „werk[statt]“ – lesen und reden über soziale wie finanzielle Nöte

Von Katrin Diehl

„Scham ist auch etwas Schönes.“ Der Satz schillert. So stehen lassen möchte man ihn nicht.

Die Autor*innen Sebastian Schmidt und Christina Madenach haben gerade aus ihren Texten gelesen, Schmidt aus seiner 2025 erschienenen Near-Future „Powerschaum“, Madenach aus ihrem noch unveröffentlichten Roman „Unbehagen“ (Arbeitstitel), und jetzt kommt man miteinander ins Gespräch. Es geht um Klassismus, um gesellschaftlichen Druck und auch darum, wie das ist, wenn man schreibt, Familie hat, finanziell über die Runden kommen muss.

Wir sind bei der Lesereihe „werk[statt]“, die „Literatur im Kontext von Gesellschaft und Politik betrachtet“ und die von den Autor*innen Slata Roschal und Jonas Bokelmann geleitet wie moderiert wird. Ort ist die Buchhandlung „Rauch & König“. Die Frankfurter Buchmesse ist gerade vorüber, Literatur, Literaturschaffende wie -betreibende kehren dorthin zurück, wo sie hingehören, und den anfänglichen Satz über die Scham, den hat Slata Roschal gesagt, und mal sehen, was passiert. Zumindest ist er mehr als anschlussfähig an das Thema des Abends. Das lautet „soziale Scham – Ausschluss und Ausschuss“ und bindet an, an das, was man, wäre das Wort nicht so unpassend, einen seit einiger Zeit herrschenden Literatur-Trend nennen könnte. Dabei wird immer wieder einmal und zusehends mehr die prekäre (finanzielle) Situation von Literatur- wie allgemein Kunstschaffenden selbst literarisch verarbeitet (so zum Beispiel auch in Roschals neuem Roman: „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“). Wo jeder Euro umgedreht, wo jedem Monatsende mit Bangen und klamm entgegengesehen wird, dort ist Scham nicht weit, so lässt sich das verkürzt sagen, und auch das Gefühl, ausgeschlossen zu sein („Ich komme mir manchmal vor wie ein Kind am Schaufenster eines Geschäfts, es ist alles da, was ich will, aber es ist nicht für mich“, sagt die Jungautorin Lea Stein, die auf einen Job in einer Literaturagentur hofft, in Roschals Roman). Es ist ein Trend mit Dringlichkeit, einer, der Literatur in einen aktivistischen Kontext stellt und der für „ergänzende“ Aktionen offen ist, fast nach ihnen verlangt. Dazu gehört Roschals so schlichte wie wirkungsvolle Aktion, einfach, nachdem sie beim diesjährigen Bachmannpreis in Klagenfurt gelesen hatte, aufzustehen und zu gehen, sich also das Gespräch der Jury über ihren Text zu „sparen“. Dazu gehören aber auch Artikel, wie der von Nora Bossong Ende September in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort kritisiert die Schriftstellerin die geringen Honorare, die das Goethe-Institut, Autor*innen anbietet.

Obwohl gute Literatur häufig und eigentlich schon immer auf (soziale) Schieflagen aufmerksam gemacht hat, war es vielleicht mit Annie Ernaux, Didier Eribon oder Édouard Louis die gegenwärtige französische (Klassismus-)Literatur, die da noch einmal einen Gang in Richtung Authentizität zugelegt hat. Das Genre öffnete sich weit, ließ Berichte zu, persönliche Protokolle, den Abdruck von Rechnungen oder anderen Dokumenten. Die Frage nach der Trennung zwischen bzw. der Beziehung von Autor*in und Protagonist*in wird da so hinfällig wie äußerst interessant. Der Begriff der Autosoziobiografie ist geboren. Außerdem erfährt durch die offen erzählte (persönliche) Not dann plötzlich auch Roland Barthes’ provokante Verkündigung vom „Tod des Autors“ aus dem Jahr 1968 ein überraschendes, sehr konkretes, fast körperliches Revival.

In Lutz Seilers neuem Roman „Das tickende Herz“ weiß der  Dichter Carl Bischoff eben auch, wie das bei Handwerkern gehandhabt wird, deren Arbeit ungeachtet der Person, die dahintersteckt, einfach und hoffentlich ihrem Arbeitsaufwand entsprechend bezahlt wird. Und eigentlich gelingt es eh nur Jim Jarmuschs Dichter „Paterson“ aus dem gleichnamigen Film, als Busfahrer regelmäßig Geld zu verdienen und dabei ganz nebenbei, während der Wartezeiten, Gedichte zu schreiben.

Sascha aus Schmidts „Powerschaum“-Roman arbeitet in einem Supermarkt, dessen Waren er sich nicht leisten kann. Er hat Familie, Kinder, ist viel damit beschäftigt, seinen prekären Status zu verbergen. Jeden Tag verordnet er sich ein paar Minuten Bildung.  Die sozialscheue junge Frau Tabea aus Madenachs „Unbehagen“ holt sich ihre Erholungspausen auf Toiletten. Eigentlich will sie nicht wahrnehmbar sein. In die Toilette wirft sie Papier, „damit“ niemand weiß, „wie es bei mir klingt“.

„Scham“ also „auch etwas Schönes“? Sie hat etwas Menschliches, etwas Berührendes, die Würde Bewahrendes. Aber gewinnen lassen darf man sie nicht. Zu groß werden darf sie nicht. Denn dann macht Scham stumm, auch unfähig, über sie reflektiert reden oder literarisch schreiben zu können. Und Bücher, die unser soziales Gewissen berühren, bestenfalls die „Gesellschaft verändern“, wie es auf der Einladung von „werk[statt]“ heißt, Bücher, die auf Menschen im Abseits aufmerksam machen, das sind wahrscheinlich die allerwichtigsten.

Slata Roschal: Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet.
Claassen Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 22 Euro

Sebastian Schmidt: Powerschaum, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2025, 220 Seiten, 24 Euro

„other writers need to concentrate“, Hrsg. Katharina Bendixen, David Blum, Barbara Peveling, Sibylla Vričić Hausmann, eine Anthologie über die Vereinbarkeit von Autor*innenschaft und Care-Arbeit, Sukultur Verlag, Berlin 2023, 194 Seiten, 24 Euro