[LiSe 04/14] Kolumne: Aber Hallo!

Sie sitzen in der U-Bahn, breiten gemütlich Ihre AZ aus und merken, der Stoffel gegenüber liest mit. Sie blättern schnell um, um ihn zu ärgern. Frage an den Moraltheologen: Darf der das, obwohl er nichts bezahlt hat, einfach mitlesen, und ist es fair, schnell umzu-blättern, und warum wird das beides in Zukunft nicht mehr vorkommen? a. weil es die AZ nicht mehr gibt oder b. weil man sie im Smartphone liest? – So oder so, auf jeden Fall stirbt der stille Mitleser aus und mit ihm so manche charmante Gesprächseröffnung.

Absterben; aussterben, das sind wir gewohnt, Wörter sterben, Gewohnheiten, selbst das „Waldsterben“, ein Wort, das Nachbarländer von uns übernommen haben, ist fast ausgestorben. Unsere Väter zogen noch den Hut, wenn sie einem Bekannten begegneten, und setzten ihren Stetson schnell wieder auf ein ständiges ab – und auf: ausgestorben. Pflanzen und Tiere sowieso. Indiens 14000 freie Leoparden, bedroht, aber auch Zugvögel.100 Millionen ziehen jedes Jahr über uns hinweg, zweimal. Extrem bedroht, diese Leute. Rilke war auch so einer. Ständig in Bewegung gewesen, bedroht, der Mann. Er hat es aber auch übertrieben. Schreibt im März 1917 an eine seiner Damen (darf man das überhaupt?): „München wird immer mehr ein Gräuel für mich“ – und verlässt unsere herzliche Weltstadt Ende 1918 für immer. (Jetzt ist er in einem trostlosen Nest im Wallis begraben.) Wörter, Wendungen sterben aus. „Aber Hallo“ – vor wenigen Jahren noch der Hit, wurde ständig eingestreut, wie Zucker „Ich komm grad aus dem Bad, aber hallo“ –„Aber hallo, sie hat mich glatt vergessen“ – schon gestorben – abgelöst von „okay“ „Gestern ist mein Vater gestorben“ „Okay und was jetzt?“ Man kann sich also trösten. Es kommen Neuwörter. Neusachen. Der Papst dankt ab – also „Altpapst“ wie Altkanzler. Wäre schön gewesen, hat sich aber nicht durchgesetzt. „Nullerjahre“ – mein Gott, dieses Scheusal hat sich durchgeboxt, was haben wir dagegen gekämpft, sinnlos, Schnullerjahre. Nicht immer setzt sich das Bessere durch.

Und: Das Buch, na klar. Das muss ja jetzt kommen. Jetzt P-Buch genannt im Gegensatz zum prosperierenden jungen, dynamischen E-Book. Oder auch, sagen wir mal, das P-Journal, die Zeitung. Schon auf Saurierkurs. Die gute alte Gutenberg- welt. Oder wie Bitkom das ausdrückt, die IT Branchen-Lobby: Bedrucktes Papier verschwindet aus dem „öffentlichen Raum“, also aus U-und S-Bahn, Schwimmbädern und Flughäfen. Schon jeder Fünfte liest elektronische Bücher, nur 19,4 Prozent der Bürger sind papiertreu und lehnen das grundsätzlich ab. 60 Prozent lesen ihre E-Books auf Smartphones. Der Zuwachs soll rasant sein, auch wenn man sich mit dem neuen Medium weder Luft zufächeln noch wärmen kann, und schon gar nicht kannst du etwas anstreichen oder ausschneiden und den Artikel deinem Sohn oder Partner rot unterstrichen auf den Frühstücksplatz legen. Vor allem aber: Das Rascheln fehlt, das uns meldet, aber hallo, der andere ist da.
W.H.

[LiSe 02/14] Kolumne: Dichters Kriegston

1814 war doch jenes Jahr, als Bayern tatsächlich Tirol an Österreich abgab und Napoleon zum Nachdenken nach Elba geschickt wurde. Scrawlen wir weitere 100 Jahre rückwärts und richten unser durch 69 Friedensjahre empfindsam geschliffenes Fernglas auf das Jahr 1714, so sehen wir Österreich in einen seiner Türkenkriege ziehen, und dazwischen, in Frankfurt (a. M.) anno 1759, entdecken wir – Goethe! Den neunjährigen Knaben, wie er verletzte, verwundete und verstümmelte Männer sieht, die durch die Straßen der Stadt am Karfreitag, dem 13. April, zurückgeschleppt werden vom Schlachtfeld in Bergen, dem heutigen Bergen-Enkheim, einen Steinwurf von Frankfurt entfernt. Das elterliche Haus, am Hirschgraben, gerade frisch renoviert, war schon im Januar 1759 von französischen Soldaten besetzt worden. Graf Thoranc, 40, lebte monatelang dort mit seinen Leuten. Der Vater des Dichters entging (als Anhänger Preußens) wegen einer unbeherrschten Äußerung nur knapp französischer Militär-Gefangenschaft und Tod. Dennoch schildert Goethe das alles in leicht amüsiertem Ton, als er es 1810 in „Dichtung und Wahrheit“ zu Papier bringt, und das bleibt auch so.

Die Kanonade von Valmy, die „Campagne“ in Frankreich sollte nicht sehr viel anders bebildert werden, und über die Ereignisse 13 Jahre später – Goethes Weimarer Haus am Frauenplan wurde während der Schlacht Napoleons bei Jena ebenfalls von Soldaten besetzt – schwieg der Dichter sich aus. Die Verwundeten, so wird in Dokumenten berichtet, verbluteten schreiend vor Schmerzen auf dem Schlachtfeld von Jena – die „schöne Literatur“ dagegen wandte sich den strahlenden Siegern zu oder schwieg. Die Qualen der Soldaten, die Schreie von Mann und Pferd wurden wenig beschrieben, wenig gelesen. Der Krieg hatte meist eine gute Presse, seine Schrecken vergaß man schnell, und so mag es schon sein, dass vor 100 Jahren, wie wir jetzt allenthalben lesen, die deutschen Soldaten anfangs von einer Woge der Begeisterung nach Verdun und Allenstein (alias Tannenberg) getragen wurden.

Die deutschen Dichter dagegen teilten im Juli/August 1914 keineswegs, wie heute viele Journale melden, in ihrer Mehrheit Ernst Jüngers Kriegshurra, auch nicht die Münchner wie Heinrich Mann, Feuchtwanger, Brecht, Wedekind; nicht zu vergessen die Österreicher Kafka und Georg Trakl oder weiter im Norden Tucholsky oder Remarque. Rilke fabulierte schmerzergriffen von „Kriegsgöttern“.

„Although it was a clear French victory…Ferdinand was able to slip away…“, so schmerzfrei schildert dagegen English Wikipedia das Gemetzel vor Goethes Haustür anno 1759, in dem Ferdinand von Braunschweig und die Preußen besiegt wurden. Auf Deutsch heißt es zackig : „Verluste: Frankreich 4000; Preußen 2373“.
W.H.