[LiSe 06/16] Rezension: Ein literarisches Gebet, ein vielstimmiges Bild unserer Zeit

Björn Bickers Text vom religiösen Leben in einer säkularen Gesellschaft

Was glaubt ihr denn, fragt Björn Bicker uns, seine Leser. Eine Frage ohne Fragezeichen in den Raum gesprochen, eine ambivalente, aufmüpfige Frage. Eine Frage, der man die in die Hüften gestemmten Hände anhört. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Wer wir sind. Der man mit unterschiedlicher Betonung verschiedene Bedeutungen geben kann. Ja, was glauben wir denn. Glauben wir an einen Gott, und gleich nachgeschoben, an welchen bitte. Das ist die Frage, über die alle reden, wenn sie über Religion reden. Björn Bicker ist ihr nachgegangen, hat sich im religiösen Leben unserer Städte umgesehen, umgehört, hat daraus zunächst das Theaterstück Urban Prayers entwickelt. Aus einer langen Recherche ist ein Text entstanden, der eine Sprache sucht für die vielen Stimmen der Wirklichkeit. Der diese Sprache einem Chor in den Mund legt, dem Chor der Gläubigen, der sich in unserer säkularen Gesellschaft vielstimmig zu Wort meldet, sich ins Wort fällt, widerspricht, mit tausend Zungen redet, mal schneller, mal langsamer, mal alle zusammen, mal jeder für sich, mal gegeneinander, mal miteinander. (mehr …)

[LiSe 05/16] Rezension: Fluchtgeschichten

Fluchtgeschichten sind das Gebot der Stunde. Das letztjährige Literaturfest erhob sie zum Thema, so entstand seinerzeit aus Gesprächen von Münchner AutorInnen mit nach Deutschland Geflüchteten die Anthologie Die Hoffnung im Gepäck (Allitera Verlag). Fridolin Schley hat es damit nicht gut sein lassen, hat sein Gespräch mit einer jungen Somalierin weiter geführt und es zu einem Gefüge aus Wahrnehmung und Erinnerung verdichtet. In Die Ungesichter, einem schmalen Bändchen von knapp 100 Seiten, erzählt er die Geschichte des fünfzehnjährigen Mädchens Amal, das ein sorgloses Leben in einem Dorf in Somalia führt, bis die Islamisten kommen, den Vater ermorden und Amal verschleppen. Sie muss den „Patronenmännern“ zu Diensten sein, kann sich befreien und soll von einem dubiosen Schleuser zusammen mit dem ihr zugesellten „Bruder“ Cariim angeblich nach London geflogen werden, landet jedoch in Kiew. Es beginnen die quälenden Wochen des Wartens im ukrainischen Winter, einer missglückten Grenzüberschreitung, der monatelangen Festsetzung in einem slowakischen Lager, bis die beiden es schließlich schaffen, über Wien nach München zu gelangen. (mehr …)

[LiSe 04/16] Rezension: Wildes Land

Das Westjordanland liegt eingeklemmt zwischen Israel im Westen und Jordanien im Osten. Im Sechstagekrieg 1967 wurde es von Israel erobert und steht seither unter israelischer Militärverwaltung, seit 1993 werden Teile
des Westjordanlands von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PNA) verwaltet. 83 Prozent der Bevölkerung sind Palästinenser, 16 Prozent Juden, dazu noch eine Hand voll Christen. Seit dem Teilungsplan der UN-Vollversammlung aus dem Jahr 1947 ringt Palästina um seine staatliche Souveränität. Das Land wurde wechselweise von Jordanien und Israel annektiert, ist von einer sogenannten Grünen Linie begrenzt und wird faktisch von einem Sperrwall abgetrennt, der doppelt so lang ist, wie die eigentliche Landesgrenze. Bei den unzähligen, teilweise kriegerischen Auseinandersetzungen haben die meisten Menschen unserer Herkunft längst den Überblick über die politischen Zusammenhänge verloren. (mehr …)

[LiSe 03/16] Rezension: Zurück zu den Wurzeln

Die Eltern von Samir, der Ich-Erzähler der Geschichte, sind vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen. Samir wächst in Deutschland auf. Aber das ist nur das, was man sehen kann. Der Junge wird mit den Geschichten seines Vaters über den Libanon groß. Er liebt seinen Vater, er bewundert ihn. Und so wird der Libanon zu seiner inneren Heimat. Als Samir acht Jahre alt ist, verschwindet der Vater spurlos. Wenig später stirbt die Mutter. Es dauert 20 Jahre, bis Samir erkennen muss, dass er nur dann erwachsen werden kann, wenn er sich den Libanon selbst erschließt, wenn er eine Erklärung für das geheimnisvolle Verschwinden des Vaters findet. Und er begibt sich auf eine Reise, die mit immer neuen Wendungen überrascht. (mehr …)

[LiSe 02/16] Rezension: Der beste Rum des ganzen Landes

Eine Satire, ein Märchen, eine Parabel, ein Lehrstück – all das und noch viel mehr ist der wunderbare Roman „Die Serenaden des Ibrahim Santos“. Der Autor Yamen Manai erzählt darin die phantastische Geschichte des Dorfes Santa Clara in der Karibik – ein Dorf, dessen Bewohner ein einfaches, naturverbundenes, glückliches Leben führen und den köstlichsten Rum des ganzen Landes herstellen. Die neuen Machthaber zerstören diese Idylle: Mit Angst und Terror wollen sie die Alkohol-Produktion steigern und offenbaren dabei ihre menschenverachtende Staatsdoktrin. Ein Wirbelsturm und Ibrahim Santos’ Geigenklänge setzen dem Spuk ein Ende, ein glückliches Ende. (mehr …)

[LiSe 01/16] Zum Gedenken: Aufräumarbeiten

Stellen Sie sich vor, Sie verschlafen an Ihrem Geburtstag, weil Sie tüchtig gefeiert haben am Abend davor. Als Sie im Büro eintreffen, ist dort nichts mehr, die Kollegen sind tot, alles ist zerstört. Renald Luzier, genannt Luz, kam an seinem 43. Geburtstag, den 7. Januar 2015, zu spät zur Redaktionskonferenz. Als er in den Räumen der Satirezeitschrift Charlie Hebdo eintrifft, ist alles schon vorbei. Was er vorfindet ist Chaos, Zerstörung, Blut und Leichen. Beim Anschlag auf die Redaktion wurden 12 Menschen ermordet, darunter acht Redakteure – fast die gesamte Redaktions-Belegschaft. (mehr …)