Herbert Kapfer collagiert in seinem Buch „1919“ Originaltexte, Zitate und Fotos aus der Zeit zwischen 1918 und 1938.

Von Bernd Zabel

Jahresanfang 2019, vor 100 Jahren wurde die Münchner Räterepublik ausgerufen, und es vergeht zur Zeit kaum ein Tag, an dem Interessierte in dieser Stadt nicht eine Veranstaltung besuchen könnten, die mit dem Jahrestag zusammenhängt. Ausstellungen, Filme, sogar ein Musical und natürlich eine Unzahl an Publikationen. 1919, ein magisches Jahr, das uns bis heute in seinen Bann zieht. Politische Deutungen, Entlarvungen und Zeitzeugnisse dominieren das Feld. Doch man muss dem Reigen der Texte nicht unbedingt ein weiteres Beispiel hinzufügen. Texte lassen sich auch adoptieren, vor allem wenn es weitgehend unbekannte, gute sind. 

Hier fällt ein im Münchner Kunstmann-Verlag erschienenes Buch aus dem Rahmen, dem sein Autor, der langjährige Hörspielchef des Bayerischen Rundfunks, Herbert Kapfer,  ganz unprätentiös den Titel „1919“ gegeben hat. Der Untertitel „Fiktion“ verschleiert zwar auf den ersten Blick das Anliegen. Es handelt sich weder um ein rein erzählendes Werk, noch um eine historische Abhandlung. Kapfer wählt eine ungewöhnliche Methode, er collagiert geschickt Originaltexte, Zitate und Fotos, die in der Zeit zwischen 1918 und 1938 veröffentlicht worden sind, in Zeitschriften oder als Selbstzeugnisse. So erlebt der 18jährige Waldemar Ring die Kämpfe auf den Straßen Berlins. Oder Kapfer lässt uns mit dem „spartakistischen General“, dem Ex-Matrosen Jan Wetter, in den Ruhrkampf ziehen. Das Ende der alten Macht, das Ende Preußens ist schon besiegelt, doch die Überheblichkeit seiner Majestät, Kaiser Wilhelms II., und der Kadavergehorsam der Truppen sind noch virulent. Das Erwachen wird umso bitterer, als die Verzweiflung in Revolte umschlägt und der Revolution schon bald die Gegenrevolution der Freikorpsverbände folgt.

Die Bilder sind an Drastik kaum zu überbieten, die Ereignisse überschlagen sich. Aber wo Tragik Platz greift, ist auch das Komische nicht weit. Das nie aufgeführte Lustspiel, „10 Tage Rätefinanzminister“ von Karl Polenske, ist ein echter Fund. Ein tragikomisches Wirrwarr zwischen Volksbeauftragtem der Finanzen der Räteregierung, dem Physiokraten Silvio Gsell, vorherrschender bayerischer Beamtenbräsigkeit und hinzueilenden Bolschewisten. Passend dazu ein Bericht über Max Hoelz, den edlen Räuberhauptmann, der als sächsischer Robin Hood die Armen versorgt. Und dann taucht ein Soldat Hitler im Bierkeller auf, der davon träumt, wie aus einem Arbeiterverein mit zehn Mitgliedern ein Verband und aus diesem eine Partei werden könnte.

Nicht umsonst fällt auch die Entstehung der dadaistischen Kunstaktionen in diese Zeit, der Wahnsinn hat Methode, und die Methode wird im militärischen „Lehrbuch des deutschen Bürgerkrieges“ zynisch beschrieben: „Man muss neue Arbeit schaffen, dekretierte Berlin. Etwa einen kleinen Spartakus-Aufstand.“ Die berühmte Dolchstoß-Legende von der im Felde ungeschlagenen Armee, die durch Verrat in der Heimat zur Kapitulation gezwungen worden sei, wird am Beispiel von Frontberichten aus Litauen illustriert. Ausführlich solche von Marineoffizieren, die dabei waren, als sich die deutsche Kriegsflotte vor den Orkneyinseln, in der Bucht von Scapa Flow, selbst versenkte. Aus jeder Zeile sprechen die mörderischen Absurditäten des Krieges.

Herbert Kapfer, Jahrgang 1954, hat mit diesem Buch den vielen Schnellschüssen und Kopien, die jetzt auf den Markt drängen, ein mahnendes, authentisches Zeugnis entgegengesetzt – unbedingt lesenswert.

Herbert Kapfer
1919
gebunden, 424 Seiten
Antje Kunstmann, München 2018
25 Euro