[LiSe 10/15] Gestatten, Kästner!

Eine Erich Kästner-Ausstellung des Literaturhauses München

Fast 30 Jahre, von 1945 bis zu seinem Tod 1974, hat Erich Kästner in München gelebt. Er hat den Literaturpreis der Landeshauptstadt München und andere Auszeichnungen erhalten. Die Ausstellung weist auf Bekanntes hin und arbeitet Unbekanntes heraus. Sie spricht Experten, Laien und Kinder an. (mehr …)

[LiSe 10/15] Kolumne: Nobel-Skat

Wieder den ersehnten Anruf aus Stockholm nicht bekommen? Vom Sekretär der Akademie nicht nach IBAN und BIC gefragt worden? Schmerzhaft wird man daran erinnert, wenn am 10. Oktober der Literaturnobelpreisträger bekannt gegeben wird, und die Überweisung von acht Millionen Schwedischen Kronen (ca. 867.000 Ä) auch dieses Jahr ausbleibt. Uns wurden die geheimen NSA-Protokolle einer Skatrunde zugespielt, die GG einige Wochen vor seinem Tod mit zwei anderen Großen im Münchner Schelling Salon einberufen hatte, mit Martin Walser (MW) und Peter Handke (PH). Man muss vielleicht noch wissen, dass Nobelpreisgewinner vorschlagsberechtigt sind für einen neuen Kandidaten, den die Schwedische Akademie benennt. (mehr …)

[LiSe 10/15] Meine Lieblingsbuchhandlung (Folge 6)

Ein Raum für Frauen
Lillemor’s Frauenbuchladen und Galerie – die Lieblingsbuchhandlung von Luisa Francia

Unverkennbar der Schriftzug im Ladeneinerlei der Barerstraße. Lillemor’s. Darunter Frauenbuchladen und Galerie. Tritt man ein, bleibt der Blick gleich hängen an einer großen grünen Fläche über der Ladentheke. Kein Bild, einfach nur grün. „Es beruhigt“, sagt Uschi Neubauer. Seit 1979 gehört sie dazu, ist fast eine der Gründungsmütter von Lillemor’s, dem ersten Frauenbuchladen in der Bundesrepublik. Er wurde am 3. November 1975 in München eröffnet. Viele folgten, etablierten sich im Zuge der Frauenbewegung in fast allen westdeutschen Großstädten, aber nur wenige sind übrig geblieben. Lillemor’s hat standgehalten, feiert jetzt sein 40jähriges. Hat mit feministischer Literatur Durchhaltevermögen gezeigt, mit konstanter Kompetenz sich auf Literatur weiblicher Autoren und Sachbücher mit frauenspezifischem Inhalt spezialisiert. Wurde deswegen sogar für den heuer erstmals ausgelobten Deutschen Buchhandlungspreis nominiert als „unverzichtbar für die Vielfalt unserer Buchkultur“, wie es in der Ausschreibung heißt. „Ja“, sagt Kollegin Andrea Gollbach, „so gesehen haben wir alles richtig gemacht. Aus dem einfachen Grund, weil es uns noch gibt.“ (mehr …)

[LiSe 10/15] Literaturstipendien für junge AutorInnen

Seit gut zwei Jahrzehnten vergibt die Landeshauptstadt alle zwei Jahre Stipendien für vielversprechende literarische Projekte vorwiegend jüngerer, noch nicht etablierter Münchner AutorInnen beziehungsweise für besonders anspruchsvolle Übersetzungen ins Deutsche. Im Zusammenhang mit diesen Literaturstipendien wird auch der Leonhard und Ida Wolf Gedächtnispreis (dotiert mit 3000 Euro) verliehen. Eingereicht werden können nur deutschsprachige und bisher unveröffentlichte Texte aller Genres (Prosa, Lyrik, dramatische Formen) sowie Kinder- und Jugendliteratur und Übersetzungsprojekte. Die diesjährigen Preisträger sind Pierre Jarawan (ausgezeichnet wurde „Am Ende bleiben die Zedern“), Sophia Klink („Kakaoschichten menschlicher Unwissenheit“), Markus Ostermair („Der Sandler“), Denijen Pauljevic ( „Mimicria“), Silke Kleemann („Manic Road Movie“, ein Jugendbuchprojekt), Richard Barth (Übersetzungsprojekt) und Jan Reinhardt „Elias und Elyathyne“, Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur). Die Literaturstipendien sind mit jeweils 6.000 Euro dotiert.
oh

[LiSe 10/15] Lyrische Kostprobe

die rote fläche ist nur ein teil
vom zimmer
in dem
etwas zerbricht

der fuss hängt
über die kante
wie ein socken
auf einer stuhllehne

der stuhl stand vorher
wie die anderen
am tisch
flog dann

die rote fläche
dieser teil im zimmer
bleibt
seit frühstem frühling
unverändert

Stein Vaaler

[LiSe 10/15] Alte Freunde

Jetzt fängt er wieder an zu schreiben, mein alter Freund Wolf, anstatt beim Schachspiel zu bleiben oder in seinem Labor. Seit Jahren droht er damit, wieder zu schreiben. Wie ich ihm drohe, die Violine zu spielen.

Gelegentlich reisen wir gemeinsam. Wenn wir im Zug nach Rom fahren oder nach Wien, bricht er plötzlich das Gespräch ab und sagt „übrigens, ich werde wieder schreiben.“ Fahren wir mit dem Pkw von München nach Paris, dreht er spätestens bei Ulm den Recorder leise und flüstert mir ins Ohr, „Max, ich schreibe wieder“. (mehr …)

[LiSe 10/15] Rezension: Ausstieg – leicht gemacht

Christoph Poschenrieder begleitet in seinem neuen Roman „Mauersegler“ eine noble Senioren-WG bis zum Ende

Sie waren Freunde, Knaben aus einer Kleinstadt, wuchsen gemeinsam in der Nachkriegszeit auf. 60 Jahre später sind sie fünf „gutaussehende, braungebrannte Erfolgstypen, Alphawölfe, Überholspurfahrer, FDP-Wähler, als es die noch gibt“ – so beschreibt Christoph
Poschenrieder seine Protagonisten in dem soeben erschienenen Roman „Mauersegler“. Das Quintett gründet eine Senioren-WG in einer Villa am Starnberger See und schließt einen Pakt: Jeder von ihnen soll selbstbestimmt sterben können – und die anderen helfen ihm dabei. Bis es zum ersten Pflegefall kommt, führen die Fünf ein komfortables Leben: Sie trinken Champagner und teure Cognacs, fahren Porsche, ziehen Tomaten und schlagen Golfbälle in den Starnberger See. Ein launiges Szenario, mit viel Charme und sanfter Ironie erzählt. (mehr …)

[LiSe 10/15] Rezension: Wenn Autoren älter werden

Wer gern und viel Krimis liest, verzweifelt manchmal über den immer gleichen Plot – Mord, Leiche, Ermittler, vertuschte Spuren, Auflösung. Friedrich Ani hat schon vor Jahren begonnen, den Kriminalroman als Vehikel für sein Nachdenken über den inneren Zusammenhalt unserer rasanter werdenden Dienstleistungsgesellschaft zu benutzen.

Seinen Tabor Süden lässt er nach vermissten Personen suchen, die erst durch ihr Verschwinden in das Bewusstsein ihrer Mitmenschen geraten sind. Nun hat Ani mit seinem neuen Ermittler Jakob Franck einen pensionierten Kommissar erfunden, der die Einsamkeit und die inneren Monologe mit seinen Auftraggebern, den Opfern und sicher auch seinem Autor teilt.

In dem soeben erschienen Roman „Der namenlose Tag“ erfleht der 67-jährige Witwer Ludwig Winther aus dem Münchner Stadtteil Ramersdorf von dem Ruheständler, nochmal den Umständen des Freitods seiner Tochter nachzugehen, der zwanzig Jahre zurück liegt. Franck trifft bei seinen Recherchen im Umfeld der Familie Winther auf generationenübergreifendes Schweigen. Über drei Generationen verheddern sich die Hinterbliebenen in Stummheit und sinnlosem Lügen. Und Ani katapultiert seine LeserInnen in ihre eigenen Kindheiten, wo trotz der lärmenden Geschwätzigkeit über die wichtigen Dinge geschwiegen wird und das Wesentliche nicht ausgesprochen werden darf, und wo die Kinder im Mief verdruckster, kleinbürgerlicher Großstädter verstummen. Das Beste, was Ani bisher geschrieben hat.

Michael Berwanger

Friedrich Ani
Der namenlose Tag
Roman, gebunden 300 Seiten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
19,95 Euro