[LiSe 07-08/24] Unabhängige Verlage, letzter Teil: Lyrik aus dem Wohnzimmer

hochroth in München

Von Markus Czeslik

Im Kollektiv sind auch die Kleinverlage groß. Für die Lyriker und Literaturvermittler Tim Holland und Tristan Marquardt bot sich 2017 die Gelegenheit, an den hochroth Verlag anzuknüpfen, der bereits 2008 in Berlin gegründet worden ist. Da damals für viele Talente aus dem süddeutschen Raum der geeignete Publikationsort fehlte, nutzten sie die Chance. (mehr …)

[LiSe 07-08/24] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für die Sommermonate diese Neuerscheinungen:

Daphne Palasi Andreades: Brown Girls
Luchterhand

Queens, New York. Hier kämpft eine Gruppe von Mädchen darum, die Migrationsgeschichten ihrer Familie mit der amerikanischen Kultur in Einklang zu bringen. Rastlos durchstreifen sie die Stadt, singen aus voller Kehle Mariah Carey, sehnen sich nach Jungs, die unerreichbar sind. Eins ist für sie klar: Sie wollen für immer Freundinnen bleiben. Doch das Älterwerden macht auch vor ihnen keinen Halt und stellt die Freundschaft vor ungeahnte Herausforderungen. Ein kollektives Porträt vom Erwachsenwerden und weiblicher Freundschaft vor dem Hintergrund von Rassismus und Ausgrenzung im gegenwärtigen Amerika. (mehr …)

[LiSe 07-08/24] Kurzgeschichte Luna

Von Tania Rupel Tera

  • Was noch? Denk nach, sicher gibt es andere Varianten.
  • Hm, vielleicht ist er einfach ein Türspion am unendlichen Himmelstor. Was sagst du?
  • Gut, interessant.
  • Man könnte das Bild selbstverständlich weiterentwickeln. Was gibt es hinter dieser Tür und so weiter.
  • Ja, was noch?

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[LiSe 07-08/24] Empfehlungen der Redaktion – Bücher für den Sommerurlaub

Schlichtweg groß
Von Michael Berwanger

Einst ein umstrittener Bestseller, jetzt schlichtweg große Literatur: Der Wagenbach Verlag hat Elsa Morantes Werk „La Storia“ in neuer Übersetzung noch mal herausgegeben. Es ist die Geschichte der verwitweten Lehrerin Ida, die in den Jahren 1941 bis 1947 bis zur Erschöpfung in Rom zwischen den Armenvierteln San Lorenzo und Testaccio hin- und her hetzt. Sie müht sich ab, ihre beiden Söhne durchzubringen. Nino, der ältere Sohn und präpotente Schwarzhemdträger, will schnellstmöglich das Lyzeum verlassen und in den Krieg ziehen – später findet er sich bei den Partisanen wieder. Der Kleine, Useppe – gezeugt bei einer Vergewaltigung durch einen jungen deutschen Wehrmachtsoldaten –, stets heiter und neugierig, verbringt seine Tage allein in der Wohnung, oft nur in Gesellschaft des Hundes Blitz. Inmitten von Bombenangriffen, Hunger und Deportationen wächst Idas Angst, ihre jüdischen Vorfahren könnten der Familie zum Verhängnis werden. Mit unendlicher Zuneigung für ihre Figuren verknüpft Elsa Morante die Geschichte einer Welt in Flammen mit dem Schicksal einer Frau und ihrer Kinder.

Elsa Morante: La Storia
Roman
Übersetzt von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski
Gebunden, 768 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2024
38 Euro (mehr …)

[LiSe 06/24] Vom Ende des Lesens

KI und Digitalisierung, Neue Medien und sich ändernde Lesegewohnheiten. Immer weniger Lesende treffen auf immer mehr Bücher. Die Zukunftsaussichten für Verlage sind düster und die Kulturtechnik des Lesens stirbt aus.
Ein geschichtlicher Abriss.

Von Michael Berwanger

Im Gegensatz zu zentralistisch verwalteten Staaten wie England und Frankreich kommt in Deutschland erst ab 1871 (nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs) ein moderner Literaturmarkt zustande. Kleinstaaterei, Zölle und unterschiedliche Währungen haben ihn bis dahin verhindert. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt zum ersten Mal eine industriellen Massenproduktion von Büchern, die von modernen Verlagsunternehmen im gesamten deutschsprachigen Raum über Verlagsbuchhandlungen vertrieben werden. (mehr …)

[LiSe 06/24] Kolumne: Mehrgeschlechtlich

In Bayerns Ämtern ist seit 1. April 2024 die mehrgeschlechtliche Schreibweise verboten. Nur: Wie kann etwas verboten werden, das in der Ausübung niemandes Recht einschränkt? Weil der Rat für deutsche Rechtschreibung meint, dass diese Schreibweise die Verständlichkeit von Texten beeinträchtigen kann? Mehrgeschlechtliche Schreibweisen durch Wortbinnenzeichen wie u.a. Gendersternchen, Doppelpunkt oder Gender-Gap sind nun ausdrücklich unzulässig, so auch das Binnen-I in Hauptwörtern, wie Ministerpräsident“In“. Aber in Bayern braucht man das ohnehin nicht. (mehr …)

[LiSe 06/24] Lyrische Kostprobe: Geschriebenes „begleiten“

Der Gründer der Autorengalerie Helmut Vakily

„Eine Radierung, in der eine Japanerin in den Spiegel schaut, weckte in mir erotische Erinnerungen und ,Wer allein lebt in diesem Haus‘ nimmt Bezug auf mein Dasein im fortgeschrittenen Alter“, sagt der am 2. April 1938 geborene Lyriker. Immer nur dann, wenn die Begegnung mit einer Person, einer Katze, einem Zustand die Wiederspiegelung zulasse, also der Lyriker und sein Gegenüber fugendicht eine Einheit bildeten, könne ein Portraitgedicht entstehen. In seltenen Fällen entstehe ein Gedicht in wenigen Tagen. In der Regel „begleite“ er, so Vakily,  das Geschriebene über Jahre, auch Jahrzehnte, bis zur endgültigen Fassung. Seit Ende der 1950er Jahre schuf er auf diese Weise 110 Portraitgedichte und „77 Mitteilungen“ (Aphorismen). (mehr …)

[LiSe 06/24] Unabhängige Verlage, Teil VI: Humanitäres Miteinander

Der Salon Literaturverlag

Von Marie Türcke

Franz Westner ist der engagierte Kopf hinter dem in München verorteten Salon Literaturverlag, der sich der Veröffentlichung oft schwieriger Themen widmet, Themen, die zum Nachdenken, Mitdenken, Mitreden auffordern – unliebsame Themen manchmal, die von den Leser*innen mehr abverlangen als ein simples Zurücklehnen und Genießen. Westners Verlag hat sich zur Aufgabe gemacht, ebensolche Bücher zu veröffentlichen – selbst, wenn diese Themen nicht massenmarkttauglich sind. So arbeitet Westner aktuell an der Übersetzung eines italienischen Romans über die Sonderkommandos im Holocaust, ein schwieriges Thema. Ob das viele Leser*innen generieren wird? Das werde man sehen, aber das sei auch nicht die entscheidende Frage, sondern, dass das Thema einen Raum brauche und er diesen bieten könne, so Franz Westner. (mehr …)