[LiSe 03/22] Lyrische Kostprobe: Heimatlied, 2018

Phor meinem Phaterhaus steht eine Linde
Phor meinem Phaterhaus steht auch ein Photograph
Der phragt, ob er phon Phaterhaus und Linde
Ein Photo machen darph

Auph seinem iPhone sechs macht er sein Photo
Drauph sieht man die Scheißlinde und das Haus
Der Photograph sieht sehr zuphrieden aus

Samuel Fischer-Glaser

[LiSe 03/22] Kurzgeschichte: Warum lieben sie uns nicht

Von Wolfram Hirche

Spät am Tag in der Mitte des Sommers, ein Tag im Juli, die Mücken tief im Park, keine Schwalbe am Himmel, die Taxifahrer hupen nervös, Radfahrer queren bei rot die Straßen, Mütter retten ihre Brut; eine Gewitterfront nähert sich von Westen, Schwüle in den Straßen. Das Jahr schon alt und klebrig von Erinnerungen. Man wartete ungeduldig. Die Seen auf Badeenten, auf rosa Krokodile, die aufgeblasen lagen und herunterschauten durch schwarz lackierte Balkongeländer, erwartungsvoll. Die wahre Hitze wollte nicht durchbrechen in diesem Sommer. (mehr …)

[LiSe 03/22] Rezension: Wie sich Literatur feiern lässt

Die Jahre des Petrarca-Preises

Von Katrin Diehl

Natürlich hat dieser Band etwas Wehmütiges. Vielleicht hatte man sich ja mal wieder getroffen, hat einmal tief durchgeatmet und gesagt, „da sollte ja eigentlich schon was bleiben von diesem Preis …, eine Art Chronik …, das müsste doch machbar sein …“ Vielleicht hat dieses Treffen ja in der Schackstraße gleich beim Siegestor stattgefunden, dort bei H. Burda, wo die Idee vor fast 50 Jahren ihren Anfang genommen hatte. (mehr …)

[LiSe 03/22] Junge Literatur und Literatur für Junge

Wortspiele“, ein internationales Festival junger Literatur, lädt heuer zum 22. Mal ins Muffatwerk ein. An drei Abenden stellen 30 junge Autor*innen aus Deutschland, Österreich, Russland und der Schweiz ihre Werke vor. Die Texte sind vielfältig, verhandeln die Suche nach Zugehörigkeit und Sinn, legen verborgene Zusammenhänge bloß und öffnen den Blick auf die Zukunft, wie die literarischen Debütant*innen sie sehen. Am 9. 10. und 11. März lesen die Autorinnen und Autoren ab 20 Uhr jeweils 20 Minuten lang. Genannt seien hier – und das ist wirklich nur eine Auswahl – Yade Önder am Mittwoch, Benedikt Feiten am Donnerstag und Annika Domainko am Freitag. Eine Kunstinstallation von Nikolai Vogel und Musik von Kilian Fitzpatrick und Nikolai Vogel runden das Programm ab. Am Freitag wird der Bayern-2-Preis verliehen. Und am Sonntag, 13. März (12.30 Uhr) gibt es bei Bayern 2 Ausschnitte und den Text des Preisträgers zum Nachhören. (mehr …)

[LiSe 02/22] POP PUNK POLITIK Die 1980er Jahre in München – eine Ausstellung in der Monacensia

Von Stefanie Bürgers

Wenn die Erde schreien könnte wären wir schon alle taub“, krakeelt ein knallgelbes Graffiti auf grauer Ziegelwand im Alabama-Gelände. Es geht um Protest, um Autonomie. Die Ausstellung „Pop Punk Politik“ ist als „fließendes Projekt“ konzipiert. Während ihrer Laufzeit bleibt die Monacensia im Austausch mit Zeitzeugen, um Lücken im Gedächtnis der Stadt zu schließen. Eine Art Feldforschung also. Viele Exponate stammen aus der privaten Hand der jeweiligen Künstler*innen, Fotograf*innen, Kulturschaffenden und präsentieren eine junge, vielfältige Text- und Medienproduktion. Digital ist derzeit bereits „Volume 2“ zu sehen. (mehr …)

[LiSe 02/22] Kolumne: Literally

An Journalistenschulen hört man, dass es wichtig sei, schön zu schreiben, noch wichtiger aber sei es, wahr zu schreiben. „Sei“, „sei“, „zu schreiben“, „zu schreiben“… Kurz aufeinanderfolgende Wortwiederholungen. Nicht sehr schön, aber der Satz ist wahr und darauf kommt es an. Zumal Zeitungsmenschen oft unter Zeitdruck stehen und nicht jedes Wort fünfmal umdrehen oder sich auf die krampfhafte Suche nach Synonymen, die am Ende doch nicht ganz so synonym sind, machen können und wollen. Dass es oft genug möglich ist, schön und wahr zu schreiben, zeigen Aussprüche, die man sich am liebsten übers Bett hängen würde. Wie zum Beispiel: „Sagen, was ist.“ Ist vom großen Magazinmacher Augstein (und jawoll: ein Hoch auf 75 SPIEGEL-Jahre!) und gerade in seiner Knappheit wirklich wunderbar. Und wahr ist er auch noch. Fast zu schön, um wahr zu sein, könnte man ein bisschen böse witzeln. Na, ja. (mehr …)

[LiSe 02/22] Jung und schreibend (Folge 6): Caitlin van der Maas

Rhythm is it

Von Katrin Diehl

Wie geht es los mit einem Text? Was genau gibt den Startschuss fürs Schreiben und wie geht’s dann weiter? Die Autorin und Regisseurin Caitlin van der Maas antwortet auf diese Frage mit einem tollen KatzebeißtsichindenSchwanz-Satz: „Am Anfang steht das Wort, das zu einem Bild wird und dieses Bild wird zu meinem Leitfaden entlang dessen ich nach weiteren Worten suche und darüber finde ich dann auch die Menschen, die meine Texte ausstatten, aber auch die, die mich bei meinen Stücken begleiten und also eventuell auch die Komponisten, die Musik entwerfen, die dann wiederum zu meinen Worten passt und damit ergibt sich das nächste Wort …“. (mehr …)

[LiSe 02/22] Lyrische Kostprobe: Bunt und betörend

Der Maler, Grafiker, Keramiker und Autor Stefan Wehmeier hat viele Jahre als Kunstkritiker und freier Journalist für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. 2021 ist in der Dortmunder „edition offenes feld“ sein Lyrik-Band  „Und draußen der Tag“ erschienen. Das Buch versammelt Gedichte aus den letzten 25 Jahren und ist somit auch eine kleine Zeitreise von hier nach dort  und anderswo.

Stefan Wehmeiers Gedichte bekennen sich zur mutigen Einfachheit –, es reihen sich kurze Szenen aneinander, die vielfach Natureindrücke verarbeiten, bunt und betörend. Nicht selten „erzählen“ die Gedichte von unterwegs, spiegeln diese Momente aus dem Blickwinkel des Malers wider, der genau erkennt, worauf es ankommt.Und über allem liegt eine Melancholie, der man sich nur schwer entziehen kann. (mehr …)