[LiSe 10/21] Kolumne: Deppen und Genies

Der schöne Buchtitel „I mog di, ob-woist a Depp bist“ ist keineswegs auf den Bairischen Landwirt und Nebenerwerbspolitiker Hubert A. gemünzt, das wäre ja Majestätsbeleidigung, möglicherweise, und hätte, zumindest wenn wir uns hundert Jahre zurückversetzen, sechs Monate Festungshaft, die gute alte „custodia honesta“, zur Folge. (mehr …)

[LiSe 10/21] Jung und schreibend (Folge 2): Unterwegs

Leander Steinkopf

Von Ursula Sautmann

Drei Tage lang schlendert der Protagonist durch Berlin – ziellos, einsam, wachsam und allzeit bereit zum gnadenlosen Urteil. Unterwegs macht er immer nur kurz Halt. Der Ich-Erzähler in „Stadt der Feen und Wünsche“ (Hanser Berlin), ein junger Mann, konfrontiert die Menschen (und die Leser*innen) mit seiner Bitterkeit, seiner Überheblichkeit und seiner Empfindsamkeit. „Die Radfahrer verpesten die Umwelt mit ihrer Vorbildlichkeit“, mosert es der Leserin entgegen. Aber da klingt auch viel Sehnsucht an im Debüt von Leander Steinkopf. Und Komik. (mehr …)

[LiSe 10/21] Lyrische Kostprobe: Ohne Distanz

Seit Jahresbeginn läuft das Litauische Kulturjahr unter dem Motto: „Ohne Distanz – Litauische Kultur in Bayern 2021“

Im Lyrik Kabinett wird am 7. Oktober der Litauische Lyriker und Bürgerrechtler Tomas Venclova im Gespräch mit dem Schriftsteller und ehemaligen Verleger des Carl Hanser Verlags, Michael Krüger, auftreten. Außerdem stellen sich Lyriker*innen der jüngeren Generation Litauens vor: Aušra Kaziliūnaitė, Giedrė Kazlauskaitė und Marius Burokas, von dem wir hier das Gedicht „mieste karantinas“ im Original und in deutscher Übersetzung präsentieren dürfen. Wir danken dem Autor und dem Portal „lyrikline“ (www.lyrikline.org), wo man mehr über den Verfasser und über litauische Lyrik erfahren kann. (mehr …)

[LiSe 10/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Oktober diese Neuerscheinungen:

Sarah Moss: Geisterwand
Piper Verlag

In die Vergangenheit eintauchen ist das Hobby von Silvies Vater. Diesen Sommer soll die Familie versuchen zu leben wie in der Eisenzeit. Zusammen mit Studierenden eines Kurses in Empirischer Archäologie und deren Professor verbringen sie ihre Zeit im Wald mit Jagen, Sammeln und dem Nachstellen archaischer Bräuche. Das Gefährliche daran: Silvies Vater ist gewalttätig und übt gerne Macht aus. Dadurch entwickelt sich eine unheilvolle Dynamik. Sarah Moss erzählt die Geschichte aus Sicht des jugendlichen Mädchens und schafft eine Atmosphäre, die einen unmittelbar ins Geschehen hineinzieht. (mehr …)

[LiSe 10/21] Kurzgeschichte: AUSZÜGE

Als ich die letzte Bücherkiste in den Corsa gestopft, barfuß meine Schuhprofile aus den gähnenden Räumen gewischt und den Bauch der Tapete von innen befühlt habe, denke ich an David. Ich lege das Schlüsselpaar auf den Tisch, zähle die Kratzer im Parkett und überlege, wie es gewesen sein mochte, gewesen war, David und ein Jahrzehnt lang zwanzig zu sein. Das Studium, die Jahre in dieser Berliner Weltkriegswohnung vor, nicht hinter sich zu haben. Von dieser post-postadoleszenten Besessenheit von Zahlen nichts zu ahnen und das nicht schätzen zu müssen. (mehr …)

[LiSe 10/21] Rezension: „Der Familie entkommen wir nicht, sie macht uns aus“

In seinem neuen Roman beschäftigt sich Jo Lendle mit dem Einfluss, den Familie auf das Leben des Einzelnen hat

Von Katrina Behrend Lesch

Was ist Familie? Gemäß der traditionellen Definition ein Ehepaar, das mit seinen Kindern in einem Haushalt wohnt, im weitesten Sinn Personen, die zusammenleben und gemeinsam den Alltag gestalten. So kann man es in einschlägigen Artikeln nachlesen. Aber eigentlich geht es Jo Lendle in seinem neuen Roman „Eine Art Familie“ gar nicht so sehr um diese Frage oder besser gesagt, um eine stimmige Antwort. Auch wenn beiderlei Lebensformen eine wesentliche Rolle in dieser Geschichte spielen, die zufällig seine eigene ist. Womit sich der Autor die Sache nicht leicht gemacht hat. (mehr …)

[LiSe 09/21] Von Vilnius in die Welt: Litauisches Kulturjahr in Bayern 2021

Von Michael Berwanger

Rimantas Kmita, Rasa Aškinytė, Jurga Ivanauskaitė? Nie gehört? Dabei sind das drei wichtige Autor*innen der Literaturszene Litauens. Ist es nicht seltsam, dass Schreibende aus dem Osten – selbst 30 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs – bei uns immer noch fast unbekannt sind, während uns die Literaten aus Frankreich, Italien oder gar Amerika beinahe selbstverständlich präsent sind? Dabei hat Litauen seit seiner Unabhängigkeit wieder eine vitale Literaturszene. (mehr …)

[LiSe 09/21] Kolumne: Quanten-Sprüche

Felix Krull kommt ins Kino, na endlich! Thomas Manns „Bekenntnisse“ wurden zwar schon mal mit Horst Buchholz als Hochstapler und später in einer TV-Serie auf Leinwand und Bildschirm geworfen. Aber die Zeiten rufen nach neuer Version. Polit-Darsteller mit narzisstischem Rufzeichen bevölkern die Szene, wir brauchen den tiefen Blick ins Literarische, um Quelle und Folgen dieses ergötzlichen Charaktermodells scharf zu erkennen. Zumal in Bayern. (mehr …)