[LiSe 07/21] Lyrische Kostprobe: Streng und spielerisch

Andrzej Kopacki, geboren 1959, ist Essayist, Lyriker, Übersetzer sowie Dozent an der Warschauer Universität und bei der Literaturzeitschrift Literatura na Świecie. In einem Ton und Rhythmus, der streng und spielerisch zugleich ist, wendet sich der Warschauer Dichter in der Sammlung „Gedichte für Marianna“ an ein Kind und an die Welt, an Königinnen und Liebhaber, an Hunde und Obstfliegen und Kellnerinnen im Hafen. Seine Form: Sonett und freier Reim …, und wissen Sie noch, was eine asklepiadeische Ode vom Dichter verlangt? (mehr …)

[LiSe 07/21] Literaturarbeit: Siehe oben

Auf der Bühne wird gesprochen, darüber schwebt Text

Von Katrin Diehl

Übertiteln“! Wie schön einem dieses Wort gegen den Strich geht. Wie einfach es sich zusammensetzt, ganz entlang einer Tätigkeit, die wenig Aufhebens von sich macht. Yvonne Griesel ist professionelle Übertitlerin, übertitelt schon eine ganze Weile, ohne dass ihr dabei die Faszination für das, was da eigentlich zwischen Sender und Empfänger mit Sprache so geschieht, abhanden gekommen wäre. (mehr …)

[LiSe 07/21] Kurzgeschichte: Starkregen

Von Isa Bellini

Als Dominique – wie er es an jedem Abend nach der Arbeit tat – den Hügel hinab ging, erschrak er nicht nur deshalb, weil der wochenlange Regen seinen Trampelpfad einfach weggewaschen hatte und er ins Rutschen kam, nein auch, weil ihm plötzlich ein gläserner Aufzug im Wege stand, mitten im Dickicht des Isar-Wäldchens.

Der Regen lief ihm ins Genick. „Nichts wie rein“ dachte er. Falsch gedacht – die Kabine war voll, total voll, voll mit weißem Pferd und noch schlimmer. Die dampfenden Pferdeäpfel vernebelten die Glaswände und stanken ihn aus der offenen Türe an. (mehr …)

[LiSe 07/21] Buchempfehlungen der Redaktion

Zwischen Ural und Kamtschatka

Von Katrina Behrend Lesch

Kälte, Straflager, Verbannung,– das verbindet man gemeinhin mit Sibirien, aber sicher nicht Klaviere. Die britische Journalistin Sophy Roberts belehrt uns eines Besseren. Beseelt von dem Gedanken, für die mongolische Pianistin Ogderel Sampilnorow einen Konzertflügel aufzuspüren, begibt sie sich zwischen Ural und Kamtschatka auf die Suche nach Sibiriens vergessenen Klavieren. So erfährt man, dass selbst in die entlegensten Orte dieses Riesenreichs, gefördert sowohl von Katharina der Großen als auch Lenin, die kulturelle Bildung vorgedrungen war und dass mit den Geschichten der Bechsteins, Broadwoods, Erards oder Stürzwages, die Roberts aufstöbert, die Geschichte Russlands eng verbunden ist. (mehr …)

[LiSe 06/21] Es kommt auf den Text an!

Zur Frage: Wer darf welche*n Autor*in übersetzen?

Von Ursula Sautmann

Als Amanda Gorman bei der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden ihr Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug, hat sie sich an die Welt gewandt. Nicht überall wird der Text verstanden, er muss übersetzt werden. Es braucht also Übersetzer*innen, um dem Text Geltung zu verschaffen. Meist entscheiden die Verlage in Absprache mit dem*r Autor*in über die Auftragsvergabe, sagt Tanja Handels, die seit 2003 literarische Texte aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, u.a. von Zadie Smith und Bernardine Evaristo. Übersetzer*innen bewerben sich oder werden empfohlen. Für das Gedicht von Amanda Gorman hatte ein niederländischer Verlag Marieke Lucas Rijneveld den Auftrag erteilt. Rijneveld ist eine junge weiße, non-binäre Lyrikerin. Sie gab den Auftrag zurück, als kritisiert wurde, dass keine Schwarze Übersetzerin gewählt wurde. „Ist es nicht mindestens eine verpasste Chance…?“, fragte die Journalistin Janice Deul in einer niederländischen Tageszeitung. (mehr …)

[LiSe 06/21] Kolumne: Heißes Leben

Und mit dem Sommer, so heißt es, kommen die Wölfe (und wo der Wolf heult, ist der Luchs nicht weit). Jetzt sogar Bissingen, frommes Schwabenland! Dort wurde er Anfang Mai fotografiert, der Wolf, nur 99 km vor München, Luftlinie. Der Bürgermeister ließ, während man hier noch über den zweiten „Wiesn-Verzicht“ palaverte, die Zäune höher ziehen. Ausgerechnet Bissingen – was für ein Omen! Das kann doch kein Zufall sein. Aber der Wolf kommt, wohin er will. Und wann er will. Die Sommer sind ihm egal, denn der Sommer ist nicht mehr der alte! (mehr …)

[LiSe 06/21] Lyrische Kostprobe: Weiche warme Tiere

Slata Roschal, geboren 1992 in Sankt Petersburg, ist Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt bei München. Ihr Debütband Wir verzichten auf das gelobte Land erschien 2019 bei Reinecke & Voß in Leipzig. RED

Den Anfang machten alte Frauen

Sie ließen verbliebene Haare toupieren und wellen

Dann kamen Piloten dazu Kapitäne zur Hälfte gerauchte Zigarren

Es kam ein Schwarm dazu an Libellen

Ein guter Tod ist ein verjährter Tod (mehr …)

[LiSe 06/21] Porträt: Immer wieder neue Stücke braucht das Land

Über hundert Jahre im Dienste des Theaters: Der Drei Masken Verlag

Von Katrin Diehl

Der 110. Geburtstag musste ausfallen. Auf den 111. hofft man, hofft auch Dirk Olaf Hanke (58), seit Ende 2016 Verlagsleiter des „Drei Masken Verlag“, einem der ältesten Theatertextverlage Deutschlands. Seit 1951 hat er seinen Sitz in München, nach Unterbrechungen also wieder dort, wo er 1910 gegründet worden ist. Über hundert Jahre Verlagshistorie spiegeln – wie sollte das auch anders sein – den Lauf deutscher Geschichte wider. Das Verlagshaus zog um ins große Berlin, dort auch gleich in die Friedrichstraße. Später ging’s wieder zurück nach München. Adresse heute: Herzog-Heinrich-Straße, Nähe Theresienwiese. (mehr …)