[LiSe 11/20] Ois is blues

Die literarische Haltung des Bluesmannes Willy Michl

Von Michael Berwanger

Es kann sein, dass den Jüngeren der Bluesmann und Isarindian Willy Michl kein Begriff mehr ist. Wer aber – wie ich – in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Bayern sozialisiert worden ist, dürfte den kraftvollen Münchner kennen, der schon Blues und bayerische Sprache zusammenbrachte, als das Sujet „Heimatsound“, das der BR so gerne für sich in Anspruch nimmt, noch gar nicht erfunden war. (mehr …)

[LiSe 11/20] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Für November empfehlen die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken diese Neuerscheinungen:

Joanna Nadin: Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen
Limes

Im Juli 1976 zieht die sechsjährige Dido mit ihrer Mutter Edie von London in eine Kleinstadt in Essex – dort hat Edie ein kleines Häuschen geerbt. Edie ist cool und unangepasst, sie gibt nichts darauf, was andere von ihr denken. Dido jedoch sehnt sich nach Halt und Geborgenheit in einer intakten Familie – und die entdeckt sie nebenan: Die Trevelyans – Mutter, Vater und zwei Kinder – sind alles, was sie sich immer erträumt hat. Fortan ist Didos Schicksal untrennbar mit ihnen verbunden, doch dabei zeigt sich, dass auch eine scheinbar perfekt angepasste Familie keine Garantie für ein glückliches Leben ist. (mehr …)

[LiSe 11/20] Rezension: Orient trifft Okzident

Christine Wunnicke knüpft in ihrem kleinen, großen Roman an 1001 Nacht an

Von Antonie Magen

Der eine nennt das Sternbild Kassiopeia, der andere die Dame mit der bemalten Hand. Der eine ist ein Göttinger Mathematikstudent, der andere der Astronom des Fürsten von Jaipur. Der eine hat als Einziger eine wissenschaftliche Expedition überlebt, der andere befindet sich mit seinem Diener auf einer Pilgerreise. Der eine wird von Malariaanfällen geschüttelt, der andere ist entschlossen, das „Sumpffieber“, wie die Krankheit im 18. Jahrhundert genannt wird, zu bekämpfen. Der eine ist die historisch verbürgte Person Carsten Niebuhr, der andere die fiktive Figur Musa al-Lahuri. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, wären sie sich nie begegnet. Durch Zufall aber stranden beide im Jahr 1764 auf der kleinen Insel Gharapuri im indischen Ozean und warten gemeinsam auf Rettung. (mehr …)

[LiSe 10/20] WAS MIT SPRACHE

Keine Frankfurter Buchmesse?
Ein Dichter dichtet einfach weiter …

Von Katrin Diehl

Uwe-Michael Gutzschhahn ist breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist, in Bochum Germanistik und Anglistik studiert, anschließend über Christoph Meckel promoviert hat, ist – so lässt sich das eindeutig sagen – als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … in Sachen „Sprache“ unterwegs. Sie steht im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und das beinahe ohne Unterlass. Das klingt anstrengend, wären da nicht heitere Passion und unbändige Faszination mit im Boot, die sich dem offenbaren, der sich längst mit leichten Schwingen über die Ebene nüchterner Kommunikationsmodelle erhoben, die reine Funktionalität der Sprache als Fakt registriert und einfach abgehakt hat. „Wenn man bedenkt, dass man nur mit der Sprache das Gegenteil der Realität denken und ausdrücken kann …“, sagt Gutzschhahn. Auf das „Dann“, das da eigentlich noch folgen müsste, verzichtet er vielsagend. Gibt sich und seinem Gegenüber Zeit zum Staunen. (mehr …)

[LiSe 10/20] Kolumne: Hoamat!

Schön, dass Sie da sind. Bitte beachten Sie …“ Die neue Begrüßungskultur der Deutschen Bahn auf vielen Plakaten – vorbildlich! Das macht natürlich Schule. Schön, dass Sie das lesen, verehrte Leser, wundervoll! Bitte halten Sie während der Lektüre Abstand zu Ihrem Nachbarn und/oder Mund und Nase bedeckt und niesen Sie nur in den Ellenbogen! Verlieren Sie nicht die Selbstkontrolle, selbst wenn der Inhalt Sie nerven sollte, fahren Sie nicht aus der Haut, vor allem, wenn sie noch vom Urlaub an den bayerischen Seen gebräunt ist!

Werbeslogans können Gesellschaft spiegeln, greifen Trends auf. Etwa der Spruch „Sei frei, verrückt und glücklich!“ auf einer beliebten Tube mit Aroma-Dusch-Lotion – verrät er dem geschulten Privat-Soziologen nicht sofort die Regression des Anspruchs auf Glück, des ur-amerikanischen „Persuit of Happiness“ ins Allerprivateste, die Duschkabine? Und was verrät der Baumarkt-Spruch „Hier werden Sie geholfen“? Ist das Ausländer-Verhöhnung oder spielt das auf die bemerkenswerte Sprachgewalt der Baumarkt-Bastelkunden an, die bekanntlich ihren Jahresurlaub dortselbst verbracht haben? (mehr …)

[LiSe 10/20] Literarische Archive (Folge 18): Die Deckung der Langsamkeit

Anmerkungen zu den Archiv-Aufkäufen der Familie Nadolny

Von Michael Berwanger

Originäre Aufgabe literarischer Archive ist, das kulturelle Erbe einer Nation oder einer Region zu bewahren und zu pflegen. Während sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach dem gesamten deutschsprachigen Raum widmet, versucht die Monacensia das literarische Erbe jener Personen zu bewahren, die in München gelebt oder gewirkt haben und deren Literatur für die kulturelle Identität der Stadt und seiner Bevölkerung von Bedeutung ist. Zu diesem Zweck hat die Monacensia, die eine Einrichtung der Münchner Stadtbibliothek ist, fünf Planstellen zuerkannt bekommen, von denen derzeit allerdings nur vier besetzt sind. Archivankäufe, die das „normale“ Jahresbudget übertreffen, müssen vom Stadtrat genehmigt werden. So darf es niemanden wundern, dass Vor- und Nachlässe, die der Monacensia vermacht oder verkauft wurden, oft lange warten müssen, bis sie – katalogisiert – der Öffentlichkeit zugänglich sind.

So ergeht es derzeit auch dem Vorlass, den Sten Nadolny – Autor des Weltbestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – dem Literaturarchiv der Stadt München im März übergeben hat. Dieser gilt als äußerster Glücksfall, da er nicht nur Sten Nadolnys Vorlass umfasst, sondern auch die Nachlässe seiner Eltern Isabella und Burkhard Nadolny. (mehr …)

[LiSe 10/20] Deutscher Buchpreis: Endspurt

Es ist das Leid der Monats-Publikationen nicht in die Zukunft blicken zu können. So ist bei Redaktionsschluss noch nicht absehbar, wer den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhält.

Sicher ist nur, dass die Münchner Autorin Christine Wunnicke auf der Shortlist unter den sechs Finalist*innen steht. Den Literaturpreis der Landeshauptstadt München hat sie im August erhalten – das lässt hoffen.

In der November-Ausgabe der LiteraturSeiten München werden wir Wunnickes neuen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ rezensieren und uns der Autorin ausgiebig widmen – egal wie es ausgeht. Einstweilen drücken wir ihr die Daumen.

Die Preisverleihung findet am 12. Oktober 2020 statt.
www.deutscher-buchpreis.de  

[LiSe 10/20] Kurzgeschichte: BIRKEN

Von Laurie Ann Johnson
Aus dem Amerikanischen übertragen von Michael Berwanger

Und, was willst du in deiner Pause machen?“ Die Mutter des Mädchens blickte kaum von ihren Papieren auf, in die sie in der letzten Stunde – oder war es länger – Anmerkungen gekritzelt hatte. Sie arbeitete weiter, denn es sollte beiläufig klingen und ihr wildes und übersensibles Kind nicht erschrecken.

„Ich geh mit meinen Freunden – den Bäumen – spielen.“ Aha!

Diese von ihr unverhoffte Tochter hatte sie oft gleichzeitig überrascht, bekümmert und erfreut – in vielen Situationen während der letzten sechs Jahre, und das vom Anbeginn der Schwangerschaft. In Anlehnung an die biblische Geschichte mit Abrahams lang ersehntem, aber nicht mehr erwarteten Sohn, nannte sie ihre Neugeborene Sarah, wobei sie natürlich die Rollen vertauscht und alles umgekehrt genommen hatte. (mehr …)