[LiSe 04/19] Literarische Archive (Folge 3): Spuren eines dichterischen Lebens

Lion Feuchtwangers schriftliche Hinterlassenschaften

Von Antonie Magen

Wenn einer ins Exil geht, nimmt er nicht viel mit. Er hat die Kleider bei sich, die er auf dem Leib trägt, und vielleicht noch einen oder zwei Koffer mit persönlichen Habseligkeiten. Was er zurücklassen muss, sind Bücher, Arbeitsunterlagen, Manuskripte, Briefe, kurz all das, was bei einem Schriftsteller Instrument und Produkt seiner Arbeit ist.

So ähnlich ging es Lion Feuchtwanger, der im November 1932 zu einer Vortragsreise nach England und in die USA aufbrach. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 kam er nicht mehr nach Deutschland zurück. Die Rückkehr auf den europäischen Kontinent war eine Rückkehr nach Frankreich, wo er mit genau dem Gepäck ankam, das er für die Reise gepackt hatte. Seine umfängliche Bibliothek blieb in Berlin, ebenso Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Das Haus im Grunewald, das Feuchtwanger seit Mitte der 20er-Jahre bewohnte, wurde von der SA geplündert, Papiere vernichtet. Aber auch Frankreich bot nur vorübergehend Schutz. Nach der Internierung im Lager Les Milles war er in ein zweites Exil gezwungen: 1940 emigrierte er in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1958 in Los Angeles lebte. (mehr …)

[LiSe 04/19] Buchtipps aus erster Hand

Die Internationale Jugendbibliothek empfiehlt für April diese beiden Neuerscheinungen:

Frida Nilsson:
Ich und Jagger gegen den Rest der Welt
Gerstenberg Verlag 

Was macht jemand mit Leuten, die einem das Leben zur Hölle machen, so wie der achtjährige Bengt, der von den Nachbarskindern gepeinigt wird? Jagger, ein obdachloser und sprechender Hund, weiß es ganz genau. Man muss es ihnen heimzahlen. Kompromisslos und radikal leuchtet Frida Nilsson in ihrem neuesten Kinderroman die Beweg- und Abgründe menschlichen Verhaltens aus, erzählt ohne Zensur, ohne Filter von Weggucken und Feigheit, von Traurigkeit, Einsamkeit und Ohnmacht und beweist einmal mehr, welch Ausnahmeautorin sie ist. (mehr …)

[LiSe 04/19] Kurzgeschichte: Angeschwirrte Verwandlung

Von Jens Rohrer

Als ich im letzten Winter an einem kalten Schneetag unterwegs nach Hause war, lag da ein Meisen-Knödel am Boden. Da er auf dem Boden für jede Katze erreichbar war und somit jeder Vogel, der sich ihm näherte, in Gefahr, steckte ich ihn ein. Ich hatte nie auch nur daran gedacht, des Winters Tiere mit Nahrung zu versorgen, aber was konnte es schon schaden. In meiner Wohnung legte ich in Ermangelung eines Balkons den Knödel auf das Fensterbrett und fixierte ihn mit einer Reißzwecke. Bald ertappte ich mich dabei, wie ich einen Vogel beobachtete. Mein Lesesessel war auf das beknödelte Fenster gerichtet und einmal blickte ich von meinem Buch auf und sah einen Vogel dort landen. Und wenn ich schon mal hinsah, konnte ich auch die Gattung des gefiederten Gesellen herausfinden. Blaumeise wohl am ehesten. Als ich aber meinen Laptop zum genaueren Abgleich ans Fenster hielt, flog er davon. Ich blieb am Fenster stehen und wartete auf seine Rückkehr. Bald kam er wieder angeschwirrt, landete auf dem Blech, trippelte, trapste und hopste Richtung Futterquelle und pickte ein bisschen, bis er mein Gesicht hinter der Scheibe sah, erschrak und abermals flüchtete. Ich las weiter, bis ich wieder das Geräusch von Vogelkrallen auf dem Fensterbrett hörte. Wieder eine Choreographie aus Trippeln und Trapsen und Hopsen und er blieb auch, als ich mich der Scheibe näherte. (mehr …)

[LiSe 04/19] Rezension: Ankommen im Gespräch, im Erzählen

Eine Anthologie mit Geschichten über Aufbrüche und Ankünfte

Von Slávka Rude-Porubská

Die Somalierin Amal versengt sich in der Zugtoilette die Fingerkuppen, damit sich die Spuren ihrer Irrfahrt durch Europa nicht über ihre Fingerabdrücke verfolgen lassen. Für den jungen Politikwissenschaftler ist der Umzug von Manchester an die Universität im norwegischen Bergen die nächste Station seiner internationalen Karriere, schließlich genießt er Freizügigkeit mitten im prosperierenden, vernetzten Europa. Beide Lebensläufe haben Eingang in die Anthologie „Wir sind hier. Geschichten über das Ankommen“ gefunden. Fridolin Schley erzählt von Amal, die sich von außen, von den europäischen Rändern – über die Ukraine, Slowakei und Österreich – dem sicheren München annähert. Ob sie wirklich dort ankommt? Ob sie wirklich der Gewalt der Terrormiliz in ihrem Heimatland entkommt, wenn sie ihr doch, in abgewandelter Form, an den Grenzübergängen und in Asyllagern begegnet? Georg Picot hingegen beschreibt den wiederholten, scheinbar mühelosen Arbeitsortwechsel als Wettbewerbsvorteil für akademische Nomaden innerhalb des globalen Wissenschaftsbetriebs. (mehr …)

[LiSe 03/19] Ein offenes Haus für junges Publikum

1926 als Kino erbaut, nach dem Krieg kurzzeitig Operettenbühne, Ende der 60er die Disko „Blow up“, seit 1977 Spielstätte des Theaters der Jugend, ist die SCHAUBURG heute ein offenes Haus, in dem ein junges Publikum Theater in vielfältigen Formen erlebt.

Von Stefanie Bürgers

Eine Burg, trutzig, gar verstaubt? Keineswegs. „Mit jeder Inszenierung suchen wir, der Komplexität, der Lebensrealität unseres Publikums gerecht zu werden“, so Dramaturgin Anne Richter. Während es in der Kleinen Burg unmittelbare Theaterbegegnungen für die jüngsten Zuschauer gibt, wie z.B. Holperdiestolper (Ensembleproduktion), Peter und der Wolf (von Thomas Holländer und Markus Reyhani, nach Prokofiew), bietet die Große Burg mit ihrer räumlichen Mobilität eine ideale Spielstätte für immer andere, neue Sitz- und Sehweisen. Das war nicht immer so. (mehr …)

[LiSe 03/19] Kolumne: Lesen – und jauchzen!

Endlich zeigt sich Licht in diesem über die Jahre angewachsenen und inzwischen völlig unübersichtlichen Dickicht von 100.000 neuen Titeln pro Jahr. Wie soll man sich da zurechtfinden? Selbst die Bestseller sind zu viele geworden. Und außerdem: da sind ja Titel dabei, die – äh – also es ist halt die Wahrheit: die muss man nicht unbedingt gelesen haben. Nun aber die erfreuliche Entwicklung: ein neuer Autorentyp und eine zeitgemäße Vermarktung weisen uns den Weg durch den Titeldschungel. Die neuen Schriftsteller heben sich angenehm ab von diesen pseudointellektuellen Profischreibern, die – das muss mal konstatiert werden – nichts anderes gelernt haben, als in mehr oder weniger skurriler Art und Weise ihre Weltsicht darzulegen. Manche beschreiben nur ihr langweiliges Schriftstellerdasein. Sonst haben die nix vorzuweisen.  (mehr …)

[LiSe 03/19] Lyrische Kostprobe

Losgebunden

Da hast du die Felder gesehen, von weitem,
um Basra, lauter verlassene.

Was hier starb, legt keine Spur und
flog nicht mit Signalen als Nachricht.
Rufe auf dem Markt, zu hören die
Stille der Händler mit ihren alten Figuren
aus Ton und Kupfer. (mehr …)

[LiSe 03/19] Junge Literatur: The winner is …

Die PULS-Lesereihe 2019 des Bayerischen Rundfunks hat ihren Sieger im „Bahnwärter Thiel“ (Schlachthof-Quartier) ermittelt. Zum Motto „Habt ihr keine anderen Probleme“ präsentierten fünf Autor*innen unter 30 Jahren aus ganz Bayern vor etwa 250 Zuhörern zwischen Schiffswracks und Jahrmarktschaukeln im großen Finale ihre Storys. Dazwischen donnerte die bayerische Rapgruppe Bavarian Squad ihre Verse, die viele Besucher auswendig mitsangen. Zum Sieger wählte das jugendliche Publikum den Münchner Max Slowioczek, 28, dessen Text Männer-Freundschaft, Flüchtlingskrise und Fußball geschickt montiert und das Recht auf Privatheit betont. Er wird mit einer Reise zur Leipziger Buchmesse und einem „exklusiven Schreibworkshop“ am Deutschen Literaturinstitut belohnt. Zu hören sind alle Texte als Podcast unter www.br.de. Im kommenden Dezember folgt die nächste Ausschreibung!

Wolfram Hirche